Leseprobe: Highland Millionaire

Kapitel 1 Douglas

»Timothy, ich vermute, dass ich deine Hilfe brauche.« Douglas tigerte unruhig im Salon von Arbuthnott Castle auf und ab, das Telefon fest an sein Ohr gepresst.

Er war sich bewusst, dass er gerade einen Fauxpas beging: Der obligatorische Small Talk am Beginn des Gesprächs fehlte. Doch Douglas hatte keine Möglichkeit gesehen, diese Unhöflichkeit zu umgehen. Er wusste ganz genau: Wäre er nicht sofort mit der Tür ins Haus gefallen, hätte ihn der Mut, dieses Gespräch zu führen, auf der Stelle verlassen.

»Douglas, alter Freund, schön von dir zu hören!« Timothy McKinsey stieß ein kurzes, sonores Lachen aus, bevor er weitersprach. »Was macht der Old Course? Wie oft hast du ihn dieses Jahr schon gespielt, du Schlawiner?« Wieder dieses Lachen, gehaltvoll wie ein gereifter, torfiger Whisky.

»Ähm, um ehrlich zu sein: kein einziges Mal. Genau deswegen rufe ich an.«

»Wusst ich’s doch, dass du den altehrwürdigen Golfplatz nicht ohne deinen treuen Freund betrittst! Ich bin dabei, wann passt es dir? Nächstes Wochenende? Ich könnte Freitagabend hochfliegen.«

»Timothy, ähm, hör zu, es ist …« Douglas räusperte sich. »Ich denke, du solltest einmal einen detaillierteren Blick auf meine Finanzen werfen. Es kommen da so Briefe von der Bank, die, wie ich finde, einen unangenehmen Unterton aufweisen.« Douglas seufzte. Nun war es gesagt.

»Unangenehmer Unterton? Du übertreibst! Die Finanzsprache harmoniert nur nicht mit deinem poetischen Gemüt. Aber keine Sorge, mein bester Mann wirft einmal einen Blick darauf. Du wirst sehen, die Sache ist schneller aus der Welt, als die Startzeiten auf dem Old Course vergeben werden«, beruhigte ihn McKinsey.

»Ich hoffe, du hast recht«, murmelte Douglas. Sein Gefühl sagte ihm etwas anderes.

Kapitel 2 Caroline

„In die Highlands? Zu einem Lord? Was soll das? Sie haben mir Gransmith & Taylor versprochen. Ich will nicht zu so einem seltsamen adligen Knacker und in verstaubten Lederakten wühlen.«

»Nicht Lord – Laird. Das wird fälschlicherweise oft gleichgesetzt, entspricht aber nicht den Tatsachen. Ein Laird ist ein schottischer Landbesitzer, der mit gewissen feudalen Rechten ausgestattet ist, aber lediglich zum untitulierten, sprich niederen, Landadel zählt.«

»Mir geht das sowas vom am Allerwertesten vorbei, zu welchem Hoch-, Nieder- oder Möchtegernadel sich dieser Typ zugehörig fühlt. Sie haben mir Gransmith & Taylor versprochen, aus, basta! Schicken Sie doch Diana an den Arsch der Welt.«

Timothy McKinsey zog missbilligend eine Augenbraue nach oben. Ihr Boss schätzte es nicht besonders, wenn seine Mitarbeiter auf dieser Art und Weise mit ihm sprachen. Caroline interessierte das jedoch nicht im Geringsten. Sie hatte sich noch nie den Mund verbieten lassen. Schon gar nicht, wenn sie wütend war.

Nachdem er mehrmals mit der linken Hand über seinen perfekt getrimmten und geölten Bart gestrichen hatte – eine Art Tick, der sich in letzter Zeit immer häufiger zeigte, fuhr er in schmeichelndem Tonfall fort.

»Caroline, hören Sie zu: Sie sind mein bester Mann, also meine beste Frau natürlich, das wissen Sie. Nur noch diesen Auftrag, und dann bekommen Sie einen ganz großen Fisch an die Angel, das verspreche ich Ihnen.« McKinsey hob die Hand, um sein Ehrenwort zu geben.

