Leseprobe: Secret Millionaire – Wer ist Noah Carter?

Kapitel 1

Ich saß mit sehr geradem Rücken auf der Couch in meinem riesigen Wohnzimmer und starrte den Picasso an der Wand gegenüber an. Ich fand das Bild schrecklich, aber meine Mutter hatte es verehrt, deswegen versuchte ich jeden Tag aufs Neue, es ebenfalls zu mögen.

Seit der Trennung von Jake verbrachte ich zu viel Zeit in dieser Position und dachte über das Leben nach. Ich hatte Jake geliebt, viel zu lange hatte ich das getan. Obwohl er mich betrog und den Duft anderer Frauen in unser Schlafzimmer schleppte, wenn er sich spätabends zu mir legte, hatte ich ihm die Treue gehalten.

Bis er eine dieser Frauen mit hierhergebracht hatte. In mein Haus, in unser gemeinsames Bett. Sie war rothaarig gewesen, zierlich und mit gemachten Titten, die unnatürlich steif auf und ab wippten, als Jake sie von hinten nahm und dabei stöhnte wie ein brünftiger Elch. Das Mädchen machte währenddessen ein gelangweiltes Gesicht und begutachtete ihren rechten Daumen, an dem der dunkelrote Nagellack abgeplatzt war.

»Wenn du mit dem Hintern wackelst, kommt er schneller«, hatte ich damals zu der Rothaarigen gesagt.

Danach wollte ich mich eigentlich abwenden und gehen, aber irgendetwas hielt mich zurück. Ich war wie gelähmt und stand fest verwurzelt wie eine uralte Eiche in der Schlafzimmertür, während Jake mit schreckensverzerrtem Gesicht sein Glied aus der fremden Muschi zog und die obligatorischen Worte stammelte.

»Abby, Schatz, es ist nicht das, wonach es aussieht.«

»Kann ich dann jetzt gehen?«, fragte die Rothaarige desinteressiert in mein verblüfftes Schweigen hinein, stieg aus dem Bett und zog sich ohne Eile an.

Sie hatte Sommersprossen um den Bauchnabel und ein herzförmiges Muttermal auf der Hüfte. Vielleicht war es auch ein Tattoo.

Jake erhob sich ebenfalls und kam mit ausgestreckten Armen auf mich zu.

Was wollte er von mir?

Mich umarmen?

Ernsthaft?

Angewidert drehte ich mich weg und fand endlich die Kraft, zu gehen.

»Wenn ich wiederkomme, möchte ich dich hier nicht mehr sehen«, sagte ich im Hinausgehen, ohne mich umzudrehen.

Dann verließ ich das Haus und lief stundenlang durch den Central Park. Als ich irgendwann total erschöpft und mit schmerzenden Füßen zurück in die 74. Straße stolperte, war es bereits dunkel. Im Haus brannte kein Licht. Jake war gegangen.

Das war nun fünf Monate her. Fünf Monate, in denen ich nichts von ihm gehört hatte. Wohlgemerkt: nichts von ihm. Das bedeutete allerdings nicht, dass ich nichts über ihn gehört hätte. Denn auch, wenn es sich bei New York City um eine Millionenstadt handelte, verhielt es sich in gewissen Kreisen nicht anders als im hinterletzten Kaff in Minnesota: Man klatschte und tratschte, was das Zeug hielt. Zum Beispiel, dass Jake sich geändert hatte und seit der Trennung von mir wie ausgewechselt erschien. Angeblich war er ein Ausbund an Anstand und Tugendhaftigkeit. Ein Bild, das so gut zu Jake Lexington passte wie ein Callgirl zum Papst.

Das Telefon klingelte. Ich überlegte ein paar Sekunden, ob ich es ignorieren sollte, stand dann aber auf, um den Anruf entgegenzunehmen. Ich durfte mich nicht so hängenlassen. Eine Trennung war zwar nicht schön, aber auch kein Weltuntergang.

»Bleeker«, meldete ich mich und rückte eine Aktzeichnung von Egon Schiele zurecht, die ich fast noch mehr verabscheute als den Picasso im Wohnzimmer.

