Leseprobe: Bad Boss Daddy

Kapitel 1 Lucy

Normalerweise brachten mich ältere Männer nicht zum Weinen. Aber heute war kein normaler Tag. Verschämt wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich mochte keine Abschiede. Schon gar nicht von Menschen, die ich wirklich liebgewonnen hatte. Und Mr. Perkins zählte eindeutig dazu, denn er war der beste Chef, den man sich nur wünschen konnte.

Direkt nach dem College hatte ich meine Stelle als persönliche Assistentin bei ihm angetreten. Obwohl ich anfangs noch viele Fehler gemacht und von unzähligen Sachen keine Ahnung gehabt hatte, war er immer nachsichtig gewesen. Er war der Inbegriff des gewitzt-gemütlichen Geschäftsmannes, der Deals nach einem guten Essen bei einem doppelten Whisky aushandelte. Dieser Vorliebe musste er nun Rechnung tragen – sein Herz machte nicht mehr mit, weshalb sich die ganze Belegschaft des Unternehmens im Foyer versammelt hatte, um dem Firmengründer Lebewohl zu sagen.

»Meine lieben Mitarbeiter, ich kann Ihnen allen gar nicht sagen, wie schwer es mir fällt, mich heute in den Ruhestand zu verabschieden. Dieses Unternehmen ist mein Leben. Mein Lebenswerk. Und ich bin unglaublich stolz auf jeden Einzelnen von Ihnen. Tag für Tag haben Sie Ihre ganze Energie und Tatkraft dafür verwendet, dass sich Perkins Inc. seit Jahrzehnten erfolgreich auf dem Weltmarkt behaupten kann. Gerne hätte ich weiter an der Front für diesen Erfolg gekämpft – aber meine liebe Frau Michelle und mein geschätzter Arzt Dr. Johnson legten mir eindringlich nahe, die Front zu verlassen und mich in einen der hinteren Schützengräben zurückzuziehen, wenn ich in diesem Leben noch das ein oder andere Glas Whisky genießen will. Und das will ich, so viel kann ich Ihnen versichern.« Arthur Perkins zwinkerte verschmitzt in die Runde. »Deshalb gebe ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge meinen Rücktritt als leitender Geschäftsführer bekannt. Aber keine Sorge, ich werde weiterhin beratend tätig sein, obwohl ich sicher bin, einen würdigen Nachfolger für meine Position gefunden zu haben.«

Augenblicklich war es mucksmäuschenstill im Foyer. Die Perkins hatten keine Kinder, deswegen wurde schon lange gerätselt, wer die Nachfolge des Firmengründers antreten könnte. Die Stelle würde extern besetzt werden, so viel hatte Mr. Perkins durchsickern lassen. Damit wollte er Unstimmigkeiten und Eifersüchteleien innerhalb der Firma verhindern. Doch nicht einmal ich als seine persönliche Assistentin wusste, wen er für diese Stelle vorgesehen hatte.

Nervös strich ich meine Haare hinters Ohr und rückte meine Brille zurecht. Gleich würde das Geheimnis gelüftet werden. Gleich würde ich meinen zukünftigen Boss auf der Bühne stehen sehen.

Mr. Perkins räusperte sich.

»Meine lieben Mitarbeiter, es freut mich, Ihnen den neuen Geschäftsführer der Perkins Inc. vorstellen zu dürfen: Begrüßen Sie mit mir Mr. Rhett Summerville!«

Ein schnittiger Endvierziger betrat die Bühne.

Ich verfiel in Schnappatmung. 

Oh. My. God.

Ich kannte diesen Mann. Ich kannte ihn nur zu gut. Er war der Vater meiner besten Freundin. Ehemals besten Freundin, genauer gesagt. Und ich hatte schon in Jugendjahren heimlich für ihn geschwärmt.

