Leseprobe: Highland Rockstar Love

Kapitel 1 Casey

Noch fünf Minuten, dann musste ich auf die Bühne. Fünf Minuten konnten lang sein, endlos lang sogar, wenn man etwas unbedingt sofort haben wollte. Sie konnten aber auch gnadenlos kurz sein, wie ein beiläufiger Wimpernschlag, wenn man etwas am liebsten für immer von sich fernhalten würde.

Normalerweise fühlte ich mich vor einem Konzert wie ein Panther im Käfig, der nur darauf wartete, dass die Klappe endlich nach oben ging und er mit gefletschten Zähnen in die Arena springen konnte. Doch der Panther in mir war müde geworden, schrecklich müde.

Das Kreischen der Fans, die Vibrationen der erregten Körper, die Unruhe der Masse drang bis in den Backstagebereich. An jedem anderen Tag hätte mich spätestens jetzt das Fieber gepackt, meine Muskeln hätten sich gestrafft und zitternd vor Hochspannung wäre ich in den Startlöchern gestanden, um meinem Auftritt entgegenzufiebern.

Die Halle war zum Bersten voll, zehntausend Menschen waren gekommen, um mich und meine Band Blind Souls zu hören. Aber es war mir egal. Ich würde heute nicht auf die Bühne treten. Heute nicht und nie mehr sonst. Meine Zeit als Rockstar war vorbei. Vergangenheit. Geschichte.

Ich hörte, wie das Kreischen lauter wurde. Meine Bandkollegen hatten die Bühne geentert und ließen sich gebührend begrüßen. Als Frontman und Zugpferd der Blind Souls war es mir vorenthalten, als Letzter in Erscheinung zu treten. Wie der heilsverkündende Messias stieg ich unter gleißendem Scheinwerferlicht auf die Bühne und ließ mich von der Masse feiern, bevor ich auch nur einen Ton gesungen oder Gitarre gespielt hatte. Ich hätte mich auch mit einer Spielzeugtröte hinstellen und alle meine Entchen pfeifen können, die Dummköpfe da draußen hätten trotzdem gejubelt. 

Noch eine Minute.

Ich zog meine Lederjacke an und machte mich auf den Weg. Niemand achtete auf mich, als ich Richtung Hinterausgang ging.

Niemand bis auf Melvin Summerset.

»Casey, wo zur Hölle willst du hin?«, dröhnte der zigarren- und whiskygesättigte Bariton meines Managers an mein Ohr. »Du musst in dreißig Sekunden auf die Bühne.«

Ohne etwas auf diese berechtigte Feststellung zu erwidern, ging ich weiter. Ich hörte Melvins nashornähnliches Schnauben hinter mir. Der Mann wog gut und gerne zweihundert Kilo. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, mit mir Schritt zu halten und unsanft nach meiner Schulter zu greifen.

»Hiergeblieben, Freundchen. Hast du deinen arroganten Zinken mal wieder zu tief ins Koks gesteckt, oder was?« Melvins riesige Pranke ruhte mit eisernem Griff auf mir.

Würde ein normaler Mensch so mit mir reden, hätte ich ihm schon lange die Fresse poliert. Aber Melvin war kein normaler Mensch. Er war mein Manager, mein Mentor, mein engster Vertrauter. Ihn zu enttäuschen, fiel mir am schwersten. Trotzdem hielt ich an meinem Vorhaben fest.

»Ich trete nicht mehr auf. Meine Karriere ist beendet«, sagte ich knapp und starrte in seine wässrigen blauen Augen, unter denen ausgeprägte Tränensäcke wie nasse Teebeutel herabhingen.

Melvins zerknautschter Gesichtsausdruck hatte immer etwas von einer treudoofen Bulldogge, aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Hinter seiner gemächlichen Fassade konnte die Wut lodern wie ein Waldbrand in der Taiga. Das erkannte man vor allem an seinen bebenden Nasenlöchern. Und im Moment bebten die Nasenlöcher nicht nur, sie schlackerten regelrecht. Wie ein Blasebalg auf Speed senkten sie sich auf und ab, während sich Melvins Gesicht immer röter färbte.