»Abby, hi, ich bin’s, Vivien.«

»Hi, Viv. Was gibt’s?« Ich ging in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ein Gespräch mit Vivien konnte dauern.

»Ich wollte dich nur daran erinnern, dass morgen unser Treffen in Jane’s Café stattfindet.«

»Danke. Und warum rufst du wirklich an?« Ich trank einen Schluck Wasser und ging wieder ins Wohnzimmer.

»Also, Francis hatte gestern ein Geschäftsessen im Daniel

Francis war Viviens Mann, ein sehr erfolgreicher Anwalt für Immobilienrecht, aber leider dermaßen arrogant, dass eine Unterhaltung mit ihm am angenehmsten war, wenn man sie gar nicht erst führte.

»Ich langweile dich jetzt nicht mit Details«, fuhr Vivien fort, »aber Jake war auch dabei. Bis zum Schluss. Du weißt, was das heißt, oder?«

»Er ist am Arm eines Callgirls aus dem Lokal gewankt, hat sich öffentlich im Taxi einen blasen lassen und nun soll ich seine Kaution bezahlen, damit er aus dem Gefängnis kommt?«

»Abby!«

»Ist doch wahr«, grummelte ich.

»Jake war anständiger als eine neunzigjährige Nonne. Er hat nur einen Whisky getrunken. Stell dir das vor! Nur einen. Den ganzen Abend lang. Und das, obwohl der Senator dabei war.«

»Schön für ihn.«

»Abby, jetzt sei doch nicht so streng. Jake ist ein Mann, also von Natur aus mit groben Fehlern behaftet. Aber er bereut sein Verhalten wirklich. Glaubst du, das Zusammenleben mit Francis ist immer leicht?«

»Gott bewahre, ganz sicher nicht.«

Vivien zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. Ich wusste genau, warum: Ich war wieder einmal zu direkt gewesen. Obwohl echte New Yorker dafür bekannt waren, nicht lange um den heißen Brei herumzureden, fand Viv meine Ehrlichkeit Francis betreffend manchmal zu viel des Guten.

»Na ja, wie auch immer: Ich an deiner Stelle würde Jake endlich verzeihen. Wie lange willst du ihn denn noch leiden lassen? Ich meine, Abby: Du hast in zwei Monaten einen Termin bei Amsale Aberra für den Entwurf deines Hochzeitskleides. Willst du den verfallen lassen? Andere Frauen würden dafür töten – und weitaus schlimmere Männer heiraten, nur damit sie ein Kleid von ihr tragen dürfen.«

»Ich bin aber nicht andere Frauen. Lieber heirate ich den Richtigen in einem Lumpensack als den Falschen in Amsale Aberra.«

»Den Richtigen! Herrgott Abby, du bist vierunddreißig Jahre alt. Schön langsam müsstest du wissen, dass kein Prinz auf dem weißen Ross angaloppiert kommt.«

»Was hat dir Jake eigentlich versprochen, damit du dich so für ihn ins Zeug legst?«

»Du bist unverbesserlich, Abby. Jake hat mir gar nichts versprochen. Du bist meine Freundin. Und ich will, dass es dir gut geht.«

»Danke. Mir geht es gut. Sehr gut sogar. Bis morgen dann.« Ich legte auf und starrte auf den Picasso.

Ich war wütend. Auf Jake, auf Vivien, auf mich selbst, auf die gesellschaftlichen Kreise, in denen ich lebte, auf meine Eltern – ach, einfach auf alles.

Ich war in dem Glauben großgeworden, dass Geld keine Rolle spielte und es sich für eine Frau nicht schickte, zu arbeiten. Deshalb hatte ich auch nicht Medizin studiert, wie es mein Wunsch gewesen war, sondern mich durch sechs endlos langweilige Semester Kunstgeschichte und Literatur gequält, um mir das nötige »Konversationswissen«, wie meine Mutter es immer genannt hatte, anzueignen.