»Rhett, schön, dass du hier bist«, begrüßte Mr. Perkins seinen Nachfolger. Er schüttelte ihm die Hand, bevor er sich wieder an die Belegschaft wandte. »Tja, meine Lieben, was gibt es über Mr. Summerville zu erzählen? Er hat in den letzten fünfzehn Jahren als Interimsmanager beeindruckende Erfolge erzielt. Umso mehr freut es mich, dass ich ihn nun dauerhaft für die Leitung von Perkins Inc. gewinnen konnte. Er wird das Unternehmen zu ganz neuen Wachstumszahlen befördern. Aber noch viel wichtiger: Ich bin mir sicher, dass Sie alle gerne für ihn arbeiten werden. Denn Mr. Summerville weiß genauso gut wie ich, dass es die Mitarbeiter sind, die ein Unternehmen erfolgreich machen. Oder Rhett? So ist es doch?«

»Genau so ist es, Arthur«, dröhnte auf einmal Rhetts sonorer Bass durchs Foyer. »Die Mitarbeiter bestimmen den Erfolg einer Firma. Die Mitarbeiter – und der Geschäftsführer.« Er lachte ein tiefes, selbstsicheres Lachen und präsentierte eloquent seine Vision der nächsten Monate.

Oh Gott, diese Stimme!

Ich hatte ganz vergessen, wie geil sie klang. Wobei, vergessen war das falsche Wort. Ich hatte es verdrängt. So, wie ich von Anfang an versucht hatte, meine Gefühle für Rhett Summerville zu verdrängen. Viele mochten sie als harmlose Schwärmerei eines Teenagers abtun, aber ich wusste, dass mehr dahintersteckte. Zwischen Rhett und mir gab es eine Verbindung. Auch wenn er das niemals zugegeben hätte.

Ich sah mich in der Eingangshalle um. Die weiblichen Mitarbeiterinnen hingen verklärt an Rhetts Lippen, die männliche Belegschaft zeigte durch zustimmendes Nicken, dass sie seine anvisierte Firmenstrategie für sinnvoll befand. Und ich musste an den Kuss denken, den es eigentlich nie hätte geben dürfen.

Sieben Jahre früher, Dezember 2011, Lucy

Es ist kalt. Also nicht wirklich kalt, acht Grad oder so. In meiner Heimat Miami, Florida gleicht das allerdings fast einer Eiszeit. Doch ich spüre keine Kälte. Mein Gesicht glüht, mein ganzer Körper brennt, mein Herz steht in Flammen.

Er hat mich geküsst.

Ich fühle seine Lippen noch auf meinen, fühle die Kraft und die Leidenschaft, mit der Mr. Summerville – ich meine natürlich Rhett, denn wenn man sich küsst, redet man sich doch mit Vornamen an, oder? – meinen ganzen Körper zum Beben gebracht hat.

Leider scheint er nicht einmal annähernd dasselbe zu fühlen wie ich. Vielmehr distanziert er sich von mir, weicht erschrocken einen großen Schritt zurück und starrt mich feindselig an. Die riesige Villa, auf deren Treppe wir stehen – das Vermächtnis seiner Eltern, samt gewaltigem Vermögen – stärkt ihm den Rücken wie ein grimmig dreinschauender Bodyguard. Alles an Rhett wirkt bedrohlich. Abweisend.

»Du hättest nicht herkommen sollen«, stößt er wütend hervor. »Geh jetzt.«

»Rhett«, hole ich aus, doch er bringt mich mit einer unwirschen Handbewegung sofort zum Schweigen.

»Ich sagte, geh jetzt.«

»Aber das zwischen uns, der Kuss …«, versuche ich erneut, ein Gespräch zu beginnen.

Ich will nicht weg von ihm. Ich will nicht nach Hause gehen. Das Einzige, was ich wirklich will, ist in seinen Armen zu liegen.

»Zwischen uns ist nichts, Lucy. Rein gar nichts. Und da wird auch nie etwas sein. Niemals. Du könntest meine Tochter sein. Das ist krank.«

»Ich bin achtzehn. Ich bin erwachsen«, rebelliere ich wie ein Kind.

»Es ist zu viel passiert, Lucy. Geh jetzt. Geh! Und komm nie wieder hierher.«

Tränen steigen mir in die Augen, ein Kloß in meinem Hals macht das Schlucken zur Qual. Aber ich werde jetzt nicht losheulen, ganz bestimmt nicht.

»Auf Wiedersehen, Rhett«, sage ich und schaue ihm fest in die Augen.

Er erwidert den Blick.

Kalt. Emotionslos.