»Du solltest den Dealer wechseln, Casey. Der Stoff scheint dir das Hirn zu vernebeln. Und jetzt mach, dass du auf die Bühne kommst. Zehntausend Leute haben teils tausende von Dollar auf dem Schwarzmarkt hingeblättert, um dich singen zu hören. Du bist ihnen diesen Auftritt schuldig.«

»Einen Scheiß bin ich«, raunzte ich und schlug grob Melvins Hand von meiner Schulter. Dann trat ich nach draußen, an die smoggeschwängerte Luft irgendeiner Großstadt, die ich nur von einer Konzertbühne und einem Hotelzimmer aus kennenlernen sollte. Wie so viele Orte auf dieser Welt zuvor.

Ich musste ein neues Leben beginnen. Auch wenn ich im Moment nicht den blassesten Schimmer davon hatte, wie dieses aussehen sollte.

Kapitel 2 Shona

»Shona! Shona? Shoooonaaa?«

Dads Stimme drang kraftvoll bis in den hintersten Winkel der Scheune, wo ich gerade an der Staffelei stand und mein neuestes Bild skizzierte. Hastig warf ich die Zeichenkohle beiseite, wischte mir die Hände ab und rannte meinem Vater entgegen.

»Was gibt’s, Dad?«, fragte ich, als ich aus der Scheune trat.

»Wo kommst du denn her?« Er musterte mich skeptisch.

»Ach, ich hab nur die umgestürzten Heuballen in Ordnung gebracht«, sagte ich schnell und zupfte mir als Beweis ein paar Halme aus dem Haar.

»Ach so, gut, gut«, brummte mein Vater und lächelte mich schließlich an. »Du musst die Hütte herrichten. Melvin schickt mal wieder einen von seinen Schützlingen. Er soll sich beim Schafe hüten erholen.«

»Wer ist es denn diesmal?«, wollte ich neugierig wissen.

Onkel Melvin hatte uns schon so einige Stars geschickt, die in den Highlands wieder auf die Beine kommen sollten. Die wenigsten hatten es länger als ein paar Tage ausgehalten.

»Keine Ahnung, irgend so ein Sänger, glaube ich.« Dad kramte in seiner Hosentasche herum und zog einen zerknautschten Zettel heraus. »Casey Burton. Kennst du den?«

Ich musste grinsen. »Dad, jeder kennt Casey Burton.«

Also, so gut man einen weltbekannten Rockstar eben kennen konnte – aus Zeitungsberichten, Fernsehbeiträgen und Internetnews. Und da stand bei weitem nicht nur Positives – eher das Gegenteil. Zahlreiche negative Gerüchte rankten sich um den Frontman der Blind Souls, weshalb ich ein paar unserer widerspenstigsten Schafe zusammentreiben würde. Denn wenn ich etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann waren das machohafte Aufreißertypen, die meinten, ihnen läge die ganze Welt zu Füßen.

»Also ich habe noch nie von ihm gehört«, erwiderte mein Vater schulterzuckend. »Er kommt auf jeden Fall morgen um 14 Uhr in Inverness an, kann sein, dass du ihn abholen musst.« Er sah mich zerknirscht an. »Ich hab den McLeans versprochen, ihnen mit den neuen Rindern zu helfen.«

»Alles klar, kein Problem«, beruhigte ich Dad.

Innerlich war ich aber alles andere als ruhig. Oh mein Gott, ich würde neben Casey Burton in einem Auto sitzen! Nicht, dass ich ihn heiß finden würde, wie gesagt, ich stand nicht auf Arschlöcher. Aber trotzdem: Er war der Leadsänger der Blind Souls! Egal, was er persönlich für ein Mensch war, seine Musik war einfach klasse. Auch, wenn ich das vor ihm natürlich niemals zugeben würde.

Ich ging ins Haus und sammelte alles zusammen, was ich in die Hütte mitnehmen wollte: Bettwäsche, Putzmittel, etwas Proviant, Handtücher. Mehr brauchte es vorerst nicht. »Die Hütte« war natürlich kein windschiefer Bretterverschlag, sondern ein altes, einräumiges Steinhäuschen, das wir liebevoll restauriert hatten und an Touristen vermieteten. Oder eben an Onkel Melvins verrückte Promis, denen regelmäßig die Sicherungen durchbrannten.