Caroline schnaubte verächtlich. »Das versprechen Sie mir bei jedem Ihrer Freunde. Daran gehalten haben Sie sich noch nie.«

»Ich mache Sie danach zum Senior Consultant. Sie wissen, was das heißt.« Ihr Boss schaute ihr direkt in die Augen.

Oh ja, Caroline wusste, was das hieß: 125.000 Pfund pro Jahr plus Provision plus Firmenwagen plus Spesenpaket deluxe. Sie erwiderte den Blick. Leider waren McKinseys Augen genauso ausdruckslos wie der Rest seines Pokerface.

„Nur, wenn Sie mir das schriftlich geben«, forderte sie deshalb. Sie hatte keine Lust, wieder auf eines seiner leeren Versprechen hereinzufallen.

»Caroline.« Das klang, als rügte McKinsey seine fünfjährige Tochter.

Natürlich hatte der Mann überhaupt keine Kinder, sie würden nicht zu seinem exzentrischen Lebensstil passen. Der überzeugte Junggeselle verbrachte die Abende am liebsten in seinem exklusiven Herrenclub bei Whisky und Zigarren. Wenn man den Gerüchten glauben durfte, war er trotz seines fortgeschrittenen Alters auch der ein oder anderen blutjungen Escortlady nicht abgeneigt. Aber Caroline hatte sich nicht hochgearbeitet, indem sie dubiosen Halbwahrheiten hinterherschnüffelte oder sich gar ihrem Boss an den Hals schmiss. Sie hatte ihre Position durch harte Arbeit und strategisches Vorgehen erreicht. Und genau darauf würde sie sich auch in Zukunft konzentrieren.

»Ich will die schriftliche Zusage vor der Abreise auf meinem Schreibtisch haben. Sonst kann sich ihr komischer Lord seine Steuerhinterziehung, oder was auch immer ihn quälen mag, sonst wo hinstecken.« Caroline funkelte ihren Boss wütend an und eilte dann aus dem Büro, ohne sich zu verabschieden. Das Verhalten hatte sie sich von den erfolgreichen Senior Beratern in der Kanzlei abgeschaut. Niemals Schwäche zeigen, niemals unsicher wirken, lautete die Devise in der Geschäftswelt. Und Caroline war eine Meisterin darin, ihre wahren Gefühle zu verstecken. Schließlich hatte sie ihre ganze Kindheit lang in dem abgefuckten Ghetto Aylesbury Estate Gelegenheit dazu gehabt, diese Fähigkeit zu perfektionieren.

Als Caroline am nächsten Morgen ihr winziges Büro betrat, traute sie kaum ihren Augen. Auf ihrem Schreibtisch stand ein Paar Gummistiefel. Wütend schleuderte sie die Tür hinter sich ins Schloss und griff nach der Karte, die neben den Schuhen lag. Auf der Vorderseite prangte das Panorama der schottischen Highlands, sehr grün, sehr idyllisch. Auf der Rückseite stand in McKinseys gestochen scharfer Handschrift eine Botschaft, die nicht gerade dazu beitrug, ihre Laune zu heben.

Verehrte Mrs. Thomas,

das Wetter in den Highlands kann sehr wechselhaft sein.

PS: Sie haben doch ernsthaftes Interesse an der Senior Beraterstelle? Beweisen Sie es!

In Erwartung bester Ergebnisse,

Timothy McKinsey

Dieser widerwärtige Tyrann! Caroline konnte ihren Boss bildlich vor sich sehen, wie er die spitze Feder seines Fünftausend-Dollar-Füllers mit süffisantem Grinsen über das Papier gleiten ließ. Aufgebracht griff sie nach den grünen Edelgummistiefeln, deren Marke auch Queen Mum vertraute, wenn sie über den nebelfeuchten Rasen von Windsor Castle schritt – eine Demütigung musste man in den Augen McKinseys schließlich stilvoll begehen.

»Hast du das gesehen?« Sie knallte die Stiefel so fest auf Mollys Schreibtisch, dass die Sekretärin erschrocken nach ihrer Kaffeetasse griff, um ein Überschwappen zu verhindern. »Eine Gemeinheit ist das, eine ganz große Gemeinheit. Weißt du, wann er das getan hat?«, tobte Caroline weiter. Sie war so wütend, dass sie am liebsten etwas gegen die Wand geworfen hätte.

