Leseprobe: Raphael

Prolog

Die Luft war noch kühl. Tautropfen ließen die Wiese in einem magischen Türkiston funkeln. Der kleine Junge kauerte neben seinem Vater im hohen Gras und hielt vor Anspannung den Atem an. Gleich würde es wieder passieren.

Er hasste, wenn es passierte.

Er hasste es so sehr.

So fest er konnte, kniff er die Augen zusammen, so fest, bis hinter seinen Lidern kleine Lichtsterne tanzten. Am liebsten hätte er sich auch die Ohren zugehalten, aber er traute sich nicht. Sein Vater würde das missbilligen.

Der einschüchternde Mann spannte den Finger über dem Abzug der Waffe und drückte ab. Ein ohrenbetäubender Knall zerfetzte die Stille des friedlichen Morgens.

»Hast du gesehen, Junge? Ein Blattschuss, wie er im Buche steht!« Die Lust des Mordens verlieh der Stimme einen öligen Klang, der das Kind schaudern ließ.

Warum musste man töten?

Zögernd folgte der Junge seinem Vater zu dem erschossenen Reh. Weit aufgerissene Augen starrten tot ins Leere. Sofort wandte er den Blick ab.

Was war das?

Da war ein Fiepen.

Auf allen vieren kroch der Junge durchs Gebüsch.

Da.

Da war es wieder.

Ein hoher Pfeifton, nicht weit von ihm.

Unter einem Strauch kauerte ein winziges Rehkitz. Verängstigt blickte es in das Gesicht des Kindes, zu erstaunt, um sich zu bewegen.

»Keine Angst, ich tue dir nichts. Bei mir bist du in Sicherheit. Wir werden Freunde, glaube mir. Zuhause haben wir einen riesigen Garten, da wird es dir gefallen.«

Vorsichtig griff der Junge nach dem Rehkitz und nahm es an sich. Das Fell fühlte sich weich an, aber nicht so weich wie das seiner Stofftiere. Er presste das zitternde Kitz sachte an seinen Körper und murmelte beruhigende Worte, während er zurück zu seinem Vater ging.

Der kniete über dem geschossenen Reh, wühlte mit dem Messer in den blutigen Eingeweiden. »Aufbrechen« nannte man das, hatte er einst mit ernstem Gesicht erklärt.

»Papa, schau, was ich gefunden habe! Darf ich es behalten? Kann es Bambi heißen?«

Sein Vater blickte auf und lächelte ihn an. Mit einer sanften, fast zärtlichen Geste nahm er das Kitz an sich. Dann drückte er den Kopf des Tieres nach vorn und stach ihm das Messer ins Genick.

 

»Zeige mir dein Outfit und ich sage dir, wer du bist.«

 

Effizienz.

Er würde Effizienz antworten.

Wenn das »Manager Magazin Berlin« ihn nach dem Wort, das ihn am besten beschreibt, fragen würde. Und nicht diesen Hohlkopf Brühleisen, der zur Zeit seine fischschnäuzige Visage in jede Kamera hielt, die nicht schnell genug ein anderes Objekt fokussieren konnte.

Raphael von Hohenstein atmete dreimal tief in den Bauch ein und durch die Nase aus, dann räusperte er sich. Wütend zu sein, würde bedeuten, schwach zu sein. Und Schwäche war verachtenswert. Emotionen machten das Leben unkalkulierbar und Geschäfte risikoreich. Er bevorzugte sichere Gewinne ohne große Gefühlsduselei.

Leidenschaft.

Das hatte Brühleisen geantwortet.

»Herr Brühleisen, wenn Sie sich mit einem Wort beschreiben müssten, welches wäre das?«

»Leidenschaft.«

So ein emotionaler Schwachsinn.

Was wollten die Leute nur immer mit ihrer Leidenschaft? Ein leidenschaftlicher Versager blieb trotzdem ein Versager.

So einfach war das!

An Brühleisen war das einzig Leidenschaftliche sein schlechter Geschmack. Diese Krawatte, die er auf dem Foto trug! Wo bekam man so etwas her?

Raphael ließ die Zeitschrift angewidert auf den Boden fallen. Sollte die Putzfrau das Interview und Brühleisens abstoßendes Antlitz seiner wahren Bestimmung zuführen – dem Mülleimer.

Mit entschlossenen Schritten ging Raphael in das weitläufige Ankleidezimmer. Beiläufig musterte er seinen trainierten Körper in den verspiegelten Schrankfronten. Die Mühe der letzten Wochen hatte sich gelohnt. Die Schultern wirkten sichtlich definierter, der Sixpack trat noch markanter hervor. Das neue Trainingsprogramm hatte es wirklich in sich. Es forderte ihn gnadenlos, war dafür aber effizient vom ersten bis zum letzten Schweißtropfen. Also wie gemacht für einen Mann wie ihn.