Nachdem ich die Utensilien in unseren alten Pick-up geladen und ein paar Ballen Heu und Stroh auf die Ladefläche geworfen hatte, machte ich mich an den schwierigeren Teil der Aufgabe: Die Schafe finden und davon ein paar störrische Exemplare einfangen und auf die Ladefläche des Landrovers befördern. Mit einem lauten Pfiff rief ich Archie, unseren heiß geliebten Sheltie, herbei. Kaum sah er die offene Autotür, sprang er auch schon auf den Beifahrersitz. Gemächlich tuckerten wir los. Die Schafe liefen das ganze Jahr frei herum und wurden nur einmal im Jahr zum Scheren zusammengetrieben. Ab und zu mussten ein paar der Tiere allerdings als Therapie für geplagte Sänger oder Schauspieler herhalten. Wobei herhalten das falsche Wort war. Ich hatte immer den Eindruck, die neugierigen Fellmonster genossen die Abwechslung und hatten regelrecht Spaß daran, einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Archie kannte das Spielchen bereits. Während wir langsam und mit offenem Fenster durch die Highlands fuhren, hielt er aufmerksam den Kopf hinaus. Sobald er das erste Schaf erspähte, schlug er an. Ich stoppte den Wagen und ließ Archie aussteigen. Laut bellend trieb er die Schafe zusammen. Ich kannte jedes von ihnen mit Namen. Das verwunderte Außenstehende immer wieder, denn für sie sahen sie alle gleich aus. Aber wenn man ein geschultes Auge besaß – und das besaß man unweigerlich, wenn man seit fünfundzwanzig Jahren mit diesen Tieren zu tun hatte – erkannte man auf den ersten Blick die feinen Unterschiede. Der mürrische Gesichtsausdruck von Berta zum Beispiel war legendär, obwohl es eins der fröhlichsten Schafe der Herde war. Barney stand auf X-Beinen. Mickeys Wolle hatte einen Lilastich und Bonnys Schlupflider sorgten für viele Lacher, wenn man die Menschen darauf hinwies.

Nachdem ich die Banditen ausgiebig gekrault und mit ein paar Möhrenstückchen verwöhnt hatte, machte ich mich auf die Suche nach Mary Poppins. Sie war das lustigste Schaf, das ich kannte – aber auch das widerspenstigste. Mit ihr würde Mr.-Ich-bin-der-König-der-Welt-Burton so einige Machtkämpfe auszufechten haben. Dazu fing ich Lilly, Elsie, Gracie und Harriet ein, allesamt charmante Schafdamen mit ihrem ganz eigenen Kopf. Damit Casey auch mal das ein oder andere Erfolgserlebnis als Schaffarmer vorweisen konnte, lud ich noch Molly dazu. Sie war uralt, zahm wie ein Schoßhündchen und liebte es, betüddelt zu werden.

Mit einem Pfiff holte ich Archie zurück, kontrollierte noch einmal, ob die Klappe der Ladefläche richtig geschlossen war und brach dann Richtung Little Balmoral auf, wie wir das kleine Häuschen scherzhaft nannten. Denn natürlich hatte es nicht besonders viel mit dem königlichen Schloss gemeinsam – außer, dass es genauso wunderschön gelegen war.