»Auf Wiedersehen, Lucy.«

Ich wende mich ab, will schon zur Treppe gehen, die von der Haustür hinab zu der langen, von einer hohen Hecke gesäumten Einfahrt führt. Aber etwas hält mich zurück. Ich weiß nicht, was es ist. Eine Ahnung, eine leise Hoffnung, ein stilles Sehnen? Ich hebe noch einmal den Blick und schaue in seine Augen. Und da ist es. Ein kurzes Funkeln nur, flüchtig wie der Schlag eines Schmetterlings. Aber ich habe es gesehen. Ich weiß, dass ihm dieser Kuss nicht vollkommen egal war.

Ich weiß es.

Kapitel 2 Lucy

Rhett hatte seine Rede beendet. Die Mitarbeiter verteilten sich in Grüppchen auf die Stehtische im Foyer, an denen Sekt und Häppchen serviert wurden. Mr. Perkins führte seinen Nachfolger von Tisch zu Tisch und stellte ihm seine künftige Belegschaft vor.

»Er ist unglaublich heiß, nicht wahr?« Lydia hatte sich neben mich gestellt und lächelte ihr schmallippiges Lächeln, das immer ein bisschen angestrengt aussah.

Lydia Smith. Chefsekretärin und daher meine engste Kollegin. Leider. In einem früheren Leben war sie bestimmt eine böse Hexe. 

»Er ist vor allem ziemlich alt«, sagte ich betont lässig.

Nicht, weil ich das wirklich dachte. Sondern weil ich Lydia eins reinwürgen wollte. Rhett und sie dürften in etwa das gleiche Alter haben, beide waren Ende vierzig. Aber während Rhett die grauen Schläfen nur noch sexier machten, versuchte sich Lydia mit aller Gewalt, an ihre flüchtende Jugend zu klammern. Sie ging jede Woche zum Friseur, um sich den Ansatz nachfärben zu lassen. Jede Woche! Okay, wir waren in New York City, da ging es nicht so lässig zu wie in Florida, aber jede Woche! Mein Gott, man konnte es wirklich übertreiben. Von den zahlreichen Botoxanwendungen ganz zu schweigen, die ihr Gesicht langsam aber sicher zu einer starren Maske deformierten.

Mein Seitenhieb hatte gesessen. Lydia zog beleidigt von dannen. Ich hielt nach Norah Ausschau. Sie arbeitete in der Buchhaltung und war mir in den letzten drei Jahren, die ich nun bei Perkins Inc. beschäftigt war, eine gute Freundin geworden. Ich schätzte ihren trockenen Humor und ihre direkte Art. Viele hielten die hochgewachsene Texanerin für taktlos und unsensibel, ich fand sie einfach nur erfrischend ehrlich und ungekünstelt.

Zusammen mit Patrick aus der IT-Abteilung stand sie an einem der Stehtische und stopfte sich ungeniert ein Häppchen nach dem anderen in den Mund.

»Hey Lucy, die Dinger sind echt nicht schlecht. Nimm auch eins, bevor sie weg sind«, begrüßte sie mich kauend.

Ich lehnte dankend ab. Im Moment war ich viel zu aufgewühlt, um etwas zu essen.

Norah zuckte nur mit den Schultern und schob sich einen Käse-Trauben-Spieß in den Mund.

»Und, wie findest du unseren neuen Chef?«, fragte Patrick und wies mit dem Kinn zu Rhett Summerville, der mit Mr. Perkins ein paar Tische weiter stand und eine rege Unterhaltung führte.

»Er ist der Vater meiner besten Freundin«, sagte ich.

»Was? Dieser Summerville ist Sarahs Vater? Ich dachte, sie heißt Brooks?« Norah sah mich verständnislos an.

»Meiner ehemals besten Freundin. Theresa Summerville. Wir sind gemeinsam in Miami aufgewachsen.«

»Aha. Und warum ehemals beste Freundin? Hattest du was mit ihrem Dad, oder wie?« Norah grinste mich schief an.

Patrick lachte.

Ich wurde rot. Mein Gesicht glühte richtig.

Verdammt, warum? Niemand wusste etwas von diesem Kuss. Niemand wusste, dass ich schon als Teenager für Rhett geschwärmt hatte. Aber wenn ich ab sofort jedes Mal wie eine Ampel aufleuchtete, sobald jemand seinen Namen nannte, würde es bald kein Geheimnis mehr sein.