»Caroline, beruhige dich. Du kennst ihn doch.« Molly verzerrte ihre knallrosa geschminkten Lippen zu einem mitleidigen Lächeln. Sie war seit den ersten Tagen der Kanzlei mit an Bord und konnte sich einige Extravaganzen erlauben, die bei anderen Mitarbeiterinnen unverzüglich zur Kündigung geführt hätten. Knallrosa Lippen zum Beispiel. Und verruchte Leopardenkleidchen, die die Fülle der beinahe Sechzigjährigen nur schwerlich bedeckten.

»Er sollte mir den Vertrag für die Senior Stelle auf den Schreibtisch legen. Nicht diese Sumpfpuschen«, wetterte Caroline. »Und dazu diese Erpresserkarte! Ich sag’s dir, ich hätte große Lust zu kündigen und den ganzen Mist hinzuschmeißen. Aber vorher würde ich dem widerlichen alten Sack noch die Meinung geigen!« Ihre Stimme war laut geworden, was sie sich nur erlauben konnte, weil Molly und sie stets die Ersten waren, die die Kanzlei betraten.

Je höher die Stellung der Angestellten war, desto später erschienen sie im Büro. Es konnte durchaus zehn Uhr werden, bis Hochwürden himself die Ehre hatte, seine heiligen Hallen zu betreten. Manchmal tauchte er auch erst nach dem Lunch auf, den er natürlich mit überaus wichtigen Geschäftskunden in überaus exklusiven Restaurants eingenommen hatte.

»Das wirst du nicht tun.« Molly beugte sich über den Schreibtisch und griff nach Carolines Händen. »Schmeiß nicht alles weg, was du dir erarbeitet hast. Wenn du es schaffst, unter Timothy McKinsey groß zu werden, kann dir nichts und niemand mehr im Leben etwas anhaben.« Sie blinzelte Caroline verschwörerisch zu.

»Dein Wort in Gottes Ohr.« Caroline verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse.

Wenn Molly nicht hier wäre, hätte sie wahrscheinlich schon längst das Handtuch geschmissen. Aber genau wie sie selbst verfügte die Sekretärin nicht über einen ellenlangen Stammbaum, sondern hatte sich aus einfachsten Verhältnissen zur rechten Hand des Bosses hochgearbeitet. Das schweißte die beiden Frauen seit dem ersten Augenblick ihres Kennenlernens zusammen.

»Vielleicht wird es ja ganz schön«, tröstete Molly sie. »Die Highlands sollen zu dieser Jahreszeit herrlich sein. Und nachher kann er wirklich nicht mehr aus, was die Beförderung betrifft.«

Das Pling der öffnenden Aufzugtüren kündigte das Eintreffen der ersten Mitarbeiter an. Molly nahm einen Schluck Kaffee und richtete schnell ihren unanständig tiefen Ausschnitt – ohne großen Erfolg. Jeder Interessierte konnte bereits mit einem flüchtigen Blick den roten Spitzen-BH der Sekretärin und ihre nicht gerade unerhebliche Oberweite bewundern. Caroline machte sich grinsend zurück auf den Weg in ihr Büro – Verschlag wäre eigentlich treffender – und dankte dem Himmel, dass er statt einem Engel Molly zu Expert Consulting Ltd. geschickt hatte. Ohne sie würde sie diesen Wahnsinn hier nicht aushalten.

»Hiiiiiiiiiii Caroline!« Die schrille Stimme ließ sie zusammenzucken.

»Diana«, erwiderte Caroline matt und klammerte sich an den Griff ihrer Bürotür wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz im Meer.

Wie gerne würde sie die dumme Tussi einfach stehenlassen. Aber das wäre keine gute Idee. Bei Diana handelte es sich nämlich um ihre größte Konkurrentin. Auch sie spekulierte auf die Senior Beraterstelle – und obwohl sie Caroline fachlich nicht das Wasser reichen konnte, hatte sie einige Trümpfe in der Hinterhand:

1. Dianas Eltern verkehrten in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen wie Timothy McKinsey. Carolines Mutter hingegen verkehrte gar nicht, wenn, dann schlurfte sie. Mit Vorliebe zur Tankstelle, um sich noch ein Bier zu holen.

