Leseprobe: Wilma lernt fliegen

»Ich habe Nicolas die Reifen durchgestochen.«

Sven stand vor meiner Tür und kochte innerlich wie die brodelnde Gulaschsuppe von der alten Wirtin Boglárka im Budapester Hof. Das sah man ihm nicht an, aber ich wusste es, weil er Nicolas statt Nico gesagt hatte. Das tat Sven nur, wenn er wirklich wütend war.

Also überaus wütend.

Um nicht zu sagen: kurz vor dem Ausflippen.

»Was hat Nico denn angestellt?«, fragte ich, ein bisschen genervt, denn da Nico mein Mann war und es sich damit um unser Auto handelte, hatte Sven irgendwie auch mir die Reifen durchgestochen.

»Er hat Charlotte gevögelt.«

»Was?« Ich mochte gar nicht wissen, wie blöd ich bei dieser Frage aus der Wäsche guckte. Ich achtete sonst immer sehr genau darauf, andere Menschen nicht mit offenen Mund anzustarren, doch in diesem Moment hakte der Schließmechanismus.

»Er hat Charlotte gevögelt. In einer Wohnung, die er extra dafür gemietet hat.«

Ich klappte meinen Mund gewaltsam zu und schluckte. Nur um ihn sofort wieder aufzureißen und erneut »Was???!!!« zu rufen.

»Du hast schon richtig verstanden: Dein Nicolas und meine Charlotte haben eine Affäre. Und eine gemeinsame Wohnung.« Sven schob mich in das Innere des Hauses und ging zielstrebig in die Küche, um sich an unserer Schnapsbar zu bedienen. Er schenkte großzügig Fernet Branca in ein Wasserglas und trank es auf ex aus. Mit fragendem Blick hielt er die Flasche in meine Richtung. Allein beim Anblick musste ich würgen. Wie konnte er dieses Zeug nur trinken? Angewidert schüttelte ich den Kopf und mixte mir einen Gin Tonic. Nach drei großen Schlucken merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Ich war Alkohol am frühen Nachmittag nicht gewohnt. Es schien, als floss das Blut nun mit kleinen Bleigewichten im Schlepptau durch meine Adern. Bei Sven bewirkte der Alkohol anscheinend das Gegenteil. Hektisch irrte er in der verwinkelten Küche unseres Fachwerkhauses »alte Ilse« umher. Den Namen hatte das Haus von der berühmt-berüchtigten Poetin Ilse Stramowski, die im 19. Jahrhundert hier lebte und dichtete.

»Jetzt erzähl doch erst einmal in Ruhe, was passiert ist«, versuchte ich, Sven zu beruhigen. »Vielleicht ist ja alles nur ein Missverständnis.«

»Oh nein, meine liebe Wilma. Dein Optimismus in allen Ehren, aber diesmal musst du deine rosabestickten Scheuklappen absetzen. Nicolas ist ein mieser Fremdgänger. Und weißt du was, das kann er dir gleich selbst gestehen. Wir fahren da jetzt nämlich hin.« Sven knallte sein Glas auf den Tisch und hastete zur Tür.

Ich warf einen kritischen Blick auf die Schnapsflasche. Ihr Füllzustand war um einige Fingerbreit gesunken. Kritisch musterte ich Sven, um Gewicht und Blutmenge zu schätzen, damit ich seinen Promillegehalt berechnen konnte.

»Du bist Werbetexterin«, flüsterte Eduard in mein Ohr und lachte schäbig. »Und das bist du nicht geworden, weil du so gut rechnen kannst.«

Wütend schubste ich meinen inneren Kritiker von der Schulter und ignoriere sein Schmerzensgeheul, als er unsanft am Boden aufknallte. Seit ich vor ein paar Jahren eine Therapie gemacht habe, saß er dort und nervte mich mit seinen Weisheiten. Mein Therapeut fand das gut. Er faselte etwas von Bewusstmachung. Ich fand es nicht gut, ganz einfach deswegen, weil Eduard nervte. Außerdem war es ziemlich verrückt, wenn das eigene Über-Ich in Form eines unförmigen, rosaroten Monsters mit Glubschaugen ständig auf der linken Schulter hockte und immer das letzte Wort haben musste.

Von draußen hörte ich, wie Sven den Motor startete. Er schien keine Bedenken hinsichtlich seiner Fahrtauglichkeit zu haben. Oder er sah das Ganze fatalistischer im Sinne von: Ich habe nichts mehr zu verlieren! Missmutig stieg ich in sein Auto. Bevor ich die Tür geschlossen und mich angeschnallt hatte, brauste Sven bereits mit einem Affenzahn aus unserer engen Ausfahrt. Rückwärts. Ich bewunderte so etwas, denn selbst konnte ich ungefähr so gut rückwärtsfahren wie rechnen.

