Leseprobe: Winterwunderküsse

Kapitel 1  Pepper

Little Pinewood war ein beschaulicher Ort an der Südküste Englands. Seinen Namen verdankte das Städtchen einer windschiefen Pinie, die in diesem rauen Klima eigentlich gar nicht gedeihen konnte. Der Sage nach brachte sie einst ein italienischer Matrose mit, der wegen der Liebe in England blieb. Dieser Baum sollte ihn an seine Heimat erinnern. Mittlerweile trotzte er seit hunderten von Jahren Wind und Wetter. Also der Baum, nicht der Matrose. Der ruhte schon lange auf dem verwunschenen Friedhof hinter der Kirchenmauer, sein Grab sofort erkennbar an dem weiß-blau geringelten Grabstein. Nur eine von vielen Kuriositäten, die diesen Ort so einmalig machte. Die Menschen hier waren sehr speziell, einige sogar etwas kauzig, aber auf eine wunderbar sympathische Art und Weise. Viele Künstler und Lebenskünstler wohnten hier, die Little Pinewood ihren eigenen Stempel aufdrückten und dem Ort ein unvergleichliches Flair verliehen.

Wie jeden Tag auf meinem Weg zur Arbeit nickte ich Mister Pinetree, wie ich den Baum getauft hatte, unmerklich zu. Denn für mich war sonnenklar, dass dieser Baum männlich war. Er hatte etwas von einem knorrigen, faltigen, alten Zauberer, ein Merlin, der vor Jahrhunderten mit einem Fluch belegt und nun als Baum der Dinge harren musste. Aber eben immer noch ein Zauberer. Und so einen sollte man sich warm halten, oder nicht? Konnte doch gut sein, dass man einmal auf seine Gunst angewiesen war.

Ja, auf solche Gedanken kam man in Little Pinewood ständig. Alles hier schien magisch zu sein. Die kleinen, windschiefen Steinhäuser und Cottages, das abgetretene Kopfsteinpflaster der Straße, der üppig wuchernde Efeu, der auch jetzt im Winter in sattem Grün glänzte, die liebevollen Handarbeiten an jeder Ecke: Aus Ton gebrannte und knallbunt lackierte Ladenschilder, kleine Tierfiguren, die Gartenzäune und Mauern schmückten, originelle Briefkästen, die aussahen, als würde nur Post von Elfen, Heinzelmännchen und guten Hexen darin landen.

Genau deswegen lebte ich hier. Little Pinewood strahlte für mich etwas Märchenhaftes aus. Besonders in der Vorweihnachtszeit, wo überall kleine Lichter leuchteten und den nebligen Morgen in eine beinahe unwirklich romantische Kulisse tauchten.

Dick eingepackt mit Kuschelschal, Bommelmütze und Fäustlingen marschierte ich zu meinem schnuckligen Laden in der Harbour Lane, dem Candles & Candy. Wie der Name schon verriet, gab es bei mir Süßigkeiten und Kerzen. Vielleicht eine etwas seltsam anmutende Mischung, aber für mich passte sie perfekt, denn ich liebte Kerzen und Süßigkeiten von ganzem Herzen. Ich mochte es gerne kitschig, bunt, ein bisschen chaotisch und süß. Es konnte gar nicht süß genug sein. Bei der Frage Pizza oder Schokolade? würde ich immer, wirklich immer, die Schokolade wählen. Egal zu welcher Tageszeit.

Ich sperrte die Ladentür auf und atmete den unverkennbaren Geruch nach Zimt, Zucker und weihnachtlichen Gewürzen ein. Das Sortiment passte ich stets an die Jahreszeiten an. Im Moment dominierten Zuckerstangen, Lebkuchenmännchen, Glühweinherzen, Schokolade in Rentierform und allerlei weiterer Schnickschnack, den der weltweite Bonbonmarkt bot, die Auslage. Umrahmt von einem Meer von Kerzen in weihnachtlichen Farbtönen: dunkelblau, gold, silber, tannengrün und karminrot. Ich liebte es, das Schaufenster immer wieder neu zu gestalten und den Laden zu dekorieren. Da ich die Süßigkeiten nicht selbst herstellte, sondern von kleinen Manufakturen aus der ganzen Welt bestellte, hatte ich dazu auch ausreichend Zeit.