Mit einer lässigen Handbewegung aktivierte er das im Schrank eingelassene iPad und rief seine persönliche Assistentin Eleanor auf. Nachdem er im vergangenen Jahr bereits die zehnte Gehilfin gefeuert hatte, weil sie – wie alle ihre Vorgängerinnen – unfähig war, ihre Emotionen in Griff zu bekommen, entschied er sich für eine virtuelle Angestellte. Die Programmierung kostete zwar ein Vermögen, doch jeder Cent dieser Investition hatte sich gelohnt.

Eleanor war perfekt – sie fungierte als Stilberaterin, suchte passende Weine aus, empfahl Restaurants, recherchierte firmenrelevante Fakten, bestellte Geschenke, koordinierte die Hausangestellten, überblickte das Arbeitspensum der mittlerweile 20.000 Mitarbeiter seiner Firma »The Scent by Hohenstein«, rief wichtige Geburtstage und Zahnarzttermine ins Gedächtnis oder legte als persönliche DJane immer den richtigen Soundtrack auf.

Faszinierend, was ein bisschen Mathematik möglich machte! Raphael erinnerte sich daran, dass der Programmierer sogar von einer Trostspende-Funktion gesprochen hatte, was zwar für einen intellektgesteuerten Mann wie ihn überflüssig war, aber trotzdem nice to have.

Sollte er jemals das Bedürfnis verspüren, sich irgendeinen Kummer von der Seele sprechen zu wollen, brauchte er nicht lange einen Priester aufzusuchen, sondern konnte sich einfach in Eleanors starke virtuelle Arme schmeißen. Eine beruhigende Vorstellung für einen Misanthropen wie ihn! Wobei Kummer natürlich etwas für Weicheier war – und nichts für einen echten von Hohenstein.

Raphael tippte auf den Button »Outfit« und startete damit Eleanors Stilberatung.

Anlass? Raphael tippte auf »Geschäftstermin Italien«.

Verhandlungsort? »Golfclub Wannsee«.

Stimmung? »Gut«,

Verhandlungssumme? »Fünf Millionen«.

Besonderheiten Verhandlungspartner? »Stilsicher, genussorientiert, autoverrückt, listig.« Raphael dachte einen Moment nach, dann tippte er mit einem gewissen Widerwillen noch auf die Eigenschaft »leidenschaftlich«.

Zufrieden mit der Kurzcharakterisierung des bevorstehenden Termins drückte er auf »Outfit generieren«. Nach wenigen Sekunden öffneten sich die Schiebetüren seines Kleiderschranks und ein passendes Ensemble schwebte wie von Zauberhand auf einer silbernen Edelstahlschiene auf ihn zu. Er griff nach der vanilleweißen Chino von Ralph Lauren, einem hellrosa Hemd von Burberry mit Ärmelaufschlägen in dem charakteristischen Karomuster, das meistens Schals zierte und einem dunkelblauen, sportlichen Sakko von DSQUARED2, das einen gewagten Stilbruch zu den beiden anderen klassischen Kleidungsstücken bildete. Aus dem Schuhschrank wurden dunkelblaue Wildledermokassins von Tod’s bereitgestellt.

Anfangs begegnete Raphael der Klamottenauswahl seiner Assistentin mit großer Skepsis, denn auf den ersten Blick schienen die Kleidungsstücke oftmals wahllos zusammengewürfelt und keinesfalls tragbar. Doch kaum hatte er sie angezogen, fühlte er sich, als könnte er momentan nichts, wirklich gar nichts anderes als genau dieses Outfit tragen.

So auch heute.

Obwohl rosa Hemden normalerweise eher unter den Sakkos von wichtigtuerischen Widerlingen wie Brühleisen oder geschmacksverirrten BWL-Studenten hervorlugten, war das Hemd, dass Eleanor für seine Garderobe gewählt hatte, perfekt. Die Farbe schien sehr dezent, sie glich viel mehr nur einer Ahnung, einem Hauch und kleidete ihn exzellent. Der sanfte Ton brachte Raphaels stahlgraue Augen zum Strahlen und nahm ihnen etwas von ihrer Kälte und Härte, ohne sie unentschlossen wirken zu lassen.

Die beste Voraussetzung, um den melodramatischen und seelenvollen Italienern das Gefühl zu geben, in den allerbesten Händen zu sein, was millionenschwere Geschäfte betraf.

