Leseprobe: Kummerkastenliebe

Kapitel 1 

 

 

Von: sweetie79@sweetmail.de
Betreff: Wichtig! Neues Problem!
Sehr geehrte Frau Dr. Marks,
bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie erneut belästige. Aber ich habe schon wieder ein großes Problem und weiß nicht, mit wem ich darüber sprechen soll.
Also, meine beste Freundin Helena, Sie wissen schon, die mit dem Schuhgeschäft und der Modellfigur, hat einen neuen Freund.
Das ist doch wunderbar, werden Sie jetzt denken und irgendwie haben Sie ja recht. Aber trotzdem kann ich mich nicht für Helena freuen, obwohl es als ihre beste Freundin geradezu meine Pflicht wäre. Doch der Neid bohrt sich – bitte verzeihen Sie die theatralische Formulierung, aber genauso fühlt es sich an – wie ein Dolch immer tiefer in mein Herz.
Ich empfinde keine Freude, ganz im Gegenteil. Meine Eifersucht geht mittlerweile so weit, dass ich Sven, so heißt ihr Auserwählter, mit Absicht vor Helena schlecht mache. Gestern zum Beispiel …

Milla klappte genervt den Laptop zu. Normalerweise liebte sie ihren Job als Kummerkastentante. Aber bei manchen Zuschriften verspürte sie den dringenden Wunsch, ihren Kopf mit voller Wucht auf die Tischplatte zu knallen. Woher bitte wollte die Fragestellerin wissen, wie es sich anfühlte, wenn sich ein Dolch in ihr Herz bohrte? Falls sie im echten Leben genauso nervig war wie bei ihren ständigen E-Mails, würde es Milla allerdings nicht wundern, wenn die Dame es bald herausfand. Womit endlich Ruhe mit ihren dämlichen Anfragen wäre …

Jede normale Kummerkastentante würde die Briefe dieser offensichtlich tierisch gelangweilten Person einfach ignorieren, aber Milla war keine normale Kummerkastentante. Sie war die Premiumversion davon, denn ihr Arbeitgeber, das Magazin Frauenzauber, hatte sich groß auf die Fahne geschrieben: Dr. Marks beantwortet jede Mail, egal wie abstrus sie auch klingen mochte. Zum Abdruck wurden natürlich nur die Sahnestücke ausgewählt, aber Rückmeldung erhielten auch all jene, die mit keinem druckfähigen Problem aufwarten konnten.

Durchatmen, Kaffee holen, weitermachen, ermahnte sich Milla. Jeder Job hatte seine Schattenseiten, das musste man in Kauf nehmen. Als Psychologin ohne Psychotherapieausbildung konnte sie froh sein, überhaupt einen Job in der Beratung gefunden zu haben. Auch, wenn ihr winziges Büro bei Frauenzauber nicht ganz den prestigeprächtigen Praxisräumen entsprach, von denen sie immer geträumt hatte. Und ihre derzeitige Tätigkeit nicht gerade mit freudscher Tiefenpsychologie vergleichbar war.

»Die Olle wieder, oder? Das seh ich deinem Gesichtsausdruck auf fünf Meilen Entfernung an«, krächzte Conny, kaum hatte Milla einen Fuß in die Kaffeeküche gesetzt.

Die kettenrauchende Moderedakteurin sah auch heute wieder aus wie ein Paradiesvogel: grün karierte Hose, pinkes Oberteil, rote Pumps und ein Halstuch, das über und über mit Ananas bedruckt war. Jeder andere Mensch würde sich in diesem Outfit sogar an Fasching lächerlich machen, nur Conny nicht. Sie trug ihre Klamotten stets mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass sie nicht einmal vom erzkonservativen Chef des Verlags schief angeschaut wurde.

»Hör bloß auf! Die Frau muss sich in ihrem Leben zu Tode langweilen. Warum sonst schreibt sie mir jede Woche ellenlange Mails?« Milla stöhnte und drückte auf den Knopf für Cappuccino.

»Vielleicht ist es ja gar keine Frau. Sondern ein gelangweilter Teenager oder ein perverser alter Sack.« Conny kicherte, was sich bei ihr eher so anhörte, als würde man auf einer Bassgitarre Born to be wild spielen.

»Was sagst du da? Willst du mir jede Illusion rauben, dass meine Tätigkeit sinnvoll ist?«, schnaubte Milla.

»Deine Tätigkeit ist vor allem einigermaßen gut bezahlt. Darauf kommt es doch an. Wer genau die Mails und Briefchen schreibt, die in deinem Kummerkasten landen, kann dir doch letztendlich egal sein.« Conny grinste ihre Kollegin frech an.

Die Moderedakteurin wusste ganz genau, dass Milla ihre Meinung nicht teilte. Denn für die Psychologin war es ein ehrliches Anliegen, den Menschen zu helfen. Sie sah keinen Unterschied darin, ob jemand bei der Telefonseelsorge anrief, einen Psychotherapeuten aufsuchte oder eben der Kummerkastentante schrieb. Wer Hilfe suchte, sollte sie bekommen. Umso schlimmer, dass es Menschen gab, die das System ausnutzten und sich beim Verzapfen ihrer Fakegeschichten auch noch irre komisch fühlten.