Gerade packte ich eine Lieferung österreichischer Apfelstrudelbonbons aus, als das leise Glöckchen über der Eingangstür den ersten Kunden des Tages ankündigte.

»Guten Morgen, Margery«, begrüßte ich die alte Frau erfreut.

Sie war eine meiner besten Kundinnen. Als Witwe des Earl of Lymington hatte sie finanziell ausgesorgt und widmete sich einzig und allein der »Sparkling Eyes Foundation«, einer Organisation für benachteiligte Kinder.

»Den wünsche ich dir auch, Pepper«, erwiderte die großgewachsene Lady mit den langen, weißen Haaren und den strahlenden grünen Augen.

Wie immer musste ich an eine Fee denken, wenn ich Margery ansah. Eine gute Fee, die die Welt ein kleines Stück besser machte.

»Du ahnst bestimmt, warum ich hier bin, nicht wahr?« Zufrieden nahm sie mein Nicken zur Kenntnis. »Es ist wieder an der Zeit, die Bonbontüten für die Weihnachtszeit zusammenzustellen.« Margery kramte einen Zettel aus ihrer Handtasche. »Hier sind die Stückzahlen und die Anlässe vermerkt. Die Zusammenstellung überlasse ich ganz dir. Du hast mich bisher noch nie enttäuscht.« Sie schenkte mir ein warmes Lächeln.

»Danke für dein Vertrauen, Margery«, sagte ich und nahm die Liste entgegen. »Ich habe schon wieder tolle Entdeckungen auf dem Bonbonmarkt gemacht. Diese Apfelstrudelbonbons zum Beispiel. Sie werden von einem beinahe hundertjährigen Kräuterweiblein in Österreich hergestellt und sind dermaßen köstlich, dass nicht einmal du ihnen widerstehen kannst.« Ich streckte der Countess ein Bonbon entgegen.

Zaghaft griff sie zu, wickelte die Süßigkeit beinahe andächtig aus und steckte sie sich mit einem wohligen Seufzer in den Mund.

Mit ihren knapp achtzig Jahren achtete sie noch immer streng auf ihre Figur, machte jeden Morgen eine Stunde Pilates und kam im Sommer sogar auf ihrem Pferd in die Stadt hereingeritten. Kein Scherz, ehrlich. Margery war schlank und beweglich wie eine Weidenrute und in ihrer Gegenwart wurde mir immer leidvoll bewusst, dass ich eigentlich fünf Kilo abnehmen sollte. Wenn da nur die ganzen süßen Versuchungen nicht wären!

»Köstlich«, schwärmte Margery. »Einfach köstlich.« Sie verdrehte genussvoll die Augen. »Ach ja, bevor ich es vergesse …« Sie kramte wieder in ihrer Handtasche und zog einen dicken Umschlag heraus. »Eine kleine Anzahlung.«

»Danke, Margery.« Beinahe demütig nahm ich das Kuvert entgegen.

Was die Countess eine »kleine Anzahlung« nannte, würde mir mal wieder den Hintern retten. Gerade vor Weihnachten waren die Investitionen nicht unerheblich – die Deko war aufwendiger als sonst und die Bonbons teilweise teurer, weil ausgefallener. Außerdem musste ich größere Mengen bestellen, weil die Vorweihnachtszeit natürlich die umsatzstärkste Zeit im Jahr war. Das bedeutete aber auch, dass ich kräftig in Vorleistung gehen musste. Nicht ganz einfach, wenn man kein dickes Bankkonto besaß, auf das man zurückgreifen konnte.

Zwar warf das Candles & Candy genug ab, um ein zufriedenes, wenn auch bescheidenes Leben in Little Pinewood führen zu können. Aber große Sprünge waren einfach nicht drin. Was ich auch meinem Exfreund Josh und der blauäugigen Bürgschaft für seinen Kredit zu verdanken hatte – den durfte ich jetzt nämlich ganz alleine abbezahlen.

Aber ich neigte nicht dazu, mir den Kopf über die Vergangenheit zu zerbrechen. Was sollte das nützen? Irgendwie ging es immer weiter. Wenn man es zuließ, griff einem das Universum helfend unter die Arme – wie gerade eben mit Margerys großzügiger Vorauszahlung.