 

»Einen Schnösel erkenne ich aus hundert Meter Entfernung.«

 

Oh Mann, was stand denn der geschniegelte Typ da und glotzte so blöd? Warum stieg er nicht endlich ein? Mia ließ das Fenster der Beifahrerseite herunter.

»Das Auto ist offen. Sie können einsteigen.«

»Wie bitte?«, fragte der Typ entgeistert.

Mia schnaufte genervt. Ihr Vater hatte gesagt, von Hohenstein besäße Geld wie Heu, nicht, dass er strohdumm sei. »Sie können einsteigen, es ist offen«, wiederholte sie in einem Ton, mit dem man einem Zurückgebliebenen die Funktion eines Lichtschalters erklärte.

»Sie sind mein Chauffeur!«, zischte der Schnösel durch zusammengekniffene Lippen.

»Ja, ich weiß. Danke, dass Sie mich an meine Tätigkeit erinnern. Jetzt, wo Sie es sagen, fällt mir glatt wieder ein, warum ich in einem Auto herumsitze und darauf warte, dass der werte Herr endlich einsteigt. Meine Hauptaufgabe ist nämlich das FAHREN, soweit ich das richtig verstanden habe.« Mia funkelte den gelackten Schönling wütend an.

»Halten Sie mir die Tür auf, verdammt noch mal!«, brüllte von Hohenstein auf einmal unvermittelt los.

Na, das konnte ja heiter werden!

Ein minderbemittelter Wahnsinniger mit Wutproblem und Machtfantasien. Mia knirschte kurz mit den Zähnen. Sie hatte so was von gar keinem Bock, dieser Ratte die Tür zu öffnen. Aber sie brauchte das verdammte Geld, denn ihr Kontostand zeigte ungefähr null Euro an. Minus 314,85 Euro, um genau zu sein. Keine gute Ausgangsbasis für Rumgezicke, das musste sie zugeben. Mit verkniffenem Blick quälte sie sich aus dem Auto und hielt dem Tyrannen die Beifahrertür auf.

Von Hohenstein rührte sich keinen Zentimeter vom Fleck, sondern starrte sie nur an.

Mia nickte leicht mit dem Kopf in Richtung Wagen und machte ein schnalzendes Geräusch mit ihrer Zunge, so, als wollte sie ein störrisches Pony zum Gehen bewegen.

»Was haben Sie vorher gemacht? In einer Kantine Kartoffeln geschält?« Raphael von Hohenstein musterte Mia fassungslos.

Ebenfalls fassungslos starrte sie zurück.

»Kann man Ihnen gar nichts recht machen? Passt es Ihnen nicht einmal, wie ich eine Tür aufhalte?«, fauchte sie aufgebracht.

»Es ist die falsche Tür«, antwortete Raphael lapidar. »Ich sitze immer, merken Sie sich das, immer hinter dem Beifahrersitz. Ach was, vergessen Sie es gleich wieder. Denn diese Fahrt wird unsere einzige gemeinsame Fahrt sein. Für Systemfehler wie Sie habe ich keine Zeit. Und selbst wenn ich Zeit dafür hätte, wäre sie mir zu schade. Was könnte man in diesen fünf Minuten, die wir bereits hier vergeudet haben, für schöne Dinge machen! Eine Rechnung prüfen, eine fehlerhafte Bilanz korrigieren, einen unfähigen Mitarbeiter entlassen … Bitte steigen Sie wieder ein. Ich komme hier hervorragend alleine zurecht.«

Von Hohenstein nahm ein mit seinen Initialen besticktes Seidentaschentuch aus der Hosentasche, öffnete damit die Tür hinter dem Beifahrersitz und machte sich daran, einzusteigen.

»Das geht nicht, da sitzt Stoiber.«

Raphael hielt indigniert in seiner Bewegung inne und glotzte erst mit offenem Mund in Mias Gesicht und dann auf die Rückbank. Die treuen Augen des hässlichsten Hundes der Welt blickten ihn freundlich an.

»Was ist das? Eine Kreuzung aus Nacktmulch und Klobürste? Was macht das Vieh da? Weg damit, sofort!«

»Nur über meine Leiche.« Mia quetschte sich zwischen von Hohenstein und die Autotür und strich Stoiber beruhigend über den Kopf. Der hechelte dankbar und sabberte dabei auf die Rückbank. Angewidert betrachtete Raphael die feinen Tröpfchen.

»Für diesen räudigen Köter würden Sie sterben? Was sind Sie, eine dieser militanten Tierschützerinnen, die nachts Hühner aus Legebatterien befreit und nur einmal im Monat duscht, um Wasser zu sparen?«

Stoiber knurrte.