»Sie ist weggezogen. Nach Europa«, erwiderte ich knapp.

»Und das macht eine jahrelange Freundschaft kaputt? Gibt es dort keine Telefone und kein Internet?« Norah zog spöttisch die Augenbrauen nach oben.

»Keine Ahnung. Ich habe seit sieben Jahren nichts von ihr gehört. Sie und ihre Mutter wollten neu anfangen, nach der schrecklichen Sache mit …«

»Und das hier sind Ms. Parker, Buchhaltung, Mr. Miller, IT und Ms. Kenwood, Ihre persönliche Assistentin.« Mr. Perkins war unbemerkt an unseren Tisch getreten und stellte uns seinem Nachfolger vor.

Norah streckte sich unbeeindruckt ein Häppchen in den Mund.

Patrick nickte lächelnd.

Und ich wurde rot.

Verdammt.

»Ms. Parker, Mr. Miller.« Rhett reichte beiden die Hand. Als ich an der Reihe war, zögerte er einen Moment, neigte den Kopf, ein paar Millimeter nur, und kniff die Augen zusammen. »Ms. Kenwood«, sagte er schließlich, »schön, Sie kennenzulernen.«

Ich schluckte. Das war jetzt nicht sein Ernst, oder? Norah und Patrick warfen mir seltsame Blicke zu. Ich zwang mich zu einem Lächeln.

»Ganz meinerseits, Mr. Summerville.«

»Was war das denn?«, fragte Norah, als Mr. Perkins und Rhett außer Hörweite waren.

»Anscheinend will er unsere Bekanntschaft nicht an die große Glocke hängen«, antwortete ich beiläufig.

In mir tobte jedoch ein Krieg der Gefühle. Warum tat er so, als seien wir uns nie zuvor begegnet?

»Gib’s zu, du kennst ein dunkles Geheimnis aus seiner Vergangenheit«, sagte Patrick mit tiefer Gruselstimme und wackelte mit den Augenbrauen.

»Sehr witzig.« Ich verdrehte die Augen.

»Wenigstens haben wir ein Jahr Kündigungsschutz. Um deine Stelle brauchst du dich also vorerst nicht zu sorgen. Was immer du mit diesem Summerville in der Vergangenheit auch zu schaffen hattest.«

»Ich hatte nichts mit ihm zu schaffen«, protestierte ich. »Er ist der Vater meiner ehemals besten Freundin – mehr nicht.«

Norah und Patrick warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

»Ihr seid doof«, sagte ich.

»Ist doch nur Spaß.« Norah stieß mir ihren Ellbogen in die Seite. »Oh, oh, Hexe im Anmarsch«, zischte sie dann und rückte ein Stück von mir ab.

»Norah, kommst du bitte? Mr. Summerville möchte mit uns sprechen.« Lydia lächelte mich triumphierend an.

Es bereitete ihr sichtlich den allergrößten Genuss, dass sie von ihm ausgewählt worden war, um mir diese Mitteilung zu überbringen. Dass er sie als erste Ansprechpartnerin sah – und nicht mich.

»Jetzt sofort?«, fragte ich verblüfft.

Schließlich war er vor wenigen Minuten noch an unserem Tisch gestanden und hatte kein Wort von einer Besprechung erwähnt.

»Natürlich jetzt sofort. Mr. Summerville ist ein vielbeschäftigter Mann, den lässt man nicht warten«, sagte Lydia herablassend und eilte davon.

Ich folgte ihr. Mit einem Kribbeln im Bauch, wie ich ärgerlich feststellte.

Reiß dich zusammen, Lucy, ermahnte ich mich. Er ist dein Chef.

Lydia eilte Richtung Aufzug. Mr. Perkins und Rhett standen jedoch an einem der Stehtische und plauderten mit der Belegschaft.

»Wo willst du hin?«, fragte ich sie.

»Na, in die Chefetage natürlich«, fauchte sie mich an.

»Aber Mr. Summerville steht dort drüben«, sagte ich und deutete mit dem Kinn in seine Richtung.

»Oh.« Lydias Gesichtszüge entgleisten. »Aber er meinte doch …« Sie beendete den Satz nicht, sondern setzte ihr professionelles Chefsekretärinnenlächeln auf und steuerte zielstrebig auf Rhett zu.