2. Diana hatte in Oxford und Cambridge studiert, anstatt wie Caroline nur an der London South Bank University.

3. Gäbe es eine Unternehmensberater-Barbie, sähe sie aus wie Diana: Ebenmäßige Gesichtszüge, ein glänzender Bob in goldenem Blond – stets akkurat geschnitten und geföhnt – blaue, unschuldige Augen, die perfekt den biestigen Charakter kaschierten. Carolines Attraktivität hingegen erschloss sich erst auf den zweiten Blick. Sie hatte nicht das Gesicht einer klassischen Schönheit, aber ihre Augen strahlten in einem wachen Schiefergrau und ihre sinnlichen Lippen offenbarten dem genauen Beobachter, dass sie keineswegs so spröde war, wie sie sich gerne gab.

Trotzdem, Diana stand in der Welt der Unternehmensberatung einfach besser da. Hier regierte Schein vor Sein, Selbstdarstellung gehörte zum Handwerkszeug. Ein Handwerkszeug, das Diana aus dem Effeff beherrschte.

Caroline hatte zwar von Anfang an versucht, mit Leistung und Fleiß dagegenzuhalten, aber dabei handelte es sich um ein nervenraubendes und möglicherweise auch hoffnungsloses Unterfangen. McKinsey hatte den Spaß seines Lebens, Diana und sie bei ihren Machtspielchen zu beobachten. Und zum großen Ärger Carolines tat er nichts, um die Spannung herauszunehmen, ganz im Gegenteil, er stachelte sie sogar noch zu verstärktem Konkurrenzdenken an.

»Du fliegst in die Highlands, habe ich gehört? Ich bin ja soooooooo neidisch auf dich. Im August soll es ja traumhaft sein dort.« Diana verdrehte genießerisch die blauen Kulleraugen.

Falsche Schlange, dachte Caroline, zwang sich aber zu einem breiten Lächeln und versuchte, die Gummistiefel hinter ihrem Rücken zu verbergen.

»Ja, ich freue mich auch schon sehr. Es ist immer eine große Ehre, für einen von McKinseys alten Freunden zu arbeiten. Das beweist, wie viel Vertrauen er in einen hegt.«

»Da sagst du es wieder, Caroline. Ich bin ja soooooo enttäuscht, dass er mich nicht gefragt hat, aber okay, Gransmith & Taylor ist auch nicht schlecht. Man kann eben nicht alles haben, nicht wahr?«

Es kostete Caroline fast übermenschliche Kraft, den Schrei, der gerade in ihrem Inneren entstand, zu unterdrücken. Dieser miese Lurch McKinsey!

Am nächsten Tag zwängte sich Caroline genervt auf ihren Fensterplatz in der Economy Class. Die Senior Berater flogen Businessclass, streckten gemütlich ihre Beine aus und schlurften Champagner. Sie hingegen musste sich neben einen alten Sack quetschen, dessen Duftwolke – ein Gemisch aus Old Spice, Mottenkugeln und Mundwasser – Übelkeit bei ihr verursachte. Der grauhaarige Typ mit strichfeinem Oberlippenbärtchen und albernen Koteletten lächelte sie väterlich an. Aber Caroline machte sich nichts vor. Sie kannte dieses gütige Lächeln. Es saß im Gesicht jener Typen, die anfangs recht freundlich taten und dann ganz zufällig ihre Hand auf deinem Arsch platzierten oder aus Versehen deine Brust streiften.

Caroline steckte sich sofort die Kopfhörer in die Ohren und spielte an ihrem iPhone herum, um zu demonstrieren, dass sie keinerlei Kontakt wünschte. Der Mann zog eine Schnute und vertiefte sich in seine Tageszeitung.

Kapitel 3 Douglas

Kartoffeln.

Schon wieder.