Milla griff nach ihrem Cappuccino. »Ich mach mich dann mal wieder an die Arbeit. Wir sehen uns beim Redaktionsmeeting, oder?«

»Klaro. Viel Spaß beim Seelenretten bis dahin.« Conny schnappte sich ihren Matcha, eine giftgrüne, modrig schmeckende Brühe, die angeblich tausendmal gesünder als Kaffee war. Für eine Kettenraucherin nicht ganz unerheblich.

Zurück im Büro klappte Milla ihren Laptop auf. Es half alles nichts, schließlich beantwortete Dr. Marks jede Mail.

Am Cappuccino nippend vertiefte sie sich wieder in die Schilderungen der eifersüchtigen Freundin.

… Gestern zum Beispiel nahm meine Boshaftigkeit ganz neue Ausmaße an. Helena erzählte mir freudestrahlend, dass Sven sie am Wochenende ins »ivy« ausführen wollte. Stellen Sie sich vor, ins »ivy«! Waren Sie da schon mal, Dr. Marks? Ich nicht.
Helena hatte ganz rote Wangen als sie mir davon erzählte, die Vorfreude drang unerträglich aus all ihren strahlenden Poren. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Verliebtheit sie noch schöner macht, als sie ohnehin schon ist, oder? Auf jeden Fall konnte ich diese Überdosis Glück nicht ertragen, der Dolch bohrte sich noch ein Stückchen tiefer in mein Herz. Deswegen sagte ich etwas sehr Dummes, etwas wirklich Hinterhältiges.
Ich sagte: »Helena, ich will dich nicht verletzen, aber als deine beste Freundin habe ich das Gefühl, dass ich es dir einfach sagen muss.«
»Was?«, fragte Helena daraufhin aufgebracht. Sie spürte wohl bereits, dass meine Mitteilung ihre heile rosarote  Wolke 7 in eine dunkelgraue Gewitterwolke verwandeln würde.
»Ach, so wichtig ist es vielleicht doch nicht«, wiegelte ich ab, nicht aus Mitleid, sondern weil ich ihr Leiden verlängern wollte.
»Nun sag schon«, drängte sie mich.
Wenn Helena nämlich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es das Gefühl, nicht über alles Bescheid zu wissen. Sie ist ein schrecklicher Kontrollfreak, das nimmt schon fast krankhafte Züge bei ihr an.
»Okay, aber ich tue das nicht gerne«, fuhr ich fort.
Helena schaute mich flehend an.
»Ich habe Sven im Englischen Garten mit einer anderen Frau gesehen. Sie gingen Arm in Arm und dann haben sie sich geküsst.«
Ich brauche Ihnen die Reaktion meiner Freundin wahrscheinlich nicht zu beschreiben, als Psychologin können Sie sich das sicherlich denken. Jedenfalls war Helena am Boden zerstört und hat sofort Sven angerufen, um mit ihm Schluss zu machen. Sie haben lange telefoniert, er hat anscheinend alles getan, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Doch Helena ist eine sehr stolze Frau, niemals würde sie sich damit zufriedengeben, einen Mann zu teilen. Sie hat Sven aus ihrem Leben verbannt – und genau das ist mein Problem.
Nein, Dr. Marks, nicht, weil ich mich schuldig fühle, wie Sie jetzt vielleicht denken mögen. Sondern vielmehr, weil eine quälende Frage Tag und Nacht meinen Geist beherrscht: Wie komme ich nun an seine Telefonnummer? Sie müssen nämlich wissen, Sven ist ein wunderbarer Mann: Gutaussehend, eloquent, zuvorkommend – und noch dazu sehr vermögend. Also genau der Richtige für mich. Leider ist mein Plan schief gegangen, ich wollte nur einen Keil in die Beziehung zwischen Helena und ihn treiben und Sven dann ganz zufällig tröstend zur Seite stehen.
Ich konnte ja nicht ahnen, dass meine hysterische Freundin gleich jeden Kontakt abbricht, so dass ich nun keine Möglichkeit mehr habe, ihn für mich zu gewinnen. Was soll ich jetzt nur tun?
Fragende Grüße,
Saskia

Milla atmete tief durch. Die E-Mails der Frau wurden jedes Mal schlimmer. Entweder handelte es sich bei dieser Saskia tatsächlich um eine total gestörte Persönlichkeit, oder Conny hatte recht, und irgendjemand machte sich einen Spaß daraus, sie auf den Arm zu nehmen.

Seufzend begann Milla zu tippen. Dr. Marks beantwortete schließlich jede Mail, wie bescheuert sie auch sein mochte. Das Ärgerliche daran war nur, dass sie in dieser Zeit Menschen beraten könnte, die wirklich ihre Hilfe brauchten. Die allermeisten der Zuschriften, die sie bekam, handelten nämlich von Personen, die aufrichtig ihren Rat suchten und die angebotenen Hilfestellungen dankbar annahmen.

Von: drmarks@frauenzauber.de
Betreff: Re: Wichtig! Neues Problem!
Liebe Saskia,

ich kann Ihnen nur einen Rat geben, den Sie wahrscheinlich nicht hören möchten: Gehen Sie zu Helena, geben Sie Ihren Fehler zu und bitten Sie Ihre Freundin um Verzeihung.