»Sie sind ein böser Mensch. Stoiber knurrt ausschließlich bei bösen Menschen. Er kann das fühlen.«

»Pah, böse! Ich halte nichts von Gefühlen. Mir geht es einzig und allein um Effizienz. Außerdem bezweifle ich, dass diese Töle überhaupt etwas fühlt, das Vieh ist doch total degeneriert. Wahrscheinlich ist es in spätestens drei Monaten tot. So Mutanten werden meist keine zwei Jahre alt.«

Stoiber knurrte lauter.

»Er ist bereits neun. Und ein Rassehund mit Stammbaum, falls es das für Sie irgendwie besser macht. Ja, ehrlich gesagt, genau so sehen Sie aus. Komm Stoiber, ab heute sitzt du vorne.« Mia legte die Hundedecke auf den Beifahrersitz, setzte den Hund darauf und ließ Stoibers Gurtbefestigung einrasten.

»Wie sehe ich aus?«

Mia blickte herablassend über die Schulter. »Wie einer, der etwas als wertvoller empfindet, nur weil es Papiere besitzt. Oder verständlicher ausgedrückt: Wie ein oberflächlicher Vollidiot.« Mia biss sich auf die Lippen. Mist, das war zuviel des Guten gewesen. Gleich würde der Typ explodieren.

Doch Raphael von Hohenstein verzog seinen Mund lediglich zu einem süffisanten Lächeln, holte eine Tüte Desinfektionstücher aus seiner Aktentasche und reinigte damit Rücksitz und inneren Türgriff. Dann nahm er Platz und zog sein iPhone aus der Jackentasche. Nachdem er den Bildschirm entsperrt hatte, rief er Eleanor per Sprachsteuerung auf.

»Eleanor, ich brauche einen neuen Chauffeur. Sofort.«

»Einen Moment, Herr von Hohenstein, ich verbinde Sie mit dem Chauffeurservice.« Genial, wie der Programmierer diese Stimme hinbekommen hatte. Ein Laie konnte nicht erkennen, dass es sich um eine virtuelle Assistenz handelte.

»Guten Morgen, Fahrdienstleistungen Schönthal, Lena Ribeke am Apparat, was kann ich für Sie tun?«

»Von Hohenstein hier, den Chef bitte.«

»Einen Moment.«

»Schönthal. Guten Morgen Herr von Hohenstein, ist der bestellte Fahrer nicht bei Ihnen aufgetaucht?«

Mias Handy begann zu klingeln. Sie sah die Handynummer ihres Vaters am Display, drückte den Anruf aber weg. Die Situation war wirklich zu skurril. Sie konnte sich haargenau vorstellen, wie er mit bösen Blick an seinem Handy herumfingerte und sie verfluchte, während ihm Raphael von Hohenstein die Ohren volljammerte. Auf den Gedanken, dass von Hohenstein das Problem war und nicht sie, kam Lothar Schönthal in diesem Augenblick wahrscheinlich gar nicht. Denn der Kunde war König. Angeblich oberstes Gebot, wenn man ein erfolgreicher Unternehmer sein wollte.

»Doch, die Fahrerin ist aufgetaucht, aber leider komplett unfähig. Ich erwarte unmittelbar Ersatz.« Raphael von Hohenstein spuckte die Worte förmlich aus.

Ersatz! Als wäre sie eine kaputte Kaffeemaschine. Unglaublich, was sich dieser Schnösel einbildete. Mia kochte innerlich vor Wut.

»Ähm, Herr von Hohenstein, ich respektiere Ihre Meinung natürlich, Sie wissen, ich schätze Sie als meinen besten Kunden. Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie alle unsere Fahrer bereits getestet haben und keiner Sie mit seinen Fähigkeiten zu überzeugen vermochte. Ich befürchte, ich kann Ihnen momentan keinen, ähm, adäquaten Ersatz anbieten.«

»Ich erhöhe das Budget.«

»Entschuldigen Sie, aber daran liegt es nicht. Also, ähm, denken Sie nicht, Sie könnten es wenigstens heute mit meiner To…, also mit dem derzeitigen Fahrer probieren und ich versuche währenddessen, einen Chauffeur zu finden, der besser zu Ihnen passt?«

»Dann wird dieser Tag aber nicht berechnet, nehme ich an?«

»Natürlich nicht. Sie fahren die ganze Woche frei.«

»Gut. Ich hatte mich gerade eben schon gefragt, warum ich eigentlich Ihren Service nutze. Aber nun ist es mir wieder eingefallen. Sie brauchen sich nicht zu melden, wenn Sie jemanden mit besserer Eignung aufgetrieben haben. Schicken Sie den Neuen morgen einfach vorbei. Wiederhören.«

Ich kann dir sagen, warum du den Service meines Vaters nutzt, dachte Mia aufgebracht. Weil du jeden anderen Dienst in der Stadt mit deinem arroganten Verhalten bereits gegen dich aufgebracht hast und mein Dad der Letzte ist, der dein in Seidenunterhosen gebettetes Poloch überhaupt noch von der Stelle bewegt. Mia warf einen grimmigen Blick in den Rückspiegel.