Nun waren meine Eltern tot und ich durch das Erbe zwar steinreich, aber ohne ordentlichen Beruf. Ich konnte in jeder Situation gehobenen Small Talk halten – aber eine Lebensaufgabe war das ganz sicher nicht. Genauso wenig wie diese bescheuerten Charity-Aktionen, die ich mit Viv und den anderen beiden Mädels regelmäßig auf die Beine stellte. Nicht, weil ich ernsthaft Gutes tun wollte, sondern weil es sich für Frauen aus besserem Hause einfach gehörte, Charity zu machen.

Ich hatte die Nase so voll von meinem Leben. Von diesem mit Kunst vollgestopften Haus, dem umherschwirrenden Geist meiner Eltern, der noch immer mein Denken kontrollierte, den sinnlosen Tagen aus Shopping und Kaffeekränzchen, den Erinnerungen an Jake. Ich sollte alles hinter mir lassen und neu anfangen. Aber wo? Und als was? Als professionelle Small-Talkerin?

Der tiefe Gong der Türklingel meldete einen Besucher. Ich stand auf und prüfte im Flurspiegel routiniert das Make-up und den Sitz der raffinierten Hochsteckfrisur. Mein Erscheinungsbild war tadellos. Ich öffnete die Tür.

»Abby Bleeker?«, fragte ein Fahrradkurier.

»Steht vor Ihnen«, antwortete ich.

Der Mann wühlte in seiner Umhängetasche, streckte mir einen Brief und eine Quittung zum Unterschreiben entgegen und hastete dann zurück zu seinem Fahrrad.

Ich begutachtete den Umschlag. Er war aus schwerem, marmoriertem Büttenpapier und sah aus, als käme er aus einer anderen Zeit. Mein Name war mit dunkelblauer Tinte darauf geschrieben. Und zwar von Jake. Es handelte sich eindeutig um seine Handschrift.

Mein Herz begann zu klopfen. Nach fünf Monaten die erste Kontaktaufnahme, von seinen anfänglichen verzweifelten Anrufen und SMS einmal abgesehen.

Nach fünf Monaten schrieb Jake mir einen Brief.

Nach fünf Monaten, in denen er wie ein Mönch gelebt und nichts unversucht gelassen hatte, damit mir seine Wandlung auch zu Ohren kam.

Nach fünf Monaten, in denen ich durch die Hölle des Liebeskummers in all seinen Phasen gegangen war.

Erst hatte ich Jake gehasst.

Dann war ich mir sicher, dass er die Liebe meines Lebens gewesen war und ein Dasein ohne ihn keinen Sinn hatte.

Danach verfiel ich in Melancholie und Verzweiflung, überzeugt davon, nie wieder glücklich werden zu können.

Und schließlich beschloss ich, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und ganz neu anzufangen.

Okay, zugegeben, das war erst vor fünf Minuten gewesen und ich hatte keinen Plan, wie dieser Neuanfang aussehen sollte, aber trotzdem. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war ein Brief von Jake.

Ich würde ihn ungelesen in den Müll schmeißen. Was sollte ein Mann, der eine Prostituierte in unserem zukünftigen Ehebett vögelte und diese Geschmacklosigkeit mit dem Satz »Schatz, es ist nicht das, wonach es aussieht« kommentierte, schon Originelles zu sagen haben?

Ich ging in die Küche und pfefferte den Brief in den Abfalleimer. Die erhoffte Erleichterung blieb aus.

Was wohl darin gestanden haben mochte?

Vielleicht hatte sich Jake wirklich geändert?

Immerhin hatte er mir einen Brief geschrieben! Jake, der erklärte Nichtromantiker, der überzeugte Füllerhasser und  Nostalgieverächter, hatte ernsthaft zu Tinte und Papier gegriffen. Ein geschichtsträchtiger Moment. Ich warf einen verstohlenen Blick über die Schulter, was unnötig war, weil sich niemand im Haus befand, der mich beobachten konnte. Dann öffnete ich den Mülleimer und fischte den Brief wieder heraus.

Ich drehte ihn auf die Rückseite. Er war mit einem herzförmigen Siegel aus rotem Wachs verschlossen. Das überschritt jegliche Romantik und grenzte bereits an Kitsch. Jake musste es wirklich ernst sein mit dem Anliegen, mich zurückzuerobern. Wahrscheinlich brauchte er dringend Geld, dachte ich zynisch und brach das Wachsherz entzwei.