»Ich liefere dir die fertigen Päckchen dann nach Hause«, versprach ich Margery. »Darf ich dir heute schon mal einen kleinen Vorgeschmack zusammenstellen?«

»Danke, aber nein«, wehrte die Countess sofort ab. »Süßigkeiten sind etwas für junge Leute. Mir reicht mein Stückchen dunkle Schokolade am Tag.«

»Deine Disziplin ist beneidenswert«, seufzte ich.

»Ich sitze ja auch nicht im Zentrum der Versuchung«, sagte sie lächelnd.

»Trotzdem …«

Margery hob die Hand. »Stopp! Ich möchte keine Selbstzweifel hören, Pepper. Du bist perfekt, so wie du bist. Lass dir nichts anderes einreden.« Die Gräfin drückte kurz meine Hand, dann verließ sie mit der ihr eigenen Anmut und einem geheimnisvollen Lächeln meinen Laden.

Als sie außer Reichweite war, warf ich einen Blick in den Umschlag. Meine Vermutung bestätigte sich – Margery war wieder einmal äußerst großzügig gewesen. Und ich wusste auch schon, was ich als erstes mit dem Geld anfangen würde. Ich zählte die Scheine für die monatliche Miete des Ladens ab, hängte das »Bin gleich zurück«-Schild in die Tür und machte mich auf den Weg zur Hintertreppe, die direkt in die Wohnung meines Vermieters führte.

Winston Morris war ein stattlicher, grauhaariger Mann, dem das Alter nichts von seinem guten Aussehen genommen hatte. Seine braunen Augen strahlten wie die eines jungen Mannes und die Haltung seines Körpers verriet, dass er noch immer über erstaunliche Muskelkraft verfügte. Normalerweise empfing er mich mit seinem unverkennbaren spitzbübischen Grinsen an der Tür und fragte, welche besondere Leckerei ich ihm diesmal präsentieren würde.

Normalerweise.

Heute reagierte er nicht auf mein Klingeln, was seltsam war. Winston Morris pflegte um diese Zeit seinen zweiten Kaffee zu trinken und die New York Times zu lesen.

Ich klingelte erneut. Wieder erfolgte keine Reaktion.

»Winston?«, rief ich aufgeregt und klopfte gegen die Tür. »Alles in Ordnung bei dir?«

Nichts.

Beunruhigt ging ich nach unten in den Laden und holte den Ersatzschlüssel für die Wohnung. Bevor ich aufsperrte, klingelte ich erneut. Wieder erfolglos.

Mit zittrigen Fingern öffnete ich schließlich die Tür und trat zögernd ein. Der typische Kaffeegeruch fehlte. Alarmiert beschleunigte ich meine Schritte und schaute in die Küche. Sie war penibel aufgeräumt und heute ganz bestimmt noch nicht benutzt worden. Ich sah ins Wohnzimmer. Leer.

Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Eine unangenehme Vorahnung machte sich breit.

Normalerweise liebte ich die verwinkelte Wohnung, die schiefen Wände, die kleinen Fenster, die deckenhohen Bücherregale, die honigfarbenen, abgetretenen Dielenbretter. Aber im Moment hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Es musste etwas passiert sein.

»Winston?«, rief ich noch einmal und hörte selbst, dass meine Stimme hysterisch klang.

Gespannt lauschte ich in die Stille.

Nichts.

Halt!

Was war das? Ein Kratzen? Ein Schaben? Es kam eindeutig von oben. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich die schmale Treppe zum Schlafzimmer emporstieg.

Kapitel 2  Christian

Müde starrte ich auf die sechs Bildschirme vor mir. Ich war fast die ganze Nacht an meinem Arbeitsplatz gewesen, um eine wichtige Transaktion unter Dach und Fach zu bringen. Danach hatte ich mich vom Chauffeurservice in mein Appartement fahren lassen und zwei Stunden in einem komaähnlichen Schlaf verbracht. Nun saß ich wieder hier, frisch geduscht und mit maßgeschneidertem Anzug, rein äußerlich ein drei Sterne Menü, doch innerlich fühlte ich mich wie ein schlecht aufgewärmtes Fertiggericht aus dem Discounter.

Ich hasste meinen Job. Und gleichzeitig liebte ich ihn. Nein, falsch. Ich war süchtig nach ihm. Süchtig danach, mit einem Knopfdruck über Millionenbeträge zu verfügen, süchtig danach, die Summe meiner Boni immer weiter in die Höhe zu treiben, süchtig danach, das Adrenalin durch den Körper rauschen zu spüren, kurz bevor man einen Deal abschloss.