Douglas stocherte lustlos auf seinem Teller herum. Er hatte das Gefühl, seit Wochen nur noch Kartoffeln zu essen. Kartoffelbrei, Bratkartoffeln, Kartoffelgratin, Kartoffeln mit Steckrüben, Kartoffelsuppe – wann hatte er eigentlich das letzte Mal ein Stück Fleisch verzehrt? Es würde sich nicht vermeiden lassen, mit Murray Rücksprache zu halten. Der betagte Butler musste ein schärferes Auge auf seine Frau Mairead haben. Ihre Kreativität beim Erstellen der Einkaufslisten verhielt sich anscheinend umgekehrt proportional zu ihren ansteigenden Lebensjahren.

Versonnen kaute Douglas ein Stück Bratkartoffel. Murray und Mairead – wie alt waren die beiden eigentlich? Hundert? Sie hatten schon hier gearbeitet, als er noch ein Kind war. Gut, er war erst Siebenundreißig, aber trotzdem. Der Butler und die Haushälterin mussten uralt sein und er sollte sie endlich in den wohlverdienten Ruhestand schicken. Doch wer führte ihm dann den Haushalt? Murray und Mairead waren die letzten verbliebenen Angestellten auf Artbuthnott Castle, alle anderen hatten bereits vor Jahren die Flucht ergriffen. Verständlich, wer arbeitete schon gerne ohne regelmäßiges Gehalt? Trotzdem, der ein oder andere hätte durchaus etwas mehr Loyalität beweisen können.

Douglas schob den Teller von sich und seufzte laut. Wo gingen sie nur hin, die Tugenden der guten alten Zeit? Es zählte nur noch das Geld auf dieser Welt, nichts sonst. Ein Jammer, wahrlich.

»Hat es Ihnen geschmeckt, Laird?«, riss ihn die Stimme seines Dieners aus den Gedanken.

Douglas zwang sich zu einem freundlichen Nicken. »Ganz wunderbar, Murray, ganz wunderbar. Nur eine Frage hätte ich: Führen Sie ein geheimes Experiment durch, das zeigt, wann ein Mensch, der sich ausschließlich von Kartoffeln ernährt, an Nährstoffmangel stirbt?«

Der Butler sah ihn verdutzt an. »Ich glaube, ich verstehe nicht, Laird.«

»Kartoffeln.« Douglas deutete auf den Teller. »Schon wieder. Nur noch. Immer. Seit Wochen. Oder Monaten? Es ist ein Trauerspiel.«

»Oh.« Der Butler machte ein betrübtes Gesicht und blickte beschämt zu Boden.

»Ist Mairead überfordert mit dem Führen der Küche? Soll ich ein paar Gerichte vorschlagen? Wir hatten schon lange keine Austern mehr. Oder Lachs. Und Hummer, wann gab es eigentlich zuletzt Hummer? Soll ich mit Mairead sprechen oder möchten Sie das tun?«

Douglas schenkte seinem Angestellten ein freundschaftliches Lächeln. Es war wichtig, Kritik vorsichtig und vor allem positiv zu formulieren, sonst demotivierte man die Leute.

»Es ist so, Laird, ähm, also …«, druckste der Butler herum.

»Nur keine falsche Scham, Murray. Immer heraus mit der Sprache. Sie wissen, Sie können vollkommen offen zu mir sein. Die Zeiten meines cholerischen Vaters – Gott hab ihn selig – sind zum Glück vorbei.«

Der Diener räusperte sich und antwortete dann mit erstaunlich fester Stimme.

»Die Haushaltskasse ist leer. Genauso wie unser Gehaltskonto. Wir zahlen Ihre Speisen von unserem Ersparten.« Sofort nach dem Aussprechen der Worte senkte der Butler wieder den Blick und fixierte seine glänzenden Schuhspitzen.

Douglas spürte einen Anflug von Betroffenheit. Diese Tatsache war nun doch etwas unangenehm. Um nicht zu sagen peinlich.

»Sie meinen, die Bank hat Ihnen das letzte Gehalt nicht überwiesen? Ich werde sofort mit Mr. Cameron Rücksprache halten, damit er diesen Fehler umgehend korrigiert.«

»Ähm, Laird«, der Butler hob vorsichtig seinen Blick und schaute seinem Boss in die Augen, »es handelt sich um die Gehälter der vergangenen sieben Monate.«

»Oh.« Diesmal war es Douglas, der betreten seine Schuhspitzen fixierte. Es war wohl die richtige Entscheidung gewesen, Timothy um Hilfe zu bitten.