Liebe Abby,

ich weiß, dass du diesen Brief gerade aus dem Mülleimer gefischt hast. Und ich weiß auch, warum.

Weil du wütend auf mich bist.

Weil du denkst, dass meine Worte in deinem Leben keine Bedeutung mehr haben.

Weil ich dich so verletzt habe, wie man keine Frau, die man liebt, verletzen sollte.

Ja, du liest richtig. Ich liebe dich, Abby. Aber ich weiß ganz genau, was du jetzt darauf sagen wirst: Woher zur Hölle wusstest du, dass ich den Brief aus dem Mülleimer geangelt habe?

Ganz einfach: Weil ich dich besser kenne, als jeden anderen Menschen auf der Welt. Mir ist bewusst, dass ich dir oft das Gefühl gegeben habe, dich nicht richtig wahrzunehmen, dich nicht wertzuschätzen, dir nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken. Aber du täuschst dich. Egal, was ich gemacht habe, egal, wo ich mich befand – mit meinem Herzen war ich immer nur bei dir.

Erinnerst du dich an den Tag, an dem wir uns kennengelernt haben?

Es war September, ein ungemütlicher, kalter, regnerischer Nachmittag. Kein normaler Mensch wäre auf die Idee gekommen, bei diesem Wetter am Strand von Coney Island spazieren zu gehen. Nur wir beide trotteten gedankenversunken mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen durch den Sand und bückten uns zur selben Zeit nach einer Muschel, die mit ihrer seltsamen Form unsere Aufmerksamkeit erregte.

Bis heute bin ich fest davon überzeugt, dass diese Muschel eine Fügung des Schicksals war, ein Zeichen des Himmels, damit wir beide uns kennenlernen.

Als wir gleichzeitig danach griffen und sich unsere Hände berührten, zündete mein Körper ein Feuerwerk. Ein Blick in deine Augen, und es war um mich geschehen. Das ist nun sieben Jahre her, aber dieser Moment hat sich unauslöschbar in mein Gedächtnis eingebrannt. Er ist einer der wertvollsten Schätze, die ich besitze.

Du fragst dich sicherlich, warum ich dir all das erzähle, obwohl ich dich so oft betrogen und verletzt habe.

Weil du wissen sollst, dass dies nie wieder vorkommen wird.

Abby, ich habe mich geändert. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt und bereue sie. Und ich möchte mich bei dir entschuldigen, für all den Schmerz und den Kummer, den ich dir bereitet habe.

Nein, mehr als das. Ich möchte dir zeigen, was für ein Mensch ich wirklich bin. Was für ein Mann ich wirklich bin.

Verzeih mir, Abby. Und reich mir deine Hand. Unsere gemeinsame Zeit ist noch nicht vorbei. Sie fängt gerade erst an.

In Liebe,

Jake

Verwirrt legte ich den Brief beiseite. Das sollte Jake geschrieben haben? Mein Jake? Hatte er einen Kurs in »Gefühle – empfinden und aufschreiben« besucht? Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Rief mir sein markantes Gesicht in Erinnerung, den Schwung seiner sinnlichen Lippen, seinen wachen Blick, die grauen Strähnen an seinen Schläfen, die schon mit Anfang dreißig sein dunkles Haar durchzogen. Ohne Zweifel, Jake war ein attraktiver Mann, mehr als das, er war schön im klassischen Sinne. Aber er war kein Romantiker. Nein, das war er ganz sicher nicht.

 

Kapitel 2

»Mädels, ich hatte gestern eine soooo geniale Idee, ihr werdet begeistert sein.« Trish nippte an ihrem alkoholfreien Cosmopolitan und schaute beifallsheischend in die Runde.

Vivien, Rebecca und ich warfen uns vielsagende Blicke zu. Trishs geniale Ideen waren meistens nicht ganz so genial, wie die Diplomatentochter dachte.