Mein Weg führte mich durch weites, hügeliges Land, wo nur selten ein Haus am Straßenrand stand. Dicke, weiße Wolken hingen am blauen Himmel, feine Gräser wehten raschelnd im Wind. Ich verließ die asphaltierte Straße und bog auf einen schmalen Feldweg. Nach kurzer Fahrt hatte ich die Hütte erreicht. Sie lag friedlich auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer niedrigen Mauer und endloser Weite. Etwas entfernt stand der Stall für die Schafe und der Brunnen, von dem das Wasser geholt werden musste. Little Balmoral verfügte nämlich weder über fließendes Wasser noch über Strom. Das Leben hier draußen orientierte sich an dem Leben früherer Jahrhunderte – man stand mit der Sonne auf und ging mit ihr zu Bett. Fernseher, Elektrogeräte, Laptop und Handy waren unnötiges Beiwerk, das die Gäste nur davon abhielt, endlich einmal den Kopf freizubekommen und sich auf sich selbst und die Natur zu konzentrieren. Die Besucher, die freiwillig kamen, liebten die Einfachheit. Die eher unfreiwilligen Exemplare – worum es sich bei Casey Burton höchstwahrscheinlich handeln dürfte – fanden es schrecklich. Sie waren dermaßen in den engen Maschen der heutigen Gesellschaft gefangen, dass es unvorstellbar für sie war, auszusteigen, selbst für eine kurze Zeit. Weswegen die meisten auch ziemlich schnell wieder abreisten. Allerdings nicht, ohne Nutzen aus diesem Aufenthalt zu ziehen, denn sie schätzten danach ihr privilegiertes Leben umso mehr und kehrten gerne dahin zurück.

Ich schüttelte den Kopf beim Gedanken an all die Neurotiker, die uns Onkel Melvin schon vorbeigeschickt hatte. Geld und Erfolg schien Menschen wirklich verrückt zu machen. Mit was für Wünschen sie oft aufwarteten: Zimmerservice rund um die Uhr war noch der harmloseste davon.

Ein amerikanischer Schauspieler wollte einmal, dass wir extra für ihn einen Whirlpool installieren. Ein Whirlpool mitten in der Pampa! Ohne Strom und fließend Wasser! Dad stellte ihm einen Blechzuber mit Gießkanne vor die Tür und zeigte ihm, wo der Brunnen stand. Der Typ blieb keine vier Tage.

Eine bekannte Pianistin forderte, dass wir das Haus vor ihrer Ankunft von einer Feng-Shui-Beraterin umgestalten ließen, damit ihre kreativen Kräfte nicht gehemmt wurden. Überraschenderweise reiste sie an, obwohl wir ihrem Wunsch nicht nachkamen. Sie blieb erstaunliche drei Wochen. Die darauffolgende Konzerttour war die erfolgreichste ihres Lebens.

Vielleicht fand ja auch Casey Burton hier die nötige Inspiration, um ein paar neue Songs zu schreiben. Es war schon viel zu lange kein Album mehr erschienen, die Blind Souls tourten seit Ewigkeiten mit ihren alten Titeln durch die Länder.

Die Idee gefiel mir. Wenn Casey hier die Impulse für ein neues Album fand, und wenn er die Geschichte um die Entstehung dieses Albums publik machen würde, dann wäre mir und meinem Projekt mehr als geholfen. Ich sah schon die Schlagzeilen vor mir:

Neues Album der Blind Souls – Casey Burton findet Inspiration in den Highlands

Darauf folgte dann ein Text, indem detailreich über unsere wunderschöne Landschaft berichtet würde – eine Landschaft, die einfach nicht zerstört werden durfte. Nicht für dieses bescheuerte Touristenareal, das ich um jeden Preis verhindern musste.

Kapitel 3 Casey

Es regnete in Strömen. Nicht, dass mich das überraschte. Ich war gebürtiger Londoner und kannte mich mit schlechtem Wetter aus. Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, in Inverness karibische Verhältnisse vorzufinden. Genervt war ich trotzdem. Schon seit langem hatte ich meinen Lebensmittelpunkt ins sonnige Kalifornien verlegt, wenn ich nicht gerade mit meiner Band durch die Weltgeschichte tourte. Jetzt hier zu stehen, in den feuchten, trüben Highlands, diente nicht unbedingt dazu, meine Laune zu heben. Zumal ich anstatt in unserem Privatjet in der Holzklasse eines ordinären Linienflugzeugs angereist war.

In der Holzklasse!

Wahrscheinlich hatte mein Rücken einen dauerhaften Schaden davongetragen. Und diese neugierigen, neunmalklugen Menschen überall.

»Hey, krass, schau mal, der sieht aus wie Casey Burton!«

Ach nee, echt jetzt? Du bist ja voll der Sherlock Holmes.