»Jetzt zeigen wir’s diesem Hallodri, diesem üblen Verräter«, knurrte Sven und trat das Gaspedal durch.

Warum schimpfte er eigentlich nur auf Nico? Seine Charlotte schien mir auch nicht ganz unschuldig an der Misere.

»Warum schimpfst du eigentlich nur auf Nico? Deine Charlotte ist ebenso schuldig, sie steckt doch mit ihm unter einer Decke.« Ich musste kichern, auch wenn der Witz wirklich abgedroschen und die Umstände alles andere als lustig waren.

»Pah, der Nicolas hat sie hinterhältig verführt. Meine Charlotte würde niemals von selbst fremdgehen. Niemals.«

»Hm.« Ich starrte aus dem Fenster und überlegte, was ich von der Situation halten sollte.

Ehebruch.

Was für ein seltsames Wort. War das so etwas wie ein Beinbruch? Konnte man das verarzten, schienen, eingipsen und nach sechs Wochen war alles wieder gut?

Nein, bestimmt nicht. Ich meine, Charlotte! Warum ausgerechnet Charlotte? Ich war mit dieser Frau seit gefühlt hundert Jahren befreundet. Und sie sollte etwas mit Nico haben? Das war schlichtweg nicht vorstellbar.

Sven lenkte den Wagen in eine Gegend, die mir nur allzu vertraut vorkam: Er und Charlotte wohnten nicht weit von hier.

»Fahren wir vorher noch zu dir?«, fragte ich. »Hast du deine Kalaschnikow vergessen?« So sauer, wie Sven aus der Wäsche guckte, traute ich ihm alles zu.

Er stoppte den Wagen und schaute mich an, als sei ich schwachsinnig.

»Die Wohnung ist HIER.« Das letzte Wort kreischte er. Peinlich berührt strich er sich über die Augen, atmete dreimal tief durch und fuhr dann gefasster fort. »Nicolas hat sich genau hier«, er deutete mit dem Finger auf ein unscheinbares Wohnhaus, »sein Liebesnest eingerichtet.« Ich starrte auf das eierschalengelb gestrichene Haus. Am Bürgersteig davor parkte unser Auto. Die platten Reifen spiegelten ziemlich genau wider, wie ich mich gerade fühlte. Vollkommen fertig.

Konnte so eine zwanzigjährige Ehe zerbrechen? Am Samstagnachmittag in der Lindenbergstraße 73?

»Komm schon, Wilma! Wir gehen da jetzt rein.« Sven riss die Beifahrertür auf. Gut, dass der Sicherheitsgurt noch in der Halterung steckte, sonst wäre ich ihm direkt vor die Füße gefallen.

Ich wollte da nicht rein. Trotzig blieb ich sitzen. Sven beugte sich über mich, machte den Gurt los und zerrte an meinem Arm, so wie unsere Nachbarin Frau Borkenbiller an ihrem Mops Heinz dem Vierten zerrte, wenn sie ihn zu einem Spaziergang animieren wollte.

Ich röchelte wie Heinz, dann gab ich mich geschlagen. Man musste der Wahrheit ins Auge sehen, Davonlaufen verlängerte das Leid nur.

Bevor wir klingeln konnten, stürmte Nico aus der Haustür, das Handy am Ohr.

»Ja, alle vier Reifen! Keine Ahnung, wer das war! Warten? Ja, was anderes bleibt mir ja sowieso nicht übrig, Sie Clown.« Dann knallte er den Hörer auf – also metaphorisch gesehen – und schaute uns verwundert an.

»Sven? Wilma? Was macht ihr denn hier? Ich könnte mich gerade so aufregen, mir hat jemand die Reifen durchgestochen. ALLE VIER! Das glaubt man doch gar nicht, oder? Menschen gibt es …«

»Die Frage lautet doch eher: Was machst du hier?«, erwiderte Sven mit spitzer Zunge. Ich versuchte, durch die offene Haustür ins Innere der Wohnung zu lugen und Charlotte zu erspähen, konnte aber nichts erkennen.

»Was ich hier mache? Ich parke hier! Das siehst du doch«, zischte Nico.

»Gut, dann frage ich eben anders. Warum parkst du hier?« Svens Stimme klang gefährlich ruhig.

Plötzlich erschien Charlotte in der offenen Haustür. Sie trug einen frivolen roten Bademantel aus Seide und eine ziemlich verblüffte Miene zur Schau. Wir alle drehten uns zu ihr um und glotzten sie an wie eine Erscheinung. Nico wedelte dezent mit seiner rechten Hand, so als könnte er ihren Auftritt ungeschehen machen, wenn sie sofort wieder im Haus verschwand. Svens Blick sprang unstet zwischen Charlottes Ausschnitt (hatte sie schon immer eine dermaßen ausladende Oberweite gehabt?) und ihren kaum bedeckten Oberschenkeln hin und her.