»Also, ich habe mal darüber nachgedacht, was mir wirklich, wirklich wichtig ist im Leben. Worauf ich nicht verzichten könnte und so. Mal abgesehen von Familie, Gesundheit und diesem ganzen Zeug, das sowieso selbstverständlich ist. Und wisst ihr, was mir dabei als erstes in den Sinn gekommen ist?« Trish wartete keine Antwort ab, sondern plapperte sofort weiter. »Mein Kaschmircardigan von Dolce & Gabbana.«

»Der roséfarbene?«, fragte Vivien mit leuchtenden Augen.

»Genau der!«, schwärmte Trish.

Vivien nickte verständnisvoll, Rebecca zog fragend die Augenbrauen nach oben, ich verkniff mir ein Grinsen.

»Wenn ich ihn anziehe, ist die Welt sofort in Ordnung. Er ist bequem, sieht toll aus und ich fühle mich wie die schönste Frau der Welt.«

»So geht es mir mit meinen Jimmy Choo Pumps«, seufzte Vivien.

»Ich wusste, dass du mich verstehen würdest.« Trish zwinkerte in Viviens Richtung.

»Und was genau ist jetzt deine geniale Idee?«, fragte Rebecca genervt.

Obwohl sie diejenige von uns mit den reichsten und einflussreichsten Eltern war, hatte sie sich eine bemerkenswerte Bodenständigkeit bewahrt. Meist engagierte sie sich im Tierschutz oder kämpfte mit Greenpeace gegen die Versenkung von Ölplattformen im Atlantik. Für Designerklamotten hatte sie genauso wenig übrig wie für heuchlerische Charity-Aktionen.

Trish ließ sich von Beccas leicht aggressivem Unterton nicht beeindrucken.

»Ich dachte mir, dass jeder Mensch so ein Kleidungsstück besitzen sollte. Ein Kleidungsstück, das ihn im Handumdrehen zum Prinzen oder zur Prinzessin macht. Ich finde, wir sollten eine Spendengala organisieren, in denen jeder sein Lieblingskleidungsstück für einen Obdachlosen spendet. Diese armen Menschen haben so wenig – sie sollen wenigstens einmal im Leben wissen, wie es ist, in einen roséfarbenen Dolce & Gabbana Cardigan zu schlüpfen und sich schlagartig wohlzufühlen.«

»Toll, Trish, ehrlich. Klingt nach einem Wahnsinnsplan! Ein Markenkaschmirpulli ist garantiert das, worauf ein Obdachloser sein Leben lang gewartet hat. Oder zwölf Zentimeter hohe Pumps. Mit den Absätzen lässt es sich bestimmt wunderbar im Müll stochern.« Rebecca schüttelte verärgert den Kopf.

»Pah, das ist mal wieder typisch! Bloß, weil du dir nichts aus Markenklamotten machst, heißt das noch lange nicht, dass es den Obdachlosen genauso geht. Woher willst du denn wissen, wonach sie sich sehnen? Hast du sie gefragt?« Trish zog eine beleidigte Schnute.

»Nein, habe ich nicht. Aber ich verfüge wenigstens über eine minimale Portion gesunden Menschenverstand.«

»Mädels, hört auf«, forderte Vivien. »Es gibt keinen Grund zu streiten. Trish hat nur einen Vorschlag gemacht.«

»Einen absolut bescheuerten Vorschlag«, giftete Rebecca. »Auf der Welt passiert so viel Mist und wir sollen unnützen Designerramsch für Obdachlose sammeln, die uns einen Vogel zeigen, wenn wir damit ankommen.«

»Das weißt du doch gar nicht«, verteidigte Trish ihre Idee. »Es könnte auch sein, dass sie froh sind, endlich einmal etwas Wertvolles zu besitzen.«

»Wertvoll? Überteuerte Stofffetzen sind nicht wertvoll. Manchmal frage ich mich echt, ob die Lektüre von Vogue, Cosmopolitan und Co. dumm macht.« Rebecca griff nach ihrem Wasser und trank es auf einen Satz leer. Das machte sie immer, wenn sie sich aufregte.