Von Hohenstein saß mit ungerührtem, leicht blasiertem Gesichtsausdruck auf dem Rücksitz und tippte auf seinem Handy herum. Ohne aufzusehen gab er Mia das erste Ziel des Tages vor.

»Golfclub Wannsee.«

Mia gab sachte Gas und fuhr die breite, mit hellem Sandstein gekieste Auffahrt der Villa in Dahlem entlang und bog auf die von großen Bäumen und hohen Hecken gesäumte Straße ein. Die Reichen blieben gerne unter sich und schätzten keine neugierigen Blicke, wie es schien. Ob alle Bewohner dieses Viertels solche Unsympathen wie ihr schnöseliger Passagier waren?

Leute, denen man nichts recht machen konnte, die an allem herummäkelten und sich nur wohlfühlten, wenn sie sich mit einer Wolke aus Luxus, Geld und Hochnäsigkeit umnebelten? Bemitleidenswert, im Grunde.

Wenn die größten Probleme im Leben Fragen in der Art darstellten, ob man besser die Louis Vuitton oder die Hermes Handtasche wählen sollte, brauchte man sich nicht wundern, wenn man von der Normalbevölkerung schief angeschaut wurde.

»Ist eigentlich mein Bentley noch immer in der Werkstatt oder warum gurken wir heute in dieser Kiste herum?«, nörgelte von Hohenstein vom Rücksitz.

»Diese Kiste heißt Gonzales. Wo Ihr Bentley ist, weiß ich nicht und es interessiert mich auch nicht. Solange Sie mit mir fahren, fahren Sie in Gonzales. Immer. Ich fahre kein anderes Auto.«

»Wie bitte?«

»Ich fahre kein anderes Auto.«

»Das meinte ich nicht.«

»Was meinten Sie dann?«

»Ihr Auto hat allen Ernstes einen Namen? Ich hätte mir denken können, dass Sie so Eine sind. Unmöglich! Haben Sie zu oft bei Ikea eingekauft? Bisher habe ich wirklich große Stücke auf Schönthal gehalten, aber Sie sind eine Zumutung. Gonzales, dass ich nicht lache. Wie viele PS hat die alte Mähre denn überhaupt? Hundert? Haben Sie deswegen das Speedy weggelassen?« Von Hohenstein lachte ein tiefes, markiges Lachen, das eine Welle giftigen Hohns durch das Auto spülte.

»295. Genügt Ihnen das?«

»Um in die Garage zu zockeln, vielleicht. Normalerweise fahre ich keine Autos unter 400 PS.«

Normalerweise fahre ich keine Autos unter 400 PS, äffte Mia in Gedanken Raphael von Hohensteins überhebliche Worte nach. »Möglicherweise legen Sie in Ihrem Leben ein bisschen zu viel Wert auf Zahlen? Was bringen Ihnen 400 PS, wenn das Auto keinen Charakter hat? Gonzales ist ein Erbstück meines Großvaters. Er war Chauffeur des schwerreichen Esteban Ezekiel Gonzales.«

»Nie gehört.«

»Ein sehr erfolgreicher spanischer Unternehmer, der vor allem in seiner Heimatgemeinde eine regelrechte Berühmtheit darstellte. Er steckte einen Haufen seines Geldes in soziale Projekte und tat viel Gutes. Die Menschen verehrten ihn wie einen Heiligen. Als mein Großvater in Rente ging, schenkte ihm Gonzales diesen Wagen. Wissen Sie, Herr von Hohenstein, ich könnte für dieses Auto viel Geld bekommen. Aber ich möchte es nicht hergeben. Ich liebe es. Es hat Charakter und eine bewegte Vergangenheit.«

»Rührend, wirklich rührend. Hätten Sie bitte ein Taschentuch für mich?«

Mia begann, im Handschuhfach zu kramen. Vielleicht war dieser Typ doch nicht so übel und mimte nur den harten Macker?

»Das war ein Scherz, meine Liebe«, unterbrach Raphael von Hohenstein Mias hektisches Suchen und erstickte damit jeden Hoffnungsschimmer im Keim, dass er doch ein Herz besaß. Er stieg aus und schenkte Mia über den Rückspiegel ein eiskaltes Lächeln.