Keine Ahnung, wie oft ich abweisend brummen musste, dass mir das total oft gesagt wurde, ich aber nicht Casey Burton sei.

Das wäre ja noch schöner, mich auf so einer Tour zu outen. Die Schlagzeilen nach meinem letzten Auftritt – oder besser gesagt Nicht-Auftritt – hatten mir gereicht. Nach Burnout, Depression und Selbstmordgefahr musste mir jetzt nicht auch noch finanzieller Ruin angedichtet werden. Wobei ich von diesem gar nicht so weit entfernt war. Und genau deshalb befand ich mich jetzt hier, in diesem hinterletzten Kaff und musste in einer Scheißhütte wohnen, »um zur Besinnung zu kommen«, wie Melvin es nannte. Hätte ich mich geweigert, hätte es richtig Ärger gegeben. Ich hatte einen millionenschweren Vertrag gebrochen, und nur, indem ich Reue zeigte, ließ sich das Finanzdebakel noch abwenden.

Aber gut. Es gab Schlimmeres, als eine Woche in der Pampa auszuharren.

Eine Woche in der Pampa ohne Drogen zum Beispiel.

Denn auch, wenn Melvin mich bis auf die Unterhose gefilzt hatte, gelang es mir doch, wenigstens ein paar Gramm Koks hierher zu schmuggeln. Ich spürte neue Zuversicht aufkeimen. Vielleicht entpuppte sich diese Hütte ja als ganz nettes Ferienhaus mit Whirlpool, Flatscreen und schnellem Internet, wo ich gemütlich zocken und ein paar Serien streamen konnte.

»Casey Burton?«, drang eine vorsichtige Stimme an mein Ohr.

Nicht schon wieder!

Ich drehte mich um.

Vor mir stand eine junge Frau mit langen, roten Haaren und unzähligen Sommersprossen. Nicht mein Typ, aber sie hatte was, definitiv. Trotzdem, mir war im Moment nicht nach Flirten.

»Nein, bin ich nicht. Mir wird oft gesagt, dass ich ihm ähnlich schaue, aber … Sorry«, grunzte ich unfreundlich.

»Sind Sie sicher?«, fragte die Rothaarige nach.

»Natürlich bin ich sicher. Ich werde ja wohl wissen, wie ich heiße. Und jetzt lassen Sie mich in Frieden, Herrgott noch mal«, schnauzte ich sie an.

Erschrocken wich sie einen Schritt zurück und kratzte sich verlegen am Hals.

»Ähm, ich bin kein Fan. Ich soll Sie abholen und zu Ihrer Unterkunft bringen.«

»Was? Ich dachte, ein …« Casey tippte auf seinem Smartphone herum »… gewisser Wallace Moore soll mich abholen. Das ist doch ein Männername, oder? Na ja, bei euch Schotten weiß man nie.«

»Wallace ist mein Vater. Er ist leider verhindert. Mein Name ist Shona.« Sie streckte mir ihre Hand entgegen.

Ihr kräftiger Händedruck überraschte mich. Vor mir stand eine Frau, die zupacken konnte. Ich investierte einen zweiten Blick. Mir fiel ihre athletische Figur auf. Shona war zwar schlank, aber ihre Körperhaltung und der Tonus ihrer Silhouette verrieten, wie viel Kraft in ihr steckten. Ganz anders, als die verweichlichten Stadthäschen, die normalerweise in meinem Bett landeten.

»Casey«, erwiderte ich würdevoll.

»Soll ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«

»Dir. Keine übertriebenen Förmlichkeiten, bitte. Und nein, das ist nicht nötig. Ich habe nur diese Tasche.« Ich hob demonstrativ meine kompakte Reisetasche in die Luft. Ich hatte nicht vor, lange zu bleiben.

»Okay, dann mal los.«

Shona führte mich zu einer Klapperkiste von Landrover, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich hatte.

»Ich hoffe, es ist nicht allzu weit?«, sagte ich und warf einen besorgten Blick auf das Vehikel.