»Becca, bitte. Reiß dich zusammen«, versuchte Vivien, zu schlichten. »Ich finde Trishs Idee gar nicht so schlecht.«

»Natürlich nicht. Du verbringst deine Zeit ja auch am liebsten mit Shopping in der Park Avenue.« Rebecca hob ihr Glas und gab der Bedienung ein Zeichen, ihr ein neues Wasser zu bringen.

»Sorry, dass wir deinen hohen Maßstäben nicht genügen können, Miss ›Ich-rette-die-Welt‹-Rebecca Vanderbilt«, zischte Trish. »Bestimmt wärst du nachsichtiger mit uns, wenn wir Robben oder Wale wären.«

»Jetzt hört endlich auf. Abby, sag du doch auch mal was«, verlangte Vivien von mir.

»Was?« Verwirrt sah ich in die geröteten Gesichter meiner Freundinnen. Ich hatte zum Schluss gar nicht mehr richtig zugehört, weil ich die ganze Zeit an Jake und seinen Brief denken musste.

»Du sollst auch etwas sagen«, wiederholte Viv.

»Ähm, ja, also«, stammelte ich.

»Du hast uns gar nicht richtig zugehört, oder?«, fragte Trish entgeistert.

»Na ja, ich …«

»Was ist los, Abby?« Rebecca fixierte mich mit ihren stechend grünen Augen.

»Jake hat mir einen Brief geschrieben«, antwortete ich zögernd.

»Einen Brief?«, rief Vivien entzückt. »So richtig mit Tinte auf schwerem Papier und mit Wachssiegel?«

Ich nickte.

»Und? Was schreibt er?«, wollten Trish und Rebecca gleichzeitig wissen.

Der Zwist von gerade eben schien vergessen. Ich musste grinsen. Dafür liebte ich meine Mädels. Wenn es darauf ankam, hielten wir immer zusammen, so unterschiedlich unsere Ansichten auch sein mochten.

»Dass er mich liebt und ich ihm verzeihen soll.«

»Das ist alles?« Vivien schaute mich neugierig an.

»Ja, im Grunde schon. Nur netter formuliert. Also viel netter. Ehrlich gesagt klingt der Brief gar nicht nach Jake.«

»Hast du ihn dabei?«, fragte Trish aufgeregt.

»Ja«, gab ich zu.

»Lies vor«, forderten die Mädels aus einem Mund.

Ich zog das Schreiben aus meiner Tasche und begann zu lesen.

»Oh mein Gott ist das romantisch!«, kreischte Vivien, als ich am Ende angekommen war. »Du musst Jake sofort anrufen und dich mit ihm versöhnen!«

»Unbedingt«, stimmte ihr Trish zu. »Mir hat noch nie ein Mann so etwas Schönes geschrieben. Ich würde ihn auf der Stelle heiraten.«

»Du hast recht, das passt tatsächlich nicht zu Jake«, warf Rebecca nüchtern ein. »Also entweder hat er sich wirklich geändert – oder der Brief ist gar nicht von ihm.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, aber das ist eindeutig seine Handschrift.« Ich legte die Seiten auf den Tisch.

»Na und? Vielleicht hat er ihn aus dem Internet abgeschrieben«, antwortete Rebecca achselzuckend.

»Becca!«, rief Vivien entrüstet. »So ein Unsinn. Dazu ist er viel zu persönlich.« Sie zog ihr iPhone aus der Tasche und tippte zwei Sätze des Briefes in die Suchmaschine. »Siehst du, keine Übereinstimmungen.« Triumphierend hielt sie Rebecca das Handy unter die Nase.

»Triff dich doch einfach mit ihm«, schlug Trish vor. »Was hast du zu verlieren?«

»Ich weiß nicht. Er hat eine Prostituierte in unserem gemeinsamen Bett gevögelt«, gab ich zu bedenken.

»Ganz genau. Deswegen würde ich mich von diesem kitschigen Geschreibsel nicht einlullen lassen. Es gibt bessere Männer auf dieser Welt als Jake Lexington.« Rebecca schob den Brief zurück zu mir. »Wenn du mich fragst: Lass ihn in der Hölle schmoren. Er hat eine Frau wie dich gar nicht verdient.«