Ich begann zu schluchzen.

»Es stimmt also. Sven hat recht. Ihr zwei habt ein Verhältnis«, brachte ich mühsam hervor und kramte in meiner Tasche nach einem Papiertaschentuch.

Heul doch, ätzte Eduard auf meiner Schulter und sprang auf einem Bein auf und ab.

Ich schluchzte noch lauter.

Sven eilte zu Charlotte und nahm sie in den Arm.

»Mein Engel, mein Engel«, flüsterte er und strich ihr beruhigend durchs Haar, als wäre sie das Entführungsopfer eines perversen Triebtäters und keine miese Ehebrecherin.

»So ein Unfug, Wilma. Charlotte und ich haben doch kein Verhältnis. Wir haben uns nur zufällig hier getroffen«, versuchte Nico, die Situation zu erklären.

»Im Bademantel? In einer fremden Wohnung?«, fragte ich schluchzend, aber voller Ironie und zog meine linke Augenbraue ostentativ nach oben. Darauf war ich sehr stolz, das konnten nicht viele.

Charlotte stieß Sven von sich und legte besitzegreifend den Arm um Nico. Er machte ein gequältes Gesicht.

»Butter bei die Fische, Männer. Wilma, ich weiß ja, dass du ein naiver Gutmensch bist, genau deshalb schätze ich dich auch so sehr, aber du musst nun der Wahrheit ins Gesicht sehen: Nico und ich lieben uns, nicht wahr, Schatz?«, trällerte sie und drückte meinem Nico einen Kuss auf die Wange. Ich spürte, wie sich mein Mageninhalt in die falsche Richtung bewegte, obwohl Nico sichtlich verlegen einen Schritt zur Seite trat.

»Charlotte, was redest du denn da?«, mischte sich Sven ein und legte ihr die Hand auf die Stirn. »Du musst Fieber haben, mein Engel.«

Mit einer herrischen Geste schlug sie seine Hand aus ihrem Gesicht und schenkte ihm ein verächtliches Lächeln. Mit ihren wilden roten Locken, dem seltsamen Aufzug und dem bedrohlichen Funkeln in ihren Augen, sah sie aus wie eine griechische Rachegöttin.

»Nein, mein Lieber, ich bin nicht krank. Ich bin kerngesund und habe endlich – sorry Wilma – meine Sexualität wiederentdeckt. Ich litt gar nicht unter Libidoverlust, ich litt unter dir, Sven. Dein Schwanz ist einfach zu klein, außerdem bist du ein miserabler Liebhaber.«

Sven wurde rot, Nico schaute betreten zu Boden, ein riesiger Abschleppwagen rollte langsam in der engen Straße auf uns zu.

»Geh jetzt einfach«, flüsterte eine Stimme in mein Ohr. 

Diesmal musste ich Eduard recht geben. Was sollte ich noch hier? Schauen, wie die Trümmer meines Ehelebens abtransportiert wurden? Normalerweise neigte ich nicht dazu, besonders entschlussfreudig zu sein, aber ein guter Verlierer wusste, wann das Spiel vorüber war. Und das war es hier definitiv. Ende. Finito. Aus und vorbei. Nach zwanzig Jahren Ehe kannte ich meinen Mann in- und auswendig, konnte seine Mimik bis ins kleinste Detail deuten. Er schämte sich zwar, wie die ganze Sache ans Licht gekommen war, aber das änderte nichts an seinen Gefühlen für Charlotte.

Verdrossen trottete ich die Straße entlang. Kurz überlegte ich, ob ich mir ein Taxi rufen sollte, verwarf den Gedanken jedoch. Ein langer Fußmarsch wäre genau das Richtige, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Aber konnte man überhaupt einen klaren Kopf bekommen, wenn man gar nicht wusste, was sich genau zugetragen hatte? Wenn tausende Fragen ruhelos ihre Runden drehten und auf Antworten warteten? Wenn einen die Unklarheit beinahe wahnsinnig machte?

Wie lang lief die Geschichte zwischen den beiden schon?

Warum ausgerechnet Charlotte?

Wie oft hatte mir meine »Freundin« ins Gesicht gelogen?

Wie oft hatte mir Nico ins Gesicht gelogen?

Warum hatte ich nichts gemerkt?