Stoiber knurrte bedrohlich.

 

»Jeder ist käuflich. Das ist nicht meine Meinung, sondern eine Tatsache.«

 

Warum zur Hölle arbeiteten nun schon Frauen als Chauffeurinnen? Es reichte, dass sie überhaupt den Führerschein machen durften, aber bedeutete das gleich, dass sie ihre Unfähigkeit beruflich ausüben mussten?

Was hatte sich Schönthal nur dabei gedacht, ihm diese inkompetente Xanthippe zu schicken? Wenn er nur an den sentimentalen Schwachsinn dachte, den sie gerade noch verzapft hatte.

Auto mit Charakter. So ein Humbug!

Aber diese armen Schlucker fanden immer Argumente, sich ihr eigenes Versagen schönzureden. Anstatt zuzugeben, dass sie für einen anständigen Wagen zu wenig Geld besaßen, erklärten sie die alte Karre lieber zum sagenumwobenen Kultmobil. Na ja, wenn es sie glücklich machte.

Raphael von Hohenstein trat siegessicher in das Foyer des Golf- und Landclubs Wannsee. Er gehörte zum Glück der Oberschicht an und brauchte sich über Lächerlichkeiten wie Namen für schrottreife Autos keine Gedanken zu machen.

»Halt. Warten Sie.« Mia Schönthal blieb keuchend neben ihm stehen.

»Was wollen Sie denn? Personal hat hier keinen Zugang, nur Clubmitglieder.«

»Keine Sorge, meine unheiligen Füße werden den ehrwürdigen Boden nicht lange beschmutzen.«

»Erzählen Sie keine Romane. Was wollen Sie? Warum lassen Sie nicht meiner Assistentin Eleanor eine Nachricht zukommen?« Von Hohenstein zog Mia in eine Ecke hinter einen Konzertflügel. Hoffentlich hatte niemand gesehen, dass ihm seine Chauffeuse nachlief. Das war ja peinlich!

»Warum sollte ich Ihrer Assistentin eine Nachricht zukommen lassen, wenn Sie hier direkt vor mir stehen? Damit Ihre Assistentin dann Ihnen die Nachricht zukommen lässt? Oder muss sie dann erst dem Clubpersonal eine Nachricht zukommen lassen, das Ihnen ausrichtet, dass Sie sich bitte bei Eleanor melden sollen, weil sie eine Nachricht für Sie hat? Oh Mann, Ihr Reichen seid so abgedreht.«

Von Hohenstein sog scharf die Luft zwischen die Zähne. Dieses Weib war wirklich ein Alptraum.

»WAS. WOLLEN. SIE?«, zischte er ungehalten.

»Na, wissen, wann Sie wiederkommen. Sie haben mir keinen Tagesplan ausgehändigt, keine Zeiten genannt, gar nichts. Wie soll ich da für Sie verfügbar sein?«

»Ganz einfach: In dem Sie sich in Ihren geschichtsträchtigen Wagen setzen und warten, bis ich wiederkomme. Ein Kinderspiel, oder?«

»Warten? Die ganze Zeit?« Mia starrte ihn fassungslos an.

»Genau. Warten. Die ganze Zeit. In meinem Bentley hätten Sie einen Fernseher, außerordentlich bequeme und flexibel verstellbare Sitze sowie ein exzellentes Soundsystem. Leider werden Sie in diesen Genuss nicht mehr kommen, weil ich hoffentlich ab morgen nie wieder auf Ihre fragwürdigen Dienste angewiesen sein werde. Ach, und noch etwas: Kommen Sie gar nicht erst auf die Idee, sich die Beine zu vertreten und Ihren Klobürstennacktmulch aufs Clubgelände häufen zu lassen. Verstanden?«

»Aye, aye, Sir«, salutierte Mia übertrieben dienstbeflissen und schlug dabei die Hacken zusammen.

Raphael schüttelte den Kopf. Verdammte Irre. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Tür des Foyers geöffnet wurde und seine italienischen Geschäftspartner eintraten. Er musste diese Frau unverzüglich loswerden. Unter ihrer Uniform lugte doch tatsächlich der Kragen eines Batikshirts hervor. Wo gab es heute eigentlich noch Batikshirts zu kaufen? Hatte sie das unsägliche Teil selbst hergestellt? Oder gar in einem Secondhandshop erworben? Ein kurzes Schaudern ließ Raphaels Schultern zucken – gebrauchte Klamotten kaufen, was für eine abartige Vorstellung!