Ein anderes Leben konnte ich mir nicht vorstellen. Ich war Investmentbanker mit Leib und Seele. Freizeit? Hobbys? Freunde? Überbewertet. Was für mich zählte, war Geld. Gab es etwas Spannenderes als den Finanzmarkt? Wohl kaum, oder?

Schon als kleiner Junge hatte mich die Wall Street fasziniert. Wenn ich im winzigen Vorgarten unseres Londoner Hauses spielte, träumte ich davon, einmal auf dem Parkett der New Yorker Börse zu stehen. Auch, wenn ich mittlerweile körperlich oft an meine Grenzen stieß, betrat ich den Handelssaal von Whiteman-Smith jeden Morgen mit einem Kribbeln im Bauch. Jeder Tag barg unerwartete Möglichkeiten, sich zu profilieren. Zu zeigen, wie genial man war. Zu beweisen, dass man ganz an die Spitze gehörte.

»Christian, hast du einen Moment Zeit für mich?«, ertönte die kraftvolle Stimme meines Chefs an meinem Ohr.

Sofort war ich hellwach. Vielleicht war jetzt der große Moment gekommen. Mein großer Moment. Die langersehnte Beförderung, die mit einem satten Anstieg des Gehalts und des Jahresbonus einherging.

»Natürlich, Dick«, sagte ich und sprang auf.

»Lass uns in die Cafeteria gehen. Ich hatte heute noch kein Frühstück. Du wahrscheinlich auch nicht.«

Das war bestimmt ein Test. Und ich würde ihn bestehen.

»Nein, ich kann hier nicht weg. Du weißt schon, die Energon/Thalheim-Fusion«, sagte ich bedeutungsschwanger und zog die Augenbrauen hoch.

Dick winkte ab. »Vor heute Abend passiert da sowieso nichts. Also, komm jetzt.«

Skeptisch schaute ich ihn an.

»Wie lange bist du jetzt hier, Christian?«

»Bei Whiteman-Smith? Dreieinhalb Jahre.«

»Dann dürftest du schön langsam wissen, dass es solche Tests bei uns nicht gibt.«

»Tests? Wovon sprichst du?«, versuchte ich, meine Verlegenheit zu überspielen.

»Spiel nicht den Ahnungslosen. Lass uns frühstücken.« Dick eilte aus dem Handelssaal, ohne sich zu vergewissern, ob ich ihm folgte.

Alle an der Börse besaßen diesen eigentümlichen Laufschritt, sogar die Frauen mit ihren zehn Zentimeter hohen Absätzen. Man bewies damit, wie wenig Zeit man hatte und wie wichtig die Aufgaben waren, mit denen man betraut war. Der Konkurrenzdruck war hoch, niemand wollte sich die Blöße geben und als entbehrlich erscheinen.

In der Cafeteria holte ich mir einen schwarzen Kaffee und schmiss drei Koffeintabletten hinein. Würde ich jetzt etwas essen, könnte ich die Müdigkeit nicht länger zurückdrängen.

»Isst du nichts?«, fragte Dick, der sich den Teller voll Lachs und Avocado geladen hatte. Er machte irgendeine spezielle Diät, aber ich hatte vergessen, welche.

»Worüber willst du mit mir sprechen?«, überging ich seine Frage. Vor Anspannung stellten sich die Härchen auf meinem Unterarm auf.

»Du solltest den Lachs probieren. Er ist wirklich gut«, sagte Dick mit vollem Mund. »Komm, nimm ein Stück.« Er spießte mit seiner Gabel etwas von dem Lachs auf und hielt in mir unter die Nase.

»Danke«, wehrte ich ab.

Er zuckte mit den Schultern und schob sich den Fisch selbst in den Mund. Er kaute, trank einen Schluck Kaffee, wischte sich mit der Serviette über den Mund und starrte mich eine halbe Minute lang schweigend an.

»Du siehst scheiße aus«, offenbarte er mir schließlich.

Das sagt genau der Richtige, hätte ich am liebsten erwidert, tat es aber natürlich nicht. Dick war mein Chef. Auch, wenn er mit vierzig bereits wie Mitte fünfzig aussah, würde ich ihm das keinesfalls auf die Nase binden. Zumal das ein Schicksal eines jeden exzessiven Investmentbankers war. Der wenige Schlaf, der ständige Stress, der dauerhaft hohe Druck von oben, die hastigen Mahlzeiten, der fehlende Ausgleich – all das hinterließ sichtbare Spuren. Nur wenige Menschen hielten das lange durch.