Aus Gewohnheit warf er einen Blick auf die antike Wanduhr, nur um zu bemerken, dass sie nicht mehr an der altvertrauten Stelle hing.

Ach ja, die Stromrechnung …

Oder war es das Wasser?

Hilflos deutete Douglas auf sein nacktes Handgelenk – seine letzte Rolex war für die Reparatur der Heizung draufgegangen. Murray verstand sofort.

»Es ist 12.20 Uhr, Laird. Wir sollten uns demnächst auf den Weg zum Flughafen machen.«

Kapitel 4 Caroline

»Herrlich – von wegen!«, schimpfte Caroline.

Sie trat aus dem Flughafengebäude und stellte sich unter das Vordach, auf das der strömende Regen prasselte. Vielleicht sollte sie gleich die Gummistiefel aus dem Koffer holen, bevor sie sich ihre sündhaft teuren L.K. Bennett Pumps versaute. Sie kam sich sowieso total overdressed vor, wenn sie sich hier so umschaute. Während in Londons Geschäftsviertel beinahe alle mit Anzügen oder klassischen Businesskostümen herumirrten, schien die Kleiderordnung in den Highlands um einiges legerer auszusehen.

Caroline zog den eleganten Trenchcoat enger um ihren Körper und ließ den Blick über den Vorplatz schweifen. Es hieß, sie würde abgeholt werden. Doch weder im Inneren des Gebäudes noch hier draußen schien sich irgendjemand für sie zu interessieren.

Gerade, als Caroline auf ihrem Handy nach eventuellen Nachrichten zu suchen begann, hörte sie ein grummelndes Tuckern näherkommen. Erschrocken schaute sie auf. Ein seltsames Gefährt kam auf sie zu und hielt direkt vor ihren Füßen. Es handelte sich um eine Art Militärjeep und hatte weder eine Frontscheibe noch ein Dach. Am Steuer saß ein junger, ziemlich gut aussehender Typ, der aber einen Friseurbesuch notwendig gehabt hätte. Vom Beifahrersitz sprang erstaunlich behände ein alter Mann. Er trug Butlerlivree unter dem bodenlangen Regenmantel, in der Hand hielt er einen riesigen, bunten Schirm.

»Mr. Thomas?«, fragte er, korrigierte sich nach einem Zurechtrücken der Brille und einem verlegenen Räuspern allerdings sofort selbst und machte eine Mrs. daraus. »Bitte nehmen Sie am Beifahrersitz Platz, von hinten kann ich den Regenschirm besser über die Herrschaften halten.« Nachdem er ihr Gepäck im Kofferraum verstaut hatte, hielt er ihr galant die Wagentür auf.

Wollen die mich verarschen?, fragte sich Caroline und schaute sich um, ob irgendwo eine versteckte Kamera lauerte.

»Bitte sputen Sie sich, meine Verehrteste, es beginnt, unangenehm feucht auf meinem Kopf zu werden«, forderte sie der Fahrer des Wagens auf.

Nach einem letzten verzweifelten Blick stieg sie ein.

»Sie müssen entschuldigen, dass ich das Fahrzeug selbst lenke, aber bei Regen kann Murray nicht fahren, weil er den Schirm halten muss. Ich bin Laird Douglas Grant Dorchadas Arbuthnott of Oldshoremore«, stellte sich der Fahrer vor und streckte Caroline seine nasse Hand entgegen.

Das sollte dieser Adlige sein?

Caroline griff unwillig nach der Hand und musterte den Mann skeptisch. Sie hätte mit jemandem in McKinseys Alter gerechnet, also um die sechzig. Der Typ hier war keine vierzig, aber ganz offensichtlich ein Spinner. Oder warum kurvte er bei diesem Wetter mit einem solchen Vehikel herum? War das die Exzentrik des Adels, die in der Regenbogenpresse immer wieder betont wurde?

»Caroline Thomas«, presste sie hervor, »schön, Sie kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits, Mrs. Thomas.« Douglas Arbuthnott schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln und lenkte die Höllenmaschine vom Parkplatz.