Es ist normal, Neid zu empfinden und eifersüchtig zu sein. Aber Sie müssen lernen, mit diesen Gefühlen umzugehen. Dazu sollten Sie sich professionelle Hilfe suchen, ansonsten werden Sie bald eine ziemlich einsame Person sein.

Alles Gute,
Ihre Dr. Marks

 

Ohne das Geschriebene Korrektur zu lesen, drückte Milla auf Senden. Sie hatte keine Lust mehr, sich intensiver mit Saskia und ihrem Egoproblem zu beschäftigen. Eigentlich schlug sie in ihren Antworten nicht so einen rüden und belehrenden Tonfall an, sondern erläuterte ihre Empfehlungen einfühlsamer, aber bei dieser Person war Hopfen und Malz verloren. Das würde die nächste Mail, die wahrscheinlich schon in wenigen Tagen eintraf, sicherlich wieder beweisen.

Ein Blick auf die Uhr verriet Milla, dass es an der Zeit war, zur Redaktionskonferenz aufzubrechen. Sie packte ihre Unterlagen zusammen, klemmte sich den Laptop unter den Arm und ging zum »Glaskasten«, dem großen Konferenzraum inmitten der Frauenzauber-Etage.

Irgendwie herrschte heute eine seltsame Stimmung. Normalerweise waren die Redaktionskonferenzen eine Mischung aus Diskussion und Kaffeekränzchen, ein Umstand, der sich aus der Zusammensetzung des Teams ergab. In der Redaktion von Frauenzauber arbeiteten – den Quotenschwulen im Technikressort ausgenommen – nur Frauen. Gisela und Gerda, seit dreißig Jahren die Redakteurinnen des Ressorts Kochen und Backen, ließen es sich nicht nehmen, zur Konferenz stets Kostproben ihrer wöchentlich vorgestellten Rezepte zu reichen.

Heute allerdings saßen alle Beteiligten schweigsam, ja beinahe verklemmt, auf ihren Stühlen. Für gewöhnlich plapperten alle durcheinander, es wurde gelacht und die Atmosphäre war gelöst. Momentan schaute Milla jedoch in lauter betretene Gesichter.

»Wo ist Tina?«, flüsterte sie und setzte sich neben Conny. In dieser Gruftstimmung traute sie sich gar nicht, in normaler Lautstärke nach der Chefredakteurin zu fragen.

»Hat Besuch vom Oberboss junior.« Conny zog eine Grimasse.

Auch Millas Mundwinkel sackten nach unten. Es war nie ein gutes Zeichen, wenn sich Lennard Holtenkamp aus seinem Juniorchefbüro im obersten Stockwerk in die Frauenzauber-Etage herabbequemte. Das konnte nämlich nur eines bedeuten: Das Magazin musste sparen. Und am teuersten waren noch immer die Mitarbeiter. Kein Wunder, dass Grabesstimmung herrschte. Wer fieberte auch Montagmorgen freudig einem drohenden Jobverlust entgegen?

Die Tür ging auf und eine bedrückte Tina betrat mit einem strahlenden Holtenkamp den Konferenzraum.

»Guten Morgen, meine Damen!« Dabei fixierte Holtenkamp vor allem Ben und lächelte ihn gönnerhaft-herablassend an.

Der Technikredakteur schenkte dem Juniorchef nur einen kurzen Blick und spielte dann weiter auf seinem iPad herum. Gegen billige Anspielungen dieser Art war er immun.

Holtenkamps Lächeln fror ein. Er runzelte die Stirn und wirkte für einen Augenblick irritiert, bevor er in die Hände klatschte und erneut in die Runde strahlte.

»Also, Ladys, auf geht’s, Zeit ist Geld.«

Ein Stöhnen ging durch die Runde.

»Ja, ja, meckern Sie nur. Sie sitzen ja hier schön auf Ihren tarifbezahlten Festanstellungen mit dreißig Tagen Jahresurlaub, Weihnachtsgeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich aber, meine Damen«, Holtenkamp rückte sich die Krawatte zurecht, »ich trage ein unternehmerisches Risiko. Und dieses Risiko wird größer, je altmodischer unsere Zeitschriften daherkommen. Wir brauchen frischen Wind! Neuen Input! Den Duft der weiten Welt. Wir müssen die Redaktionsfenster aufreißen und den Mief der vergangenen Jahre auslüften. Und gerade bei Frauenzauber mieft es ganz gewaltig, muss ich sagen. Rehrücken mit Preiselbeeren und Kartoffelstampf? Schwarzwälder Kirschtorte light? War das Ihr Ernst in der vergangenen Ausgabe?« Er musterte Gisela und Gerda kopfschüttelnd. »Das ist sowas von Achtziger. Clean Eating ist der neue Trend, Rawfood, Paleo, mehlfrei, zuckerfrei, was weiß ich. Aber doch nicht Rehrücken mit Preiselbeeren und Kartoffelstampf!«

»Die Leserzuschriften waren durchweg positiv«, verteidigten sich Gisela und Gerda im Chor.

»Na wunderbar! Und was sagt uns das? Das wir die falsche Zielgruppe ansprechen! Kittelbeschürzte Hausfrauen, die sich über Rehrückenrezepte austauschen, sind nicht hip! Wir müssen krasser werden, schockierender, innovativer.« Holtenkamp verlor sich in einer Litanei über modernen Journalismus, und das, obwohl er durch und durch BWLer war und vom Schreiben ungefähr so viel verstand wie ein Konditor von Blutwürsten.