»Ich fühle mich bestens. Fitter denn je«, antwortete ich stattdessen. »Heute um drei Uhr morgens habe ich einen phänomenalen Deal abschließen können, du hast die Unterlagen bereits …«

»Stopp.« Dick hob die Hand. »Ich möchte dir eine Geschichte erzählen, Christian.«

»Okay. Ich bin ganz Ohr.«

»Es war einmal ein kleiner Uniabsolvent. Er hieß Dick Landsmann und hatte sich in den Kopf gesetzt, nach dem Studium richtig viel Geld zu verdienen. Deshalb heuerte er bei Whiteman-Smith an und arbeitete Tag und Nacht. Mit der Zeit verlor er all seine Freunde, seine Beziehung zerbrach und er gab mehr Geld für Alkohol und Drogen aus, als seine Mutter im Monat Rente bekam. Aber all das störte den kleinen Dick nicht. Denn er war glücklich. Er war wie im Rausch. Seine Boni wurden jedes Jahr größer und bald hatte er Millionen auf dem Konto. Millionen! Er, der kleine Loser aus der Bronx. Für seine ehemaligen Nachbarn hatte er nur noch Verachtung über, Leute, die es nicht geschafft hatten, betrachtete er mit Abscheu. Ihre eigene Schuld, oder? In Amerika hatte jeder die Möglichkeit, etwas aus sich zu machen. Er selbst war schließlich das beste Beispiel dafür.«

Dick hielt inne, drückte die Fingerspitzen gegeneinander und starrte mich an.

»Was willst du mir damit sagen?«, fragte ich verwundert.

»Pass auf, die Geschichte ist noch nicht vorbei. Der kleine Dick arbeitete weiter. Immer härter, immer mehr. Er schlief nur noch drei Stunden, in manchen Nächten gar nicht. Warum auch? Gegen die Müdigkeit gab es schließlich Pillen und auch eine Line Koks sorgte dafür, dass er schnell wieder einsatzfähig war. Irgendwann fing er an, Fehler zu machen. Erst unbedeutende, kleine Patzer, die sich leicht kaschieren ließen. Dann folgten größere Schnitzer, für deren Vertuschung bereits waghalsige Transaktionen nötig waren. Und dann, bevor der kleine Dick einen Börsencrash provozieren konnte, packte ihn eine starke Hand am Kragen und zog ihn in die Cafeteria. Genau auf diesen Platz, wo wir beide jetzt sitzen.«

»Ich habe keine Fehler gemacht«, sagte ich mit eisiger Stimme.

Peggy, die Schlampe, fuhr es mir durch den Kopf. Ganz sicher hatte mich meine Kollegin bei Dick angeschwärzt, obwohl sie es gewesen war, die den Absturz des Dixon-Konzerns vollkommen falsch eingeschätzt und die Aktienkäufe verbockt hatte.

»Ich weiß«, sagte Dick absolut ruhig. »Aber du wirst Fehler machen, wenn du so weitermachst. Und ich bin die starke Hand, die dich am Kragen packt und dich wachrüttelt.«

»Danke, das weiß ich wirklich zu schätzen, Dick. Aber ich bin hellwach, glaube mir.«

Dick lachte schallend. »Wenn ich dich ansehe, Christian, dann sehe ich mich vor zehn Jahren. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Ich mag dich. Und deswegen schicke ich dich in den Urlaub. Ich will dich in den nächsten vier Wochen nicht mehr hier sehen.«

»Vier Wochen? Das geht nicht. Es stehen wichtige Fusionen an und …«

»Es wird gehen, Chris. Es gibt noch ein Leben neben der Börse. Auch wenn dir das im Moment unvorstellbar erscheint.«

Plötzlich stürzte Lindsay, Dicks persönliche Assistentin, in die Cafeteria. Dick sprang alarmiert auf. Es war ungeschriebenes Gesetz, dass niemand beim Frühstück oder beim Lunch gestört wurde. Doch Lindsay ignorierte ihren Chef.

»Mr. Morris«, Lindsay streckte mir ein Telefon entgegen, »eine Miss Ginsberg für Sie. Es ist dringend. Es geht um Leben und Tod.«