Möglichst unauffällig begann er, seine rechte Hand auf Höhe des Oberschenkels leicht zu schütteln, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen. »So, und nun husch, husch, hinaus zu Ihrer altersschwachen Rennmaus. Ich habe hier zu tun. Wenn Sie bitte den Hinterausgang nehmen würden. Vielen Dank.« Raphael setzte sein strahlendes Zahnpastalächeln auf, wandte sich in Richtung der nahenden Geschäftspartner und hob grüßend die Hand.

»Halt. Einen Moment noch.«

Raphael von Hohenstein fuhr zusammen und drehte sich noch einmal um. Wie redete diese Frau denn mit ihm? Gerade, als er ihr seine Meinung zu der saloppen Anrede ins Gesicht schleudern wollte, stellte Mia Schönthal sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn einfach auf den Mund.

Küsste ihn.

Auf den Mund!

Vollkommen perplex wich er einen Schritt zurück und gaffte seine Chauffeurin an. War sie von allen guten Geistern verlassen?

»Liebe ist der einzige Weg. Wenn man es schafft, selbst seinen größten Feind zu lieben, wird man Frieden finden.« Mia Schönthal schenkte Raphael ihr bezauberndstes Lächeln, winkte ihm kurz zu und machte sich auf den Weg zum Haupteingang. Den Italienern warf sie ein gut gelauntes »Buon Giorno« zu und parierte deren wollüstigen Blicke mit einem frechen Grinsen.

Ihr langes blondes Haar fließt wie ein goldener Wasserfall über ihren Rücken, stellte Raphael fest. Aaah, warum dachte er so einen kitschigen Unsinn?

Fehlte nur noch, dass ihr Mund nach Erdbeeren schmeckte. Unbewusst benetzte von Hohenstein mit der Zungenspitze seine Lippen und nahm dezent den Geschmack von – Erdbeeren – wahr.

Widerwillig schüttelte er den Kopf und ermahnte sich selbst, sich endlich zusammenzureißen. Ein Mann wie er ließ sich doch nicht von einem durchgeknallten Möchtegern-Orakel mit Klobürstenhund und gammeligen Schrottjaguar durcheinanderbringen. Das wäre ja noch schöner!

Er straffte die Schultern, machte drei große Schritte zu seinen italienischen Geschäftspartnern und umarmte sie in pseudofreundschaftlicher Business-Manier mit dazugehörigem männlichen Schulterklopfen.

»Ah, Amore isse das Schönste auf der Welt«, schmetterte ihm Fabio, ein drahtiger Sportlertyp mit maßgeschneidertem Anzug aus Lotusseide und spiegelblank polierter Glatze, ins Ohr. Von Hohenstein widersprach nicht. Sollten sie doch denken, was sie wollten, hier ging es nur ums Geschäft.

Ein sehr lukratives Geschäft.

Die Italiener besaßen das unscheinbare Parfümlabel »Respiro«, dass Düfte aus hochwertigen Naturingredienzen herstellte. Hunderte urige Kräuterweiblein lieferten die Rohware, sorgfältig an den schönsten und unberührtesten Plätzen Italiens per Hand gepflückt. Ein unbekannter, aber außerordentlich begabter Parfümeur zauberte daraus Kreationen, die ein wahres Duftfeuerwerk in der Nase entfachten. Raphael war in einem kleinen Laden in Florenz auf die Parfüms aufmerksam geworden und wusste sofort, dass sich damit richtig viel Geld verdienen ließ. Die Vermarktungsmöglichkeiten waren nämlich extrem ausbaufähig. Was sich momentan als kleine Perle am Parfümhimmel für Individualisten darstellte, würde bald zum stärksten Zugpferd für »The Scent by Hohenstein« werden, davon war er überzeugt. Jeder Hollywoodstar, jeder Scheich, jeder Finanzmogul, jeder, der auch nur ein bisschen was auf sich hielt und über ein sechsstelliges Jahreseinkommen verfügte, würde in spätestens einem Jahr mindestens einen dieser Düfte im Bad stehen haben. Raphael wusste, wie man Marken zum Leben erweckte und Begehrlichkeiten schuf.

Und er wusste, wie man Verhandlungen führte.

»Ah, Fabio, Sie alter Charmeur, in der Liebe kennen Sie sich aus, nicht wahr?« Brüderlich boxte er dem smarten Italiener gegen die Brust. Dieser grinste verschmitzt.

»Sie tragen heute ›legnoso, piccante‹, nicht wahr? Kann es sein, dass das Olivenholz nicht mehr von der gleichen Qualität ist wie früher? Es ist einen Hauch zu rauchig, harzig. Außerdem wurde der Salbei etwas zu spät geerntet, seine Note ist zu bitter.«

Fabios Miene verfinsterte sich. Auch seine zwei Begleiter wirkten sichtlich unangenehm berührt.