Caroline spürte den Sitz unter sich vibrieren, der Motor wummerte. Sie kam sich vor, als würde sie in einem Panzer sitzen.

»Verzeihen Sie bitte meine Indiskretion, Mrs. Thomas, aber was treibt eine Frau in die kalte Welt der Unternehmensberatung? Als Timothy mir versicherte, seinen besten Mann zu schicken, hatte ich tatsächlich mit einem solchen gerechnet.«

»Na ja, irgendwie muss ja auch Frau ihren Lebensunterhalt verdienen, oder?«, fragte Caroline sarkastisch.

»Sind Sie denn nicht verheiratet?« Der Laird warf ihr einen erschrockenen Blick zu, schaute dann aber sofort wieder zur Straße. Das Fahren ohne Scheibenwischer bei diesem Wetter forderte seine volle Konzentration.

»Nein, ich bin nicht verheiratet. Und selbst, wenn – ein Mann ist doch nicht dafür da, die Frau durchzufüttern.«

»Wieso sagen Sie das so aufgebracht? Das klingt ja beinahe so, als wäre es etwas Unanständiges, wenn der Mann die Familie ernährt. Dabei ist das von der Natur so gewollt.«

»Dann nehme ich an, dass Sie ebenfalls Single sind?«, fragte Caroline zynisch.

Sie war sich der Respektlosigkeit durchaus bewusst, aber es war ihr egal. Sie hatte verstaubte Ansichten noch nie leiden können.

»Sie meinen, weil ich Ihre Hilfe in Anspruch nehme? Seien Sie unbesorgt – es muss sich bei den momentanen finanziellen Engpässen um einen Irrtum der Bank handeln. Ich bin schrecklich unbegabt darin, meine Finanzen zu verwalten.«

Der Butler auf der Rückbank machte ein komisches Geräusch, ein Glucksen, ähnlich einem Schluckauf, doch er sagte nichts.

»Meine Ehelosigkeit hingegen hat andere Gründe«, fuhr Douglas Arbuthnott fort und furchte verdrossen die Stirn.

»Und welche, wenn ich fragen darf?«, erkundigte sich Caroline neugierig.

Am Aussehen konnte es nicht liegen. Der Mann hatte definitiv Charisma. Sein Profil war klassisch – gerade Nase, volle Lippen, hohe Wangenknochen, energischer Kiefer, die Augen dunkel, beinahe schwarz. Sein volles Haar schimmerte in einem hellen Braunton, hatte aber einen Rotstich, das konnte man erkennen, obwohl es nass war. Mit einem ordentlichen Schnitt würde es sicher toll aussehen, im Moment wirkte es etwas ungepflegt, es fiel lang und strähnig bis fast auf die Schultern.

Der Laird schien die Frage nicht anrüchig zu finden, denn er antwortete bereitwillig.

»Ach wissen Sie, die Bekanntschaft einer Frau meines Standes zu machen, die alle Voraussetzungen erfüllt, um mein Herz zu erobern, ist beinahe ebenso schwierig, wie eine Partie Golf mit einem Holzstock zu gewinnen. Nein, ich muss mich korrigieren. Es ist im Grunde unmöglich, wobei es bei der Partie Golf auf den Gegner ankommt.«

Caroline stöhnte. Das konnte ja heiter werden mit diesem Typen. Er war geistig irgendwo im 19. Jahrhundert hängengeblieben.

Oder im 18. Jahrhundert.

Auf jeden Fall klangen seine Ansichten wie von gestern. Schon allein diese gestelzten, umständlichen Formulierungen. Ein Graus! Caroline liebte es geradeheraus, mit taktvoller Zurückhaltung hatte sie nicht viel am Hut. Ihrer Erfahrung nach verzögerte das die Dinge nur, anstatt sie aus der Welt zu schaffen.

Nachdem sie etwa dreißig Minuten im Schneckentempo dahingekrochen waren, schob sich plötzlich die Sonne durch die Wolken und der Regen hörte schlagartig auf. Der Laird hielt an, um den Butler ans Steuer zu lassen, und bat Caroline, sich mit ihm auf die Rückbank zu setzen.