»Hast du doch«, nölte Eduard von der Schulter. »Du wolltest es dir bloß nicht eingestehen, hast es dir schöngeredet. Wie so vieles, nebenbei bemerkt.«

Ach, halt die Schnauze, murmelte ich vor mich hin und erntete dafür einen komischen Blick von einem vorbeihastenden älteren Herren, der mich wahrscheinlich für eine asoziale Betrunkene hielt.

Ich ärgerte mich. Über Nico, über Charlotte, über Eduard – aber am meisten über mich selbst. Denn es stimmte tatsächlich – ich hatte mir schon lange etwas vorgemacht. Zwischen Nico und mir herrschte seit Monaten Flaute, nicht nur im Bett, sondern generell. Wie Planeten, die ihre Umlaufbahn verloren hatten, trieben wir in weit entfernten Paralleluniversen vor uns hin, ohne auch nur einen einzigen Berührungspunkt zu besitzen. Abgesehen von unserem gemeinsamen Zuhause vielleicht, das wir beide abgöttisch liebten.

Kampfgeist machte sich in mir breit. Die alte Ilse würde Nico nicht bekommen. Niemals! Schon allein die Vorstellung, dass Charlotte die zukünftige Herrin des dreihundert Jahre alten, verwunschenen Hexenhäuschens werden könnte, ließ mich gedanklich die Messer wetzen. Nur über meine Leiche!

Neue Energie strömte durch meine Glieder. Da, wo mich gerade noch Lethargie und Verdruss lähmten, trieben mich nun Stolz und Selbstvertrauen an. Ich sprintete die letzten Schritte bis zum Haus und fummelte keuchend in meiner Tasche nach dem Schlüssel.

Nico hatte einen fundamentalen Fehler begangen: Er hatte eine Wohnung gemietet und damit seine Position entscheidend geschwächt. Denn somit war klar, wer bei einer Trennung gehen musste: Der, der bereits eine neue Bleibe besaß.

Ich zog Nicos riesigen Trolley unter dem Bett hervor und stopfte seine Klamotten wahllos hinein. Als er voll war, griff ich mir seine spießige Louis Vuitton Lederreisetasche, die ich noch nie hatte leiden können, und füllte sie mit Unterhosen, Socken und dem bescheuerten Nierenwärmer aus Lammfell. Nein, das Teil war kein Geschenk gewesen, den hatte er sich tatsächlich selbst gekauft und häufig umgeschnallt – Stützstrümpfe waren ein Dreck dagegen, rein optisch betrachtet!

Zufrieden warf ich einen Blick auf den deutlich dezimierten Schrankinhalt – nach zwanzig Jahren Ehe blieb eine beachtliche Lücke zurück. Einerseits traurig, aber andererseits auch unglaublich befreiend. Vielleicht sollte ich gleich weitermachen, meine Garderobe hatte sowieso eine dringende Überarbeitung nötig. Was sich alles in diesem Schrank befand! Auf die oberen Fächer hatte ich bereits seit Jahren keinen Blick mehr geworfen, dort stapelten sich Pullover, die ich für die Gartenarbeit aufbewahrte oder sogenannte »Kontrollhosen«, an denen ich meine Diäterfolge messen und in die ich irgendwann wieder hineinpassen wollte.

Schwachsinn, alles Schwachsinn!

Nicht umsonst predigten sämtliche Minimalismus-Ratgeber, dass jedes Kleidungsstück, das man ein halbes Jahr lang nicht getragen hatte, ein überflüssiges Kleidungsstück war. Voller Tatendrang holte ich die kleine Klappleiter aus der Nische zwischen Schrank und Wand hervor und stieg darauf.

Einige ziemlich enge Jeans. Hatte ich da jemals hineingepasst? Wahrscheinlich nur mit eingezogenem Bauch und figurformender Unterhose. Weg damit!

»Gute Entscheidung«, flüsterte mir Eduard ins Ohr und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

Oh, wie ich ihn hasste!

Aber weiter.

Ausgeleierte Wollpullis, teilweise mit Löchern. Nicht einmal Frau Borkenbiller oder Heinz der Vierte sollten mich darin zu Gesicht bekommen. Goodbye, auf Nimmerwiedersehen!

Einen zeitlosen schwarzen Pulli, der noch ganz passabel aussah, behielt ich. Und zwei Blusen, in die ich zwar höchstwahrscheinlich in diesem Leben nicht mehr hineinpassen würde, die mich aber an das Kennenlernen und den ersten Urlaub mit Nico erinnerten. In einem Anfall von Herzschmerz hielt ich mir die Blusen unter die Nase und versuchte, den Duft von damals zu inhalieren. Mein blumiges Parfüm, die salzige Luft auf Korsika, Nicos Aftershave, das er noch heute trug. Vergeblich.

Ich schniefte und dachte an – Charlotte!