»Sie haben eine ausgezeichnete Nase, Raffaelle. Aber seien Sie unbesorgt, der Qualitätsstandard unserer Produkte ist unverändert hoch.« Ein kleiner Schweißtropfen wanderte hinter Fabios Ohr nach unten und versickerte in seinem weißen Hemdkragen. Das Lächeln des Italieners wirkte verkrampft.

»Lassen Sie uns das nicht hier besprechen. Folgen Sie mir, bitte.« Von Hohenstein führte seine Verhandlungspartner in ein Clubzimmer, wo bereits Kaffee und Häppchen mit italienischen Delikatessen bereitstanden. Nach einem exakt kalkulierten Smalltalk von zwanzig Minuten war die Situation entschärft, die Stimmung gelöst und Raphael bereit, das Label der Italiener zu einem Spottpreis zu übernehmen. Er war sich sicher, die lächerlichen fünf Millionen sogar noch drücken zu können. Ohne große Umschweife konfrontierte er die Anwesenden mit seiner Meinung.

»Ich denke, das herausragende an unserer Zusammenarbeit ist Ehrlichkeit, nicht wahr? Und weil mir gerade diese Ehrlichkeit besonders am Herzen liegt, möchte ich Ihnen nun auch meine aufrichtige Meinung sagen. Ich denke, Sie wollten die Produktion der Düfte, nun, nennen wir es optimieren. Etwas größere Produktionsmengen, etwas schlechtere Zutaten, etwas unaufmerksamere Mischungen – diese feinen Nuancen bemerkt doch schließlich niemand. Aber, meine Freunde – und ich versichere Ihnen, ich benutze das Wort Freunde nicht aus schmeichelnder Heuchelei, sondern aus einer wahren Zuneigung heraus – aber meine Freunde, ich habe es bemerkt. Und das bedeutet, dass auch andere es bemerken werden.«

»Ah, Signor Raffaelle, Ihre feine Nase ist unvergleichlich«, versuchte der Senior-Chef des Unternehmens, ein untersetzter Mann mit freundlichem Gesicht und stets tadelloser Kleidung, den Worten an Gewicht zu nehmen.

»Danke für das Kompliment, Cosimo, ich weiß das sehr zu schätzen, glauben Sie mir. Aber die Erfahrung zeigt, dass man mit nichts leichter eine Marke kaputt machen kann, als mit einem Nachlassen der Qualität, sei es auch noch so minimal. Denn gerade die gehobene Kundschaft achtet penibel auf jedes Detail. In Fall von ›Respiro‹ kann man von Glück sagen, dass sich die Bekanntheit noch in Grenzen hält. Die Folgen könnten sonst verheerend sein und unser Geschäft hätte sich damit erledigt.« Raphael machte eine Pause und ließ die Worte ihre ganze Kraft entfalten. Die Gesichter der Italiener wirkten bestürzt.

»›The Scent by Hohenstein‹ kann es sich nicht leisten, das Attribut, Anbieter erlesenster und einzigartiger Luxusprodukte im Duftbereich zu sein, auch nur im Geringsten zu gefährden. Der Erfolg der gesamten Firma und damit das Leben von 20.000 Mitarbeitern hängt davon ab. Absolute Glaubwürdigkeit und Integrität sind unser oberstes Gebot.«

Die Italiener nickten ehrfürchtig.

»Ich kann nun nicht genau beurteilen, inwieweit bereits andere Firmen auf ›Respiro‹ aufmerksam geworden sind und die Entwicklung und Qualitätskonstanz der Produkte beobachtet haben. Genau hier liegt für mich das unternehmerische Risiko. Wenn jemand die gleiche Beobachtung gemacht hat wie ich, kaufe ich die Katze im Sack. Eine Senkung des Preises um eine halbe Million ist für mich daher realistisch. Ich sage nicht, dass diese Senkung fair wäre. Fair wäre für mich allerhöchstens ein Preis zwischen 3,8 und 4,1 Millionen. Aber da unsere Beziehung weit über das Geschäftliche hinausgeht und ich an ›Respiro‹ glaube, biete ich Ihnen 4,5 Millionen. Ich verstehe natürlich, dass Sie über das Angebot nachdenken und sich mit Ihrem Anwalt austauschen möchten. Ich lasse Sie dreißig Minuten alleine.«

Raphael stand auf und verließ den Raum. Er würde einen Spaziergang über die weitläufige Anlage machen, obwohl er genau wusste, wie die Entscheidung ausfallen würde.

Er wusste es immer.

Menschen waren so berechenbar.