»Also, Dr. Marks, was haben Sie Schönes für die nächste Ausgabe vorbereitet?«

Milla zuckte zusammen, als Holtenkamp plötzlich ihren Namen nannte. Normalerweise hatte er an ihrer Arbeit nichts auszusetzen und ließ sie in Ruhe.

»Ähm, ja, einen Moment bitte.« Milla suchte in ihren Unterlagen die ausgewählten Fälle für die nächste Ausgabe heraus. »Also, ich schlage die Themen Mobbing, Übergewicht und Seniorenbetreuung vor.«

Holtenkamp gähnte auffällig.

Milla zog die Augenbrauen zusammen.

»Laaaaaangweilig«, begründete der Junior-Verlagschef sein unhöfliches Verhalten. »Verehrte Dr. Marks, wie Sie wissen, schätze ich Ihre Arbeit sehr. Immerhin sind wir das einzige Magazin deutschlandweit, das sich die Anstellung einer echten Psychologin leistet und wirklich jedem Fragesteller antwortet. Aber auch in Ihre Rubrik gehört frischer Wind. Wir brauchen krassere Fälle. Die Leute da draußen sind allesamt Sensationsstalker, sie lieben es, sich am Leid anderer zu ergötzen. Liefern Sie ihnen dieses Leid! Zur Not erfinden Sie es, wenn die Zuschriften es nicht zulassen. Fettsucht statt Übergewicht, Seniorensex statt Seniorenbetreuung, Cybermord statt ödes Mobbing.«

Ein Raunen ging durch das Redaktionsteam.

Milla schluckte.

»Das Anliegen der Rubrik Psychologie und Lebenshilfe ist es, unserer Zielgruppe – das sind übrigens Frauen zwischen 35 und 75 – konkrete Hilfestellung bei psychisch belastenden Situationen zu leisten. Ich suche die Fälle für die Veröffentlichung nach bestem Wissen und Gewissen aus. Und zwar solche, von denen ich annehme, dass sie einer breiten Leserschaft nützen, weil sie eine gewisse Repräsentativität aufweisen.«

»Blablabla.« Holtenkamp machte eine wegwerfende Handbewegung. »Kennen Sie die drei heiligen Worte des Verlagsgeschäfts? Auflage, Auflage, Auflage!« Er vergrub seine Daumen hinter dem Hosenbund und streckte siegessicher die Brust heraus.

Milla schnaubte verächtlich. »Kennen Sie die drei heiligen Worte der Psychotherapie? Vertrauen, Verantwortung, Verlässlichkeit. Ich werde nicht die Gunst unserer Leser aufs Spiel setzen, nur um irgendeine abstruse Sensationsgier zu befriedigen.« Sie packte ihre Sachen, stand auf und ging Richtung Tür. Diesen Schwachsinn musste sie sich nicht länger anhören.

»Wo wollen Sie hin, Dr. Marks? Die Konferenz ist noch nicht vorbei.« Holtenkamps sonst so süffisanter Ton hatte etwas Schneidendes.

Milla drückte zielstrebig die Klinke nach unten. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen. Widerspenstig warf sie den Kopf in den Nacken, nickte den Redakteurinnen kurz zu und verließ den Besprechungsraum.

In ihrem Büro angekommen, riss sie genervt das Fenster auf und starrte auf die vielbefahrene Straße unter sich. So viele Menschen, so viele Schicksale. So viele Personen, die niemanden zum Reden hatten. Wenn sie nur einer einzigen davon wirklich helfen konnte, war ihre Tätigkeit bei Frauenzauber nicht sinnlos. Einen Teufel würde sie tun und mit gefakten Sensationsfragestellungen das Vertrauen ihrer Leserinnen zerstören. Dann sollte Holtenkamp sie eben feuern. Ihren Berufsethos würde sie deswegen nicht verraten!

»Sie müssen sich nicht gleich aus dem Fenster stürzen, nur weil ich einen konstruktiven Vorschlag zur Auflagensteigerung gemacht habe.«

Milla fuhr herum und schaute in Holtenkamps überheblich grinsendes Gesicht. Wenn der Typ wenigstens hässlich wäre – aber nein, er musste auch noch aussehen wie ein Calvin Klein-Model.

»Konstruktiver Vorschlag? Dass ich nicht lache.« Milla schnaubte verächtlich und verschränkte ablehnend die Arme vor der Brust.

»Jetzt seien Sie mal nicht so empfindlich. Sie müssen die Storys ja nicht gleich erfinden. Es würde mir schon genügen, wenn Sie eine etwas, hm, sagen wir, progressivere Auswahl aus den Einsendungen treffen würden.« Holtenkamp machte einen Schritt auf sie zu und schaute ihr direkt in die Augen.

Sie bekam eine Gänsehaut.

Er legte eine Hand auf ihre Hüfte, schob sie sachte beiseite und schloss das Fenster. Seine Augen funkelten spöttisch.

Milla atmete tief durch. Nicht aufregen. Bloß nicht aufregen. Davon zehrten Typen wie Holtenkamp. Sie räusperte sich und setzte ein falsches Lächeln auf.

»Progressivere Auswahl, wie meinen Sie das?«, fragte sie in sachlichem Tonfall.