Wie konnte er nur! Wütend warf ich die Blusen auf den Stapel der aussortierten Klamotten.

Ansonsten war das Fach leer – oder? Meine Hände tasteten das glatte Holz ab, denn die Klappleiter (oder ich?) war einige Zentimeter zu niedrig, als dass ich den Schrankinhalt mit meinen Augen hätte prüfen können.

Plötzlich fühlte ich etwas Kühles an meinen Fingerspitzen. In der hintersten Ecke musste sich irgendein Teil vor meinem Zugriff verstecken. Ich stellte mich auf Zehenspitzen und versuchte, den Gegenstand zu mir heranzuziehen, doch es gelang mir nicht. Ich griff nach einem Kleiderbügel und benutzte ihn als verlängerten Arm. Vorsichtig schob ich das Ding in greifbare Nähe und hob es aus dem Schrank. Ich traute kaum meinen Augen.

Mein Wunschglas!

Gerührt, fast ein bisschen sentimental, strich ich über die glatte Oberfläche. Die Existenz dieses bauchigen Apothekerglases gefüllt mit lauter bunten Zetteln, auf denen meine jugendlichen Wünsche verewigt waren, hatte ich über die Jahre schlichtweg vergessen.

»Wohl eher verdrängt«, fiel mir Eduard in die Gedanken.

Vielleicht hatte er recht. Mir war es all die Jahre wichtiger gewesen, dass es den Menschen in meinem Umfeld gut ging, nicht unbedingt mir selbst.

Langsam stieg ich die Leiter hinab und ließ mich auf unser Bett sinken.

Ach falsch, mein Bett, ab heute.

Ich öffnete das Glas, drehte es um und schüttelte die einzelnen Zettelchen heraus.

Dreißig Stück.

Ich erinnerte mich, wie ich mit vierzehn Jahren ein Buch gelesen hatte, in dem eine Frau nach dem Tod ihrer Mutter beim Entrümpeln eine Liste mit Wünschen fand, die diese sich eigentlich erfüllen wollte. Nur leider hatte sie es immer aufgeschoben – und dann, schwupps, achtzig Jahre später, war ihr der eigene Tod dazwischengekommen. Die Tochter beschloss, die Wünsche ihrer Mutter zu leben, und fand dadurch – Achtung, Klischee – zu sich selbst und, weil das natürlich für eine echte Schnulze noch nicht genug war, auch noch ihre große Liebe.

Das Buch zählte definitiv nicht zu den Höhepunkten meiner Leseerlebnisse, aber trotzdem hinterließ es einen tiefen Eindruck bei mir: Auf keinen Fall wollte ich mit einem Herzen voll unerfüllter Wünsche sterben.

Deswegen legte ich mir dieses Glas zu. Wann immer ich eine riesige Sehnsucht in mir verspürte, schrieb ich den Wunsch auf, faltete ihn sorgsam zusammen und steckte ihn in das Gefäß. Spätestens zu meinem dreißigsten Geburtstag wollte ich all diese kleinen und großen Träume verwirklicht haben.

Vor drei Wochen war ich achtunddreißig geworden. Mit achtzehn heiratete ich Nico. Fast genauso lang stand das Glas in irgendeinem Schrank. Zaghaft faltete ich den ersten Zettel auseinander. Ich ahnte Schreckliches: Wahrscheinlich hatte ich mir keinen einzigen der Wünsche erfüllt.

Einen richtig scharfen Designerfummel tragen und allen Männern den Kopf verdrehen.

Hm, das klang nun doch ein bisschen pubertär. Mal sehen, was der zweite Zettel offenbaren würde.

George Clooney treffen.

Das klang ja genauso teeniehaft! Ungeduldig faltete ich ein neues Blatt auseinander.

Einen Unbekannten küssen.

Ich schüttelte den Kopf. Was waren das denn für Wünsche! Die konnte doch kein Mensch gebrauchen! Auf jeden Fall keine achtunddreißigjährige Frau, die gerade ziemlich deutlich das Ende ihrer Ehe präsentiert bekommen hatte. Nein, so ging das nicht. Hastig faltete ich alle Zettel auseinander – Fallschirmspringen, etwas Besonderes hinterlassen, Marathon laufen – und noch viel mehr abstruses Zeug.

Um Ordnung in meine Gedanken zu bringen, ging ich in die Küche und mixte mir einen Gin Tonic. Ich verteilte die Zettel am Tisch und nahm einen tiefen Schluck.

Und noch einen.

Schnell breitete sich eine angenehme Entspannung und Wärme in meinem Körper aus, ich hatte heute den ganzen Tag außer einer halben Grapefruit und einem Knäckebrot mit Frischkäse noch nichts gegessen. Nico und ich wollten eigentlich am Abend den neuen Inder in der Stadt ausprobieren.