»Mr. Summerville, ich habe Ms. Kenwood Bescheid gesagt. Wir können dann …«

»Danke, Ms. ähm«, Rhett sah hilfesuchend zu Mr. Perkins, doch Lydia kam ihm zuvor.

»Smith«, sagte sie leicht verschnupft.

»Danke, Ms. Smith. Sie können dann gehen.«

»Aber …«

Rhett ignorierte sie. »Ms. Kenwood, wir müssen uns kurz unterhalten.« Er nickte Mr. Perkins zu und ging zum Aufzug. Ich folgte ihm mit klopfendem Herzen.

Die Fahrt in die Chefetage verbrachten wir schweigend. Rhett hatte den Blick mit ausdrucksloser Miene stur geradeaus gerichtet. Ich starrte auf meine Schuhspitzen.

Was würde jetzt passieren? Wollte er sich mit mir über die Vergangenheit unterhalten? Hatte er mittlerweile wieder Kontakt zu Theresa? Musste er auch unentwegt an unseren Kuss denken?

Die Aufzugtüren öffneten sich. Wir gingen in das großzügige Eckbüro. Die neuen Möbel waren gestern geliefert worden, es sah gut aus. Im Gegensatz zu Mr. Perkins alten, schweren Ledersesseln und dem riesigen Schreibtisch aus dunklem Holz verliehen die hellen Designerstücke aus Glas und Edelstahl dem Raum Leichtigkeit und Größe.

»Setzen Sie sich«, sagte Rhett und deutete auf einen der beiden cremefarbenen Zweisitzer.

Er nahm gegenüber von mir Platz.

»Rhett, ich …«

»Mr. Summerville.« Er strafte mich mit einem Blick, der mir Gänsehaut verursachte. Aber nicht im positiven Sinne.

»Okay, Mr. Summerville. Ich verstehe, dass Sie aus Gründen des Respekts …«

Rhett lachte laut auf. Ein kaltes, herablassendes Lachen. »Sie glauben ernsthaft, dass ich Angst um mein Ansehen habe, weil mich jemand mit Vornamen anredet? Machen Sie sich nicht lächerlich.«

Ich senkte den Blick.

»Schauen Sie mich an.«

Ich schaute ihm in die Augen. Sie erinnerten mich an eine Raubkatze, die taxierend, aber mitleidlos ihre Beute betrachtete. Bereit, jeden Moment zuzuschlagen.

»Du kennst mich nicht, Lucy. Der alte Rhett Summerville existiert nicht mehr. Uns verbindet nichts. Außer, dass ich ab heute dein Chef bin und du meine Assistentin. Wir sind uns nie zuvor begegnet. Haben wir uns verstanden?«

»Ja, ich denke schon.«

»Gut. Wir sehen uns morgen, Ms. Kenwood.« Er stand auf und verließ das Büro.

Perplex blieb ich zurück.

Was zur Hölle war nur in ihn gefahren? Okay, dass er meine heimliche Schwärmerei nicht erwiderte, überraschte mich nicht. Aber warum sollten wir so tun, als wären wir Fremde? Das machte doch gar keinen Sinn. Ich kannte diesen Mann seit Kindertagen. Seine Tochter war meine beste Freundin gewesen. Ich bin in seinem Haus ein- und ausgegangen, als wäre es mein eigenes Zuhause. 

Verwirrt machte ich mich auf den Heimweg. Ich fuhr mit dem Aufzug bis in die Tiefgarage, obwohl ich gar kein Auto besaß. Aber ich wollte Patrick und Norah nicht mehr über den Weg laufen, die mir bestimmt angesehen hätten, wie durcheinander ich war. Was hätte ich sagen sollen? Ich konnte mir Rhetts seltsames Verhalten ja selbst nicht erklären.

Kapitel 3 Rhett

Ich hatte es mir leichter vorgestellt. Viel leichter. Ich dachte, es sei kein Problem, sie wiederzusehen. Es sei kein Problem, dass ausgerechnet Lucy Kenwood meine persönliche Assistentin sein würde.

Aber es war ein Problem.

All die Erinnerungen, die ich über die Jahre so mühsam verdrängt hatte, kehrten auf einen Schlag zurück in mein Bewusstsein.