»Na ja, Sie bekommen doch sicher auch einige vertrauliche E-Mails, oder? Ich könnte mir vorstellen, dass sich darunter vielleicht die etwas pikanteren Fälle verbergen.« Wieder dieser intensive Blick.

Milla musste sich zusammenreißen, um nicht wegzusehen. Die Augen des Verlegers schimmerten in einem kalten Grau und ließen sie erneut frösteln. Außerdem stand er viel zu nah bei ihr, die Distanz zwischen ihnen betrug keine fünfzig Zentimeter. Sie konnte sein Aftershave riechen, nicht penetrant á la seht her, was für ein geiler Macker ich bin. Nein, der Duft war viel dezenter, nur ein Hauch von Holz, herben Kräutern und frisch gestärkten Leinen. Ein Hauch, der an der Exklusivität seines Trägers keinen Zweifel ließ.

»Sie haben recht. Viele Leute schreiben mir und bitten mich im gleichen Atemzug, dass ich ihre Probleme nicht veröffentliche. Das zeichnet den Kummerkasten von Frauenzauber aus. Das ist das Markenzeichen unseres Magazins. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber diesen Menschen, die sich vertrauensvoll an uns wenden und Hilfe suchen.«

»Verpflichtung? Wir sind doch nicht die Wohlfahrt. Unsere Verpflichtung ist es, Geld zu verdienen. Wir brauchen Leser. Ansonsten wird es Dr. Marks bald gar nicht mehr geben.« Holtenkamp schob seine Hüfte ein Stück nach vorne, beinahe unmerklich, aber es reichte, um die Distanz zwischen ihnen beiden noch mehr zu verringern.

Typisches Machtgehabe. Er versuchte, Raum zu gewinnen, Milla zu imponieren, sie einzuschüchtern.

»Das ist Erpressung«, antwortete sie wenig beeindruckt.

»Unsinn! Das ist Marktwirtschaft. Gehen Sie Samstagabend mit mir Essen?«

»Wie bitte? Wie kommen Sie darauf?« Milla trat entsetzt einen Schritt zurück.

»Ich habe ein Problem und würde gerne mit Ihnen darüber sprechen.« Holtenkamps Tonfall hatte gewechselt, seine Stimme klang plötzlich weich und ein bisschen melancholisch.

Milla musterte ihn skeptisch.

»Ein Problem? Welcher Art?«, fragte sie misstrauisch.

»Ich stehe auf Ihren Hintern. Und auf Ihre Titten. Ich habe deswegen schon schlaflose Nächte.« Er grinste sie anzüglich an und wandte sich zum Gehen.

Bevor er das Büro verließ, drehte er sich noch einmal zu ihr um. Seine Stimme hatte etwas Drohendes. »Samstag um acht im »ivy«. Versetzen Sie mich nicht, Dr. Marks.«

 

Kapitel 2

 

 

Diese blöde Schlampe! Was bildete sich Cynthia überhaupt ein? Ihn, Jasper Branson, vor dem gesamten Vorstand zum Affen zu machen. Das würde sie bereuen! Aber sowas von!

Jasper wollte sich erneut ein Glas Wodka einschenken, doch die Flasche gab bloß noch ein paar Tropfen her. Wütend schleuderte er sie in die Ecke seines riesigen Wohnzimmers, wo sie auf dem Marmorboden zersprang.

Egal. Sollte sich die Putzfrau darum kümmern.

Mürrisch stand er auf, schlurfte zum Barwagen in der Ecke und griff wahllos nach einer Flasche. Auf den Geschmack kam es ihm heute nicht an, sondern lediglich auf den Alkoholgehalt. Je höher, desto besser. Jasper trank einen Schluck direkt aus der Flasche, bevor er zurück zur Couch wankte und sein Glas randvoll machte. Er schüttete es fast komplett auf ex hinunter.

Ah, es tat gut, wie der Rum in der Kehle brannte und seinen Magen reizte. So spürte er die Stiche in seinem Herzen nicht mehr so stark.

Cynthia.

Er hatte tatsächlich geglaubt, sie zu lieben. Oder auf jeden Fall so etwas in der Art. Warum hatte sie ihn dermaßen hintergangen?

Okay, wenn er ehrlich war, kannte er die Antwort darauf, aber hey, war das ein Grund, ihn dermaßen respektlos zu behandeln? Jede andere Frau würde sich alle zehn Finger abschlecken, wenn sie die eine an seiner Seite sein durfte, egal, welche Fehltritte er sich leistete. Immerhin war er nicht irgendwer. Er war Jasper Branson, größter Immobilienmogul Deutschlands, bereits das siebte Mal in Folge beliebtester Junggeselle im Global Manager Magazin, reich, jung, gut aussehend, charmant – und eiskalt. Aber genau darauf standen die Weiber doch. Keine wollte einen Softie, der sich für sein machohaftes Verhalten entschuldigte und erst um Erlaubnis fragte, ob er sie von hinten vögeln durfte. Nein, sie alle wollten doch den wilden Kerl, der sie im Bett zur Hure machte und tagsüber zur glamourösen Gangsterbraut.