Ich ging wohl besser davon aus, dass daraus nichts werden würde. Wobei, wenn ich die Augen schloss und es mir ganz fest wünschte, mir wünschte, dass alles nur ein schrecklicher Traum gewesen war? Konnte das funktionieren? Würde ich gleich das liebgewonnene Knarzen unserer alten Haustür hören, das wohlvertraute »Ich bin wieder da« von Nico vernehmen?

Unsinn, ermahnte ich mich. Gleichzeitig klang das schäbige Lachen von Eduard in meinem linken Ohr. Und auf einmal hatte ich einen Geistesblitz: Ziele statt Wünsche!

Ich musste mein Leben selbst in die Hand nehmen. Der große Unterschied zwischen Zielen und Wünschen bestand nämlich darin, dass man sich Ziele erarbeitete, während man bei Wünschen darauf hoffte, dass sie erfüllt werden. Durch eine Gnade Gottes, eine liebe Fee, dem Zufall oder wie auch immer. Aber ich würde nichts mehr dem Zufall überlassen. Ich würde mein Glück selbst gestalten. Doch dazu gehörte auch, zu akzeptieren, dass ich nicht mehr das junge Ding von damals war, sondern eine erwachsene Frau, die wusste, was sie wollte.

Oder jedenfalls, was sie nicht wollte. Denn die vor Jahren formulierten Wünsche passten heute gar nicht mehr zu mir. Auf jeden Fall die meisten. Ich würde meine Wünsche von früher in Ziele für morgen und übermorgen umwandeln. Begeistert griff ich erst nach meinem Drink und dann wahllos nach einem der Zettel:

Einmal einen richtig scharfen Designerfummel tragen und allen Männern den Kopf verdrehen.

Ah, perfekt! Ich schnappte mir einen Kugelschreiber, strich den Wunsch durch und kritzelte darüber:

Ausmisten!

Das war gut. Sehr gut sogar. Ich trank den Gin Tonic aus und setzte zufrieden ein Häkchen hinter mein Ziel Nummer eins. Schließlich hatte ich heute nicht nur meinen Ehemann, sondern auch einen Großteil (okay, einen Teil) meiner Garderobe entsorgt. Eine beträchtliche Leistung für einen stinknormalen Samstagnachmittag, wie ich fand. Es war überhaupt unglaublich, wie souverän ich mit der Situation umging. Fast so, als sei »Ausmisten statt Ausrasten« mein neues Mantra und ich ein buddhistischer Mönch, den nichts aus der Ruhe bringen konnte.

Ich mixte mir einen weiteren Gin Tonic. Einen Schluck Gin trank ich pur aus der Flasche.

Und dann heulte ich.

Verdammte Scheiße, meine Ehe war zerbrochen.

 

»Wilma, wach auf, wir müssen reden!« Nico rüttelte unsanft an meiner Schulter.

Also, ich ging davon aus, dass es sich um Nico handelte, denn es war definitiv Nicos Stimme, die zu mir sprach. Die Augen öffnen konnte ich nicht. Meine Lider wogen mindestens drei Tonnen und in meinem Kopf donnerte ein Vorschlaghammer.

»Wilma.« Nicos Stimme klang nun drohend, was sicherlich nicht angebracht war, nachdem, was er mir angetan hatte.

»Tu es nicht«, warnte Eduard und schlug sich selbst seine viel zu großen Flossen vor die Augen.

Ich ignorierte seine Mahnung. Mühsam hob ich das linke Augenlid und linste vorsichtig in die Küche.

Oh mein Gott, war das hell!

Sofort presste ich meine Lider wieder zusammen und genoss die Dunkelheit.

»Wilma, was zum Teufel soll denn das? Mach jetzt sofort die Augen auf und schau mich an.« Nico nahm meinen Kopf in seine Hände und starrte mich mit grimmigem Gesichtsausdruck an. Das spürte ich.

Er lockerte seinen Zangengriff, stützte mit einer Hand mein Kinn und versuchte, mit der anderen gewaltsam mein rechtes Augen zu öffnen.

»Sag mal, hast du sie noch alle«, fauchte ich und riss die Augen auf.

»Na also, geht doch.« Nico grinste selbstgefällig. Wann hatte sich eigentlich diese Selbstzufriedenheit in sein Gesicht gegraben? War das über Nacht passiert? Oder war es mir nur nie aufgefallen?

»Letzteres«, erwähnte Eduard boshaft und zog affektierte Grimassen, was er ziemlich lustig und ich ziemlich blöd fand.