Aber ich durfte mir nichts anmerken lassen, musste meinen Plan strikt durchziehen. Ich war nicht zufällig nach New York City gezogen. Und ich war nicht zufällig bei Perkins Inc. gelandet. Ich hatte lange darauf hingearbeitet, jeden Schritt exakt im Voraus festgelegt. Das würde ich mir nicht kaputtmachen lassen.

»Guten Morgen, Mr. Summerville.« Lucys Stimme riss mich aus den Gedanken. Sie war unbemerkt in die offene Tür meines Büros getreten und sah mich erwartungsvoll an.

Verdammt, musste sie mich dermaßen unschuldig und unterwürfig aus ihren Rehaugen anstarren?

»Haben Sie noch nie etwas von Anklopfen gehört?«, blaffte ich sie an.

Sie zuckte zusammen und wich einen Schritt zurück. »Ähm, bitte entschuldigen Sie, aber die Tür stand offen.«

»Das ist kein Grund, unaufgefordert hier hereinzuplatzen. Merken Sie sich das.«

»Ja, Sir«, stammelte sie.

Ich musste mir ein Grinsen verkneifen. An meiner Autorität brauchte ich jedenfalls nicht zu arbeiten. Süß, wie sie sofort in den Gehorsamsmodus schaltete. Und irgendwie sexy.

Lucy Kenwood war nicht wirklich eine Schönheit – dazu war sie viel zu unscheinbar. Aber wer sich die Mühe machte und einen zweiten Blick riskierte, dem offenbarten sich Details, die durchaus anziehend waren. Ihr glänzendes, kastanienfarbenes Haar zum Beispiel, dass ich nur zu gerne aus dem strengen Dutt lösen und durch meine Finger gleiten lassen würde. Das warme Braun ihrer Augen hinter der dick umrandeten Hornbrille. Ihre vollen Lippen, die ihr manchmal das Aussehen eines trotzigen Teenagers verliehen, und die sich so unglaublich weich anfühlten.

Stopp!

»Suchen Sie mir die Unternehmensberichte der letzten acht Jahre heraus«, sagte ich unwirsch. »Und sagen Sie Ms. Smith, sie soll mir einen Kaffee bringen.«

»Aber das kann ich doch machen«, schlug Lucy diensteifrig vor.

»Sagen Sie es Ms. Smith.«

»Habe ich da meinen Namen gehört? Einen wunderschönen guten Morgen, Mr. Summerville«, säuselte die Chefsekretärin und stöckelte auf zehn Zentimeter hohen High Heels in mein Büro.

Mann, hatte sich diese Lydia heute in Schale geschmissen. Auffälliger konnte sie wohl nicht zeigen, dass sie auf mich stand. Tief dekolletiertes Minikleid, toupierter Pferdeschwanz, knallroter Lippenstift. Und sie trug unechte Wimpern! Im Büro! Hatte sie eigentlich in den Spiegel gesehen? Sie sah aus wie eine alternde Edelnutte.

»Guten Morgen, Ms. Smith. Bitte bringen Sie mir einen Kaffee. Schwarz, ohne Zucker. Danke. Die Damen.« Ich nickte den beiden zu und ging zu meinem Schreibtisch.

Ms. Smith trippelte geschäftig hinter mir her.

 »Das mit dem Kaffee, das kann doch Ms. Kenwood übernehmen. Lucy, Schätzchen, das machst du doch gerne, oder? Einmal Kaffee schwarz ohne Zucker für Mr. Summerville.« Sie schenkte Lucy ein diabolisches Lächeln, dann wandte sie sich wieder mir zu. »Ich hätte da nämlich etwas mit Ihnen zu besprechen, Mr. Summerville.«

»Sie haben etwas mit mir zu besprechen? Ganz sicher?« Ich betrachtete sie mit einem spöttischen Grinsen. »Jetzt holen Sie mir einen Kaffee und dann lassen Sie mich in Ruhe arbeiten.«

Ich wies mit der Hand zur Tür und vertiefte mich demonstrativ in die Unterlagen auf meinem Schreibtisch. Sollten die Frauen ihren Zickenkrieg allein ausfechten. Ich hatte definitiv Wichtigeres zu tun.