»Keine Sorge, die Karre hier hat schon zwei Weltkriege überstanden«, beruhigte mich Shona augenzwinkernd und startete den Motor. Ratternd verrichtete er seinen Dienst. Gelangweilt tippte ich auf meinem iPhone herum. Wenigstens gehörte sie nicht zu den nervigen Frauen, die ohne Punkt und Komma redeten.

»Warst du schon einmal in den Highlands?«, fragte sie mich nach einiger Zeit.

»Nein, wieso?«

»Weil du gar nicht aus dem Fenster schaust. Ich finde, es ist wunderschön hier.«

»Hm, ja, kann schon sein.« Alibihaft wandte ich kurz meinen Blick zur Landschaft, dann surfte ich weiter.

»Ich hoffe, du hängst nicht zu sehr an deinem Smartphone. In der Hütte ist nämlich kein Empfang.«

»Wie bitte?« Mein Kopf schnellte zur Seite.

»Du musst ungefähr fünfzig Meter laufen, um ein Netz zu haben. Also nicht tragisch. Bei Notfällen oder so kannst du jederzeit auf dein Handy zurückgreifen.«

»Sehr beruhigend. Und welche Notfälle sollen das sein? Dass ich vor Langeweile sterbe, vielleicht? Wo liegt diese Hütte denn überhaupt?«

»Zwischen Stronechrubie und Inchnadamph.«

»Wo?«, fragte ich schlecht gelaunt.

Gerade eben dachte ich noch, Inverness sei ein Kaff. So konnte man sich täuschen.

»Loch Assynt sagt dir vielleicht was? Der bekannte See? Da in der Nähe.«

Ich verdrehte nur die Augen. Dann steckte ich mir demonstrativ meine Kopfhörer in die Ohren und schloss die Augen.

Ich musste eingenickt sein, denn plötzlich hörte ich eine Autotür schlagen. Als ich die Augen öffnete, sah ich ein winziges Häuschen, etwas entfernt ein noch winzigeres Häuschen und irgendetwas rundes, möglicherweise ein Brunnen. Sonst war da nichts. Okay, ein paar Mauern. Aber von einem Whirlpool war weit und breit nichts zu sehen. Und ich traute mich wetten, dass ich im Inneren dieser lumpigen Bleibe weder einen Flatscreen noch einen Fitnessraum, wahrscheinlich nicht einmal ein anständiges Boxspringbett vorfinden würde.

»Herzlich willkommen in Little Balmoral«, sagte Shona übermütig und breitete begeistert die Arme aus. »Komm mit, ich zeig dir alles.«

Alles? Was sollte das sein? Die Tür und zwei Fenster?

Missmutig stapfte ich hinter ihr ins Haus. Es war gar nicht so übel. Wenn man auf Rosamunde Pilcher im Puppenhausstil stand. Aber zur Hölle, ich war ein Rockstar. Was sollte ich hier? Tischdeckchen häkeln?

»Also, hier ist die Küchenzeile. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser, aber du kannst das Wasser vom Brunnen holen und auf dem Gasherd erhitzen. Hier unten«, Shona öffnete eine kleine Luke im Boden, »habe ich ein paar Vorräte für dich verstaut. Es gibt keinen Kühlschrank, aber dort bleiben die Sachen trotzdem haltbar. Das Bett ist frisch bezogen und ein paar Bücher findest du auch in den Regalen. Natürlich auch Kerzen und Petroleumlampen. Und eine Taschenlampe steht hier.« Sie deutete auf eine riesige Mag-Lite, wie amerikanische Polizisten sie verwendeten. Und schottische Schafbauern. »Und, gefällt es dir?« Sie schaute mich erwartungsvoll an.

Ohne zu antworten, zog ich mein Handy aus der Tasche, um Melvin anzurufen. Das konnte einfach nicht sein Ernst sein. Aber Shona hatte recht: kein Empfang.

»Wo muss ich hingehen, damit ich telefonieren kann?«, fragte ich gereizt.

»Ein bisschen weiter den Hügel hinauf. Ich bring dich hin. Dann kann ich dir gleich das mit den Schafen erklären.«

Schafe? Was zur Hölle? Ich war nicht hierher gekommen, um mich um diese haarigen Biester zu kümmern.