»Also, Wilma, ich habe nachgedacht«, offenbarte mir unterdessen mein untreuer Ehemann, allerdings nicht, indem er sich zu mir an den Tisch setzte, sondern während er im Apothekerschrank nach seinem Müsli kramte. Er fand die gelbe Papiertüte, füllte sechs Löffel des Inhalts in ein Keramikschälchen, vermanschte alles mit Naturjoghurt und kam wieder zu mir an den Tisch. Mit tadelnder Miene schob er die (leere) Flasche Gin beiseite und setzte sich.

»Also«, sagte er noch mal und stopfte sich einen Löffel Müsli-Joghurt-Gemisch in den Mund.

Fasziniert beobachtete ich, wie er die schleimige Pampe kaute. Ich konnte diese Obsession für Körner noch nie verstehen, ehrlich gesagt ekelte sie mich regelrecht an. Und wo er das Zeug immer herholte – von einem Händler für Tierfutter! Was sollte das denn für ein Müsli sein? Kehrte der Händler die Reste aus den Pferde- und Hundefuttersäcken zusammen und füllte sie in kleine, gelbe Papiertütchen?

»Also«, Nico schluckte, »Wilma, ich sag dir jetzt, was wir machen: Wir vergessen das Ganze einfach.« Der nächste Löffel wanderte zu seinem Mund.

»Häh?«

»Na ja, also das mit Charlotte. So ernst war das nicht und eine gute Ehe hält das schon mal aus«, meinte Nico kauend, ohne jede Spur von Reue.

Ich beobachtete, wie ein Stückchen halbgekauter Hafer aus seinem Mund auf mich zuflog. Den Landeplatz konnte ich nicht ausfindig machen. Panisch strich ich mir durch die Haare.

»Charlotte ist eben ganz anders als du, weißt du? So wild und gierig, also sexuell gesehen. Wenn wir es von hinten …«

»Stop! Aus! Halt! Sofort!« Ich hielt mir die Ohren zu und summte laut Lalalalala.

Nico grinste noch selbstgefälliger als vorher.

Mir platzte der Kragen.

»Jetzt sag ich dir einmal was: Bevor ich gestern betrunken am Küchentisch eingeschlafen bin, war ich auch nicht untätig. Ich habe deinen Krempel, inklusive deines abartigen Lammfellnierenwärmers, reisefertig gemacht. Weißt du, was das heißt? Du kannst gehen. In deine schöne neue Wohnung, zu deiner wilden, gierigen Charlotte und es von hinten treiben, so oft du willst. Ich will dich nicht mehr sehen, ich will nicht wissen, was genau passiert ist, ich will einfach meine Ruhe! Okay?«

»Wilma, ich bitte dich! Mach dich doch mal locker! Warum bist du immer so steif und verklemmt? Deine Ansichten zum Eheleben sind wirklich antiquiert.« Ein weiterer Löffel Müsli verschwand in Nicos Mund.

Ich spürte, wie sich der Zorn in meinem Bauch brodelnd mit Galle vermischte und sich einen Weg durch meine Speiseröhre bahnte. Reflexartig griff ich nach Nicos Müslischale und übergab mich.

Mein zukünftiger Ex-Mann starrte mich entgeistert an, den Löffel noch zwischen den Lippen. Ich quetschte mich schnell aus der Eckbank und lief zum Klo, um das Müslidebakel zu beseitigen.

Was fiel diesem Mistkerl eigentlich ein? Kam hier herein, setzte sich an den Tisch und mampfte gemütlich Müsli, während für mich eine Welt zusammenbrach. Außerdem hatte ich die Nase voll davon, dass er mir ständig sagte, dass ich altmodisch sei. Wenn Treue heutzutage out war, bitte – sein Problem. Dann sollte er mich eben für rückständig halten. Trotzdem würde ich nicht dulden, dass er mit meiner Freundin herummachte und sogar extra eine Wohnung dafür mietete. So gutmütig war nicht einmal ich!

Angewidert spülte ich das mittlerweile grenzenlos unappetitliche Müsli die Toilette hinunter, wusch sowohl die Schale als auch mein Gesicht notdürftig ab und ging zurück in die Küche. Während ich barfuß über die alten honigfarbenen Dielen schlich, merkte ich mal wieder, wie sehr ich die alte Ilse liebte. Das Haus lebte, es war eigensinnig. Keine Wand war richtig gerade – als wir einzogen, hat uns das mehr als einen saftigen Fluch entlockt. Und die Türen quietschten. Nicht immer, sondern nur, wann sie wollten. Da half auch regelmäßiges Ölen nichts. Durch die verwitterten Holzfenster pfiff bei Sturm der Wind und vom Dachboden hörte man manchmal Schritte. Also kein Trappeln von Mäusen oder Ratten, sondern menschliche Schritte. Anscheinend trieb irgendein Geist dort oben sein Unwesen, da er aber an Ort und Stelle blieb, störte es nicht weiter.