Jasper leerte sein Glas und schenkte es sofort wieder voll. Vielleicht sollte er sich eine Escortlady kommen lassen? Ablenkung war noch immer die beste Strategie gegen langwierige Grübeleien. Er zog den Laptop auf seinen Schoß und tippte Escort München in die Suchmaschine. Ohne die Ergebnisse zu studieren, drückte er auf den ersten Link und scrollte sich durch die Seite. Mehr als die Mädchen erregte jedoch ein Werbebanner seine Aufmerksamkeit.

Probleme? Kummer? Sorgen? Fragen Sie Dr. Marks!*

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Was war das denn für eine schräge Nummer? Verkörperte die Frau sowas wie Dr. Sommer in der Bravo, nur für Erwachsene? Und konnte eine Kummerkastentante echt so scharf aussehen wie auf dem Foto? Er klickte auf die Werbung und landete auf einer Seite, die ihm das Antlitz dieser Dr. Marks hochauflösend und beinahe bildschirmfüllend präsentierte. Er bekam eine Gänsehaut. Diese Augen! Klar und eisblau wie ein Gebirgsfluss. Der Blick so durchdringend, als könnte sie bis in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele schauen. Dabei aber nicht kalt und taxierend, sondern verständnisvoll. Das symmetrische Gesicht mit perfekter Nase und vollen Lippen umrahmt von blondem, glatten Haar, das bis zur Brust reichte.

Die Frau war der Knaller.

Jasper trank einen ordentlichen Schluck Rum, lehnte sich zurück und starrte auf das Foto. Nicht nur die nordische Schönheit der Frau zog ihn magisch an, da war noch etwas anderes, etwas, das man nicht unbedingt sehen, aber spüren konnte. Eine Art Aura, die diese Dr. Marks umgab. Eine Aura, die suggerierte, dass sie tatsächlich eine gute Zuhörerin war und für jedes Problem eine Lösung fand.

Vielleicht brauchte er genau das? Kein Escortgirl, sondern eine Schulter zum Ausweinen, einen Menschen, der ihm zuhörte?

Klar, er könnte seinen Freund Marcel anrufen, aber dessen Reaktion konnte er blind vorhersagen: Cynthia? Wer ist Cynthia? Komm, lass uns ins P1 gehen, einige Drinks kippen und ein paar Ladys klarmachen.

Ohne weiter darüber nachzudenken, begann Jasper zu tippen. Er musste es ja nicht abschicken. Manchmal sollte es ja bereits hilfreich sein, seine Gedanken und Gefühle nur einmal auszuformulieren.

Von: jasper.branson@branson-holding.de
Betreff:
Sehr geehrte Frau Dr. Marks,
Sie sehen umwerfend aus. Gar nicht wie eine Kummerkastentante, sondern vielmehr wie eine …

Nein, stopp! So ging das nicht. Jasper kippte sich den restlichen Rum hinter die Binde, löschte das eben Getippte und fing noch einmal von vorne an.

Von: jasper.branson@branson-holding.de
Betreff:
Sehr geehrte Frau Dr. Marks,
kennen Sie das Gefühl, wenn Ihnen jemand so richtig wehtut?
Wenn gerade erst ausgesprochene Worte Ihr Herz bereits schmerzhaft treffen, obwohl Ihr Kopf noch über deren Bedeutung nachdenkt?
Ich kannte dieses Gefühl nicht. Bis heute Nachmittag um 14.23 Uhr.
Und soll ich Ihnen etwas verraten? Es wäre mir auch lieber, ich hätte dieses Gefühl niemals kennengelernt. Man sagt ja, an Erfahrungen wächst man, aber ich denke, dieses Wachstum ist nicht immer positiv. In meinem Fall wird vor allem mein Misstrauen gegenüber Frauen wachsen, vielleicht auch meine Vorsicht, aber ganz sicher nicht meine Offenheit, auf das weibliche Geschlecht zuzugehen.
Wobei, nein, das habe ich falsch ausgedrückt. Der Alkohol, Sie entschuldigen. Ich werde mich dem weiblichen Geschlecht in Zukunft zwar genauso unbefangen nähern, mich als Person aber viel weniger öffnen. Ich werde Jasper, den wahren Jasper, wegsperren. Er soll es sich in einer Ecke meines Herzens gemütlich machen, doch den Schlüssel werde ich wegwerfen. Oder ihn wenigstens an einem sehr, sehr sicheren Ort aufbewahren.
Ja, das klingt nach einem guten Plan.
Was halten Sie davon?
Freundliche Grüße,
Jasper Branson
PS: Ja, genau, der Jasper Branson.

Jasper drückte auf Senden, klappte den Laptop zu, sank zur Seite und fiel in einen komaähnlichen Schlaf.

 

Kapitel 3

 

 

6.55 Uhr. Milla gähnte und fuhr ihren Laptop hoch. Sie war alles andere als eine Frühaufsteherin, aber heute wollte sie die Redaktion frühzeitig verlassen. Die Senioren der Villa Lerchenhaid hatten eine Krisensitzung einberufen und als ihre psychologische Betreuerin wollte sie dabei auf keinen Fall fehlen. Wenn sie pünktlich um 18 Uhr am Ammersee sein wollte, müsste sie spätestens um 16 Uhr das Büro verlassen. Auch, wenn die Entfernung keine sechzig Kilometer betrug – der Feierabendverkehr in München war einfach die Hölle.