Shona spurtete die Anhöhe hinauf. Ich hatte Mühe, Schritt zu halten. Eigentlich dachte ich, ich sei fit. Aber der Alkohol, die Drogen und das unstete Tourleben zollten mittlerweile ihren Tribut.

»So, hier müsste es gehen.«

Ich schaute auf mein Handy. Noch immer kein Empfang. Langsam ging ich rückwärts, bis ich gegen etwas Weiches stieß. Erschrocken drehte ich mich um – und blickte in die Augen eines Schafes.

Angewidert verzog ich das Gesicht. Ich hatte es nicht so mit Tieren, es sei denn, sie lagen auf meinem Teller.

»Darf ich vorstellen: Mary Poppins.« Shona hingegen schien keine Berührungsängste zu kennen.

Ohne Hemmungen wuschelte sie dem Vieh durch die Wolle. »Du solltest dich besser gut mit ihr stellen. Sie ist die Anführerin hier. Und sie kann sehr unangenehm werden, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt.«

Das Schaf stierte dumm gerade aus. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es mit abstrakten Begriffen wie Gerechtigkeit etwas anfangen konnte.

»Ach ja? Dann braucht sich die liebe Mary Poppins ja keine Sorgen zu machen, denn ich werde nicht lange hier sein. Besser gesagt: Du kannst mich auf der Stelle zurück zum Flughafen fahren. Hier bleibe ich keine Nacht.« Empört wählte ich Melvins Nummer.

Schon nach dem zweiten Klingeln dröhnte der wohlvertraute Bariton an mein Ohr.

»Casey, mein Junge, was gibt’s? Bist du gut gelandet?«

»Spar dir dein Geheuchel für die Steuerfahndung. Erklär mir lieber, was zur verfickten Hölle du dir dabei gedacht hast, mich in dieses Loch zu schicken? Es gibt hier nur ein Plumpsklo.«

»Ich mir gedacht? Ich glaube, du verwechselst da was, Junge. Die Frage ist doch vielmehr: Was hast du dir dabei gedacht, deinen verdammten Arsch nicht auf die Bühne zu bewegen, vor der zehntausend Fans nur auf deinen Auftritt gewartet haben?«

»Das ist noch lange kein Grund, mich ins Exil zu verbannen.«

»Stimmt, mein Lieber. Natürlich nicht. Ich Dummerchen. Wahrscheinlich habe ich die Zeilen im Vertrag, unter dem wohlgemerkt gut leserlich dein Name steht, nur überinterpretiert. Im Falle eines Vertragsbruchs verpflichtet sich der Vertragspartner zu einer Zahlung von dreißig Millionen Dollar. Das vereinbarte Honorar für die Tournee (fünfzehn Millionen Dollar) wird ausnahmslos gestrichen. Die Lage, in die du dich gebracht hast, ist nicht im Mindesten bedenklich. Denn durch deinen ausufernden Lebensstil, deine drei Wohnsitze, die ständige Kokserei und deinen Fuhrpark, der einem abu-dhabischen Ölscheich gerecht wird, weist dein Konto derzeit ein Guthaben von unglaublichen hunderttausend Euro auf. Was gerade mal reicht, um einen Monat deine laufenden Kosten zu decken. Es ist also überhaupt nicht schlimm, auf das Geld für die Tour zu verzichten und obendrein noch dreißig Millionen Dollar Strafe zu zahlen«, keifte Melvin ins Telefon. Er hörte sich dabei an wie ein geiferndes Landweib, dem der Fuchs eine Gans gestohlen hatte.

»Hm«, überlegte ich, »es wäre dann wohl besser, doch hierzubleiben.«

»Du sagst es«, zischte Melvin und drückte meinen Anruf weg. 

»Das mit der Fahrt zum Flughafen …« Shona sah mich mit schiefgeneigtem Kopf an.

»… hat sich erledigt«, fauchte ich und schlug angewidert nach Mary Poppins Maul, das sich an meiner Hosentasche zu schaffen machte.

»Gut, dann zeige ich dir jetzt mal, wie man mit den Schafen umgeht«, flötete Shona und grinste mich breit an.