Als ich wieder in die Küche trat, saß Nico vor einer neuen Schale Müsli und kaute ungerührt vor sich hin, in den Reklamezetteln blätternd.

»Beim Edeka sind ab morgen die schokolierten Reiswaffeln im Angebot, da sollten wir zuschlagen«, meinte er, als wäre es das Normalste der Welt, Charlotte zu vögeln und mit seiner gehörnten Ehefrau über den Wocheneinkauf zu diskutieren.

»Besser, du gehst jetzt«, sagte ich. »Ich helfe dir noch beim Tragen. Das Auto kannst du behalten, ich habe ja mein Fahrrad. Bei der Scheidung werden wir uns bestimmt darüber einig.«

Mit einem lauten Klirren landete Nicos Löffel in der Schüssel. »Sag mal, drehst du jetzt völlig durch? Wo soll ich denn bitte hingehen? Und Scheidung? Spinnst du oder was? Glaub ja nicht, dass du die alte Ilse bekommst. Das kannst du dir sowas von Abschminken. Aber sowas von!«

Wütend sprang Nico auf und drückte sich nah an meinen Körper. Seine Nase stieß an meine. Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und dachte dabei ganz sentimental, dass es das letzte Mal in meinem Leben sein würde, dass ich sie berührte.

Nico versuchte, den Kuss zu erwidern, fasste mit der linken Hand an meinen Po und mit der Rechten an meine Brust, die er sofort zu kneten begann.

Ich schob ihn entschlossen weg. »Das war ein Abschiedskuss. Halte ihn in guter Erinnerung. Genau wie die liebe Ilse. Du hast ja jetzt Charlotte.«

Schweigend gingen wir ins Schlafzimmer, um seine Sachen zu holen. Ohne zu überlegen, griff Nico nach der Designertasche, während ich mich mit dem Trolley, der die Größe eines Wandschranks besaß, abmühen durfte. Aber vielleicht war es ganz gut so, dann fiel die Trennung leichter. Welche Frau möchte schon mit einem untreuen Flegel verheiratet sein?

»Die anderen Sachen packe ich dir im Laufe der Woche zusammen und stelle die Kartons in die Garage. Dann kannst du sie dir jederzeit holen. Und die Möbel gehören ja sowieso mir, von daher gibt es da keine Probleme.«

»Du vergisst den Schrank im Bad. Und die Regale im Keller«, erwähnte Nico spitz. Gerade, dass er dabei nicht mahnend den Finger hob.

»Kriegst du, mein Lieber, keine Sorge.« Das düstere Teil im Badezimmer hatte ich eh noch nie leiden können. Ein Geschenk seiner Mutter. Antik, aber trotzdem geschmacklos. Also, der Schrank, nicht die Frau. Wobei …

»Na gut, dann …« Nico hob lasch die Hand und öffnete im Zeitlupentempo die Autotür.

Ich sah genau, dass er erwartete, dass ich ihn daran hinderte, ihn zurückhielt, ihn anflehte, bei mir zu bleiben. Doch den Gefallen, weinend auf die Knie zu fallen und mich an sein Hosenbein zu klammern, würde ich ihm nicht tun.

»Also«, setzte er zögernd an, »meinst du nicht, wir sollten noch mal in Ruhe über alles reden? Ich meine, Wilma, willst du zwanzig Jahre Ehe einfach so wegwerfen? Das, was wir uns aufgebaut haben, das ist doch einzigartig.«

Das war so typisch! Als wäre ich es gewesen, die unsere heile Seifenblasenwelt zum Platzen gebracht hätte!

»Ich wüsste nicht, was es da zu bereden gibt. Du ziehst wilde, gierige Charlottes vernünftigen, altmodischen Wilmas vor. Damit muss ich leben. Aber du ab jetzt auch.« Ich drehte mich um und ging ins Haus, ließ mich in die gnädigen Arme der alten Ilse fallen.

Und dann heulte ich. Mal wieder.

Ohgottohgottohgott, wie sollte mein Leben nur weitergehen?

»Na, genauso langweilig wie immer, du Dramaqueen«, lästerte Eduard von meiner Schulter herunter. »Was hat sich schon groß geändert?«

Das war echt gemein. Aber je länger ich über die Worte nachdachte, desto mehr musste ich meinem neunmalklugen Über-Ich recht geben. Im Grunde hatten Nico und ich die letzten Jahre nicht mehr miteinander, sondern nur noch nebeneinander verbracht. Viel würde sich also nicht ändern, abgesehen davon, dass sich die Hausarbeit nun auf meinen eigenen Dreck reduzierte.