Sie öffnete ihren Mailaccount und checkte ihre Kummerkastenadresse. Siebenundzwanzig neue E-Mails. Puh, da musste sie sich ranhalten. Vor allem, weil im Laufe des Tages bestimmt noch weitere eintrudeln würden.

Milla holte sich einen Kaffee und scrollte durch die Nachrichten. Früher hatte sie die Mails strikt nach deren Eingang bearbeitet, aber mittlerweile setzte sie Prioritäten. Manche Probleme waren dringlicher, einige Fragesteller baten bereits im Betreff um eine schnelle Hilfestellung. Wieder andere missbrauchten sie mittlerweile als virtuelle beste Freundin, erzählten seitenweise von ihren Alltagsproblemen. Sie suchten nicht nach Antworten, denn sie stellten gar keine Fragen. Sie brauchten schlicht und einfach jemanden, der ihnen zuhörte. Aber Job war Job und auch diesen Menschen schrieb Milla stets ein paar nette Worte, wobei die Betonung auf ein paar lag. Zu Beginn ihrer Tätigkeit bei Frauenzauber hatte sie viel zu ausführliche Mails geschrieben, stets getrieben von der naiven Hoffnung, diesen Menschen vielleicht doch helfen zu können. Unterscheiden zu lernen, wer Hilfe und wer lediglich Gehör suchte, war eines der schwersten Dinge in ihrem Job gewesen.

Milla trank einen Schluck Kaffee und überflog die Betreffzeilen. Sie begegnete den üblichen Problemen: »Haushalt, Kinder, Job – ich kann nicht mehr!«, »Ich glaube, mein Mann geht fremd«, »Habe ich Minderwertigkeitskomplexe?«, »Warum ist meine Schwiegermutter so ein Biest?«, »Was verheimlicht meine beste Freundin vor mir?«.

Erst E-Mail Nummer siebenundzwanzig machte sie stutzig, abgesendet spät in der Nacht, um 2.43 Uhr. Die Betreffzeile war leer, was durchaus häufiger vorkam, aber der Absender war ganz und gar kein unbeschriebenes Blatt.

Jasper Branson.

Da musste sich irgendjemand einen Scherz erlaubt haben. Warum sollte ein Multimillionär einer Kummerkastentante schreiben?

Milla öffnete die Nachricht und begann widerwillig zu lesen. Sie hasste es, wenn ihre Arbeit nicht ernst genommen wurde. Doch sobald sie den ersten Satz überflogen hatte, spürte sie, dass hier kein Witzbold am Werk gewesen war. Die Mail war echt, dafür verwettete sie ihre kleine Zweizimmerwohnung in Schwabing.

Immer schneller glitt ihr Blick über die Zeilen. Sie las daraus verletzten Stolz, eine gekränkte männliche Ehre, aber auch ehrlichen Kummer.

Was sollte Sie antworten? Zögerlich begann Milla zu tippen.

Von: drmarks@frauenzauber.de
Betreff: Ihre Anfrage bei Frauenzauber
Lieber Jasper,

Milla hielt inne. Normalerweise benutzte sie immer diese Anrede in Kombination mit dem Vornamen. Aber war das bei einem Mann von diesem Kaliber angebracht? Immerhin zählte Jasper Branson zu den gutzahlenden Werbekunden, zwar nicht von Frauenzauber, aber zum Beispiel vom Global Manager Magazin, das ebenso zum Holtenkampschen Verlagsimperium gehörte. Sie sollte sich ihre Antwort gut überlegen, sonst zog sie schnell den Zorn der Chefetage auf sich. Bei lukrativen Werbekunden verstand man keinen Spaß.

Von: drmarks@frauenzauber.de
Betreff: Ihre Anfrage bei Frauenzauber
Sehr geehrter Herr Branson,

Wieder hielt Milla inne. Nein, das hörte und fühlte sich sowas von falsch an, das konnte sie nicht stehenlassen. Sie löschte das eben Getippte und ging zu ihrer üblichen Anrede über.

Von: drmarks@frauenzauber.de
Betreff: Ihre Anfrage bei Frauenzauber
Lieber Jasper,
normalerweise würde ich Ihnen schreiben, dass ich mich sehr freue, dass Sie sich mit Ihrem Problem an mich gewandt haben. Aber meine innere Stimme flüstert mir zu, dass dies nicht ganz freiwillig geschah, sondern höchstwahrscheinlich dem Alkohol geschuldet war. Daher werde ich im Folgenden lediglich Ihre Frage beantworten und die Schilderung Ihrer Situation unkommentiert lassen. Bitte verstehen Sie das nicht als Unhöflichkeit oder Desinteresse an Ihrer Person, sondern einfach als Rücksichtnahme.
Sie fragten, was ich von Ihrem Plan hielte, den wahren Jasper wegzusperren und den Schlüssel zu verstecken.
Ganz ehrlich: Ich halte das für keine gute Idee. Es mag sein, dass das Errichten von Mauern Ihnen kurzzeitig das Gefühl gibt, sicherer zu sein. Aber in Wahrheit werden Sie nur einsamer. Sperren Sie den wahren Jasper nicht weg. Lassen Sie ihn leben, lieben, lachen – und wenn es an der Zeit ist, auch weinen, trauern und wütend sein. Das gehört zum Menschsein dazu, das macht es erst einzigartig. Bringen Sie sich nicht um diesen Genuss, Sie würden es später bereuen.
Alles Gute,
Ihre Dr. Marks

Milla las ihre Antwort noch einmal durch. Sie könnte noch viel über den Umgang mit Enttäuschungen schreiben, hielt sich aber lieber zurück. Sie vermutete, dass Branson es zu schätzen wusste, wenn sie kurz und knapp antwortete.