»So, den Rest der Strecke werden wir in zügigerem Tempo zurücklegen«, sagte er erfreut. »Die Offenheit des Wagens lässt nur bei schlechter Witterung keine hohen Geschwindigkeiten zu, ansonsten sorgt der erstaunlich zugstarke Motor für ein geradezu komfortables Fahrgefühl«, schwärmte Douglas Arbuthnott wie ein Autohändler.

»Bis auf die Lautstärke«, warf Caroline ein.

»Wie bitte?«, fragte der Laird, hielt sich die Hand ans Ohr und rutschte ein Stück näher zu ihr. So nah, dass sein Knie für kurze Zeit ihr Bein berührte.

Caroline zuckte zusammen, als wäre ein Stromschlag durch ihren Körper gejagt.

Verdammt, der Mann brachte sie durcheinander.

Sie musste sich zusammenreißen. Er wäre nicht der erste Klient, der versuchte, durch körperliche Annäherung Vorteile in ihrer Beurteilung zu erwirken. Jedoch einer der ersten, den sie wirklich sexy fand.

Aber sie war unbestechlich, genau deshalb hatte sie es trotz ihrer Herkunft so weit gebracht. Zwar wurde sie hinter ihrem Rücken die eiserne Lady genannt, aber das war Caroline egal. Das Einzige, was zählte, waren ihre Abschlussberichte. Und die gehörten zu den brillantesten der Branche.

Außerdem würde sie ihr Herz garantiert nicht an einen Adligen verlieren. Selbst, wenn es sich nur um niederen Landadel handelte, konnte sie den Standesdünkel förmlich riechen.

»Ein herrlicher Duft, den ein Sommerregen hinterlässt, finden Sie nicht auch?« Der Laird fächelte begeistert mit seinen Händen den Fahrtwind an ihre Nasen, zweimal streifte er dabei Carolines linken Nasenflügel.

Ihn schienen die Berührungen vollkommen kalt zu lassen, auf jeden Fall ließ er sich nichts anmerken. Vielmehr verfiel er in einen schwärmerischen Monolog über sein Heimatland. »Schottland ist der mit Abstand wunderbarste Fleck auf unserem Planeten, ich möchte nirgendwo anders leben, glauben Sie mir. Und ich habe die ganze Welt bereist. Hier zu meiner Rechten sehen sie den Dornoch Firth, ein Meeresarm der Nordsee. Wenn Sie östlich der Straße folgen, gelangen Sie zum berühmten Skibo Castle. Ein wunderschönes altes Schloss, aber leider dem Kommerz verfallen. Nachdem es ein Geschäftsmann gekauft hatte, funktionierte er es in einen privaten Mitgliederclub um. Madonnas Hochzeit mit Guy Ritchie wurde beispielsweise dort ausgerichtet. Mit Familientradition hat das nichts mehr zu tun, eine Schande, wie ich finde.«

»Warum? Die Nutzungsansprüche an solche Gebäude ändern sich eben über die Jahrzehnte. Es ist doch viel effektiver und sinnvoller, sie neuen Zwecken zuzuführen, als sie dem allmählichen Verfall preiszugeben.«

»Pah, sinnvoll und effektiv, was für hässliche Worte! Es gibt Dinge im Leben, die sind darüber erhaben. Der Familienbesitz ist heilig, er darf nicht einfach verscherbelt oder der Tourismusindustrie zum Fraß vorgeworfen werden. Allein der Gedanke lässt mich erschaudern, nicht wahr, Murray?«

»Sehr wohl, Laird«, kam es teilnahmslos, aber wie aus der Pistole geschossen aus dem Mund des Butlers.

Caroline sah aus den Augenwinkeln, wie Douglas Arbuthnott zufrieden nickte. Wenigstens ein Mensch im Wagen teilte seine Meinung, was ihn augenscheinlich beflügelte, denn ein verklärtes Lächeln blieb auf seinen Lippen haften.

Sie wandte den Blick ab und betrachtete die vorbeirauschende Landschaft. Satte, grüne Wiesen, auf denen Schafherden grasten, sanft geschwungene Hügel und natürlich immer wieder pinkblühende Disteln am