Vielleicht würde er es sogar noch mehr zu schätzen wissen, wenn sie gar nicht auf seine Mail einging, sie ignorierte und so tat, als hätte es sie nie gegeben?

Aber was, wenn das ein Test war? Eingefädelt von Lennard Holtenkamp, um sie auf die Probe zu stellen? Es würde sie nicht wundern, wenn der Verlagsspross und Branson befreundet wären – charakterlich würden sie jedenfalls gut harmonieren. Beide galten als machtfixiert, karrierebesessen und geldgeil. Für Holtenkamp würde sie jedes dieser Attribute unterschreiben. Branson kannte sie nicht persönlich, aber die Zeitungsartikel, die regelmäßig über ihn veröffentlicht wurden, ließen wenig Zweifel daran, dass es um seinen Charakter ähnlich stand.

Milla tippte seinen Namen in die Suchmaschine. In der Bilderleiste erschienen die Fotos eines unverschämt gut aussehenden Mannes: Groß, durchtrainiert, tiefblaue Ozeanaugen. Etwas an seinem Äußeren irritierte Milla jedoch: Sein Blick strahlte die Unschuld eines Kindes aus, wirkte auf manchen Fotos sogar etwas unbeholfen. Kombiniert mit seinen braunen, leicht lockigen Haaren ähnelte Branson mehr einem großen Jungen als einem knallharten Geschäftsmann.

Doch das Aussehen musste täuschen, denn wenn man den Suchmaschineneinträgen über ihn glauben durfte, war er ein äußerst gewitzter, manchmal sogar skrupelloser Unternehmer. Milla klickte auf einen der Artikel.

 

Millionär mit 23

Jasper Branson hat viele Talente. Eines davon ist ganz sicher das Geldverdienen. Der heute 39-jährige machte seine erste Million mit 23 – ohne fremde Hilfe. Branson stammt nämlich nicht wie so viele seiner ehemaligen Kommilitonen der London Business School aus reichem Elternhaus, sondern wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einem Vorort von Frankfurt am Main auf.

Der Wahlmünchner mit den amerikanischen Wurzeln bewies allerdings schon früh Geschäftssinn. Ehemalige Nachbarn der Familie berichteten, dass der damals zwölfjährige Branson eigenhändig den Gartenzaun entfernt und die Rasenfläche in Parkplätze unterteilt hatte, die er an Pendler für fünf Mark pro Tag vermietete.

Seine schulischen Leistungen waren außergewöhnlich, er übersprang zwei Klassen im Gymnasium. Für sein Studium in London erhielt er ein Stipendium. Bereits während des ersten Semesters entdeckte Branson seine Leidenschaft für Immobiliengeschäfte und neue Technologien. Er entwickelte eine App, mit der man private Zimmer schnell und unkompliziert untervermieten konnte. Seine Idee traf den Nerv der Zeit, mit 23 Jahren verkaufte der Student die mobile Anwendung für umgerechnet 1,73 Millionen Euro an einen amerikanischen Technologiekonzern. Mit dem Geld gründete er die in München ansässige Branson Holding AG, die sich Immobiliengeschäften aller Art widmet und für ihr teilweise aggressives Vorgehen bekannt ist.

Über das Privatleben Bransons ist wenig bekannt, doch die Damenwelt kann aufatmen: Auch dieses Jahr wählte ihn das Global Manager Magazin wieder zum begehrtesten Junggesellen Deutschlands. Auch, wenn das Geschmackssache sein mag, einer der reichsten ist er auf jeden Fall: Sein Vermögen wird auf über eine Milliarde Euro geschätzt.

Nicht schlecht, dachte Milla. Eine Milliarde Euro – wie viele Millionen waren das? Hundert, tausend? Auf jeden Fall kein Garant für ein glückliches Leben. Denn auch, wenn Branson die Mail im Suff geschrieben hatte und heute bereits bereute – einen Anlass dafür hatte es doch gegeben. Und der Anlass musste tiefgreifend gewesen sein, sonst hätte der Unternehmer niemals dermaßen tief ins Glas geschaut, außer er war Alkoholiker. Dafür gab es aber keine Anzeichen.

Nein, irgendeine Frau hatte den Selfmademilliardär gestern so sehr verletzt, dass er erst zur Flasche und dann zur Tastatur gegriffen hatte. Trotzdem würde sie ihm nicht ausführlicher antworten. Sollte er wirklich Interesse an ihrem Rat haben, könnte er sich ja noch einmal melden.

Milla las ihre Mail Korrektur und schickte sie dann mit einem beherzten Klick ab. Es war schon kurz nach acht. Sie hatte bereits viel zu viel Zeit mit diesem Typen verschwendet, der auf ihre Antwort wahrscheinlich sowieso keinen Wert legte.

Sie öffnete eine andere Mail und vertiefte sich in den Fall einer alleinerziehenden Mutter, der ein Stalker seit Monaten das Leben zur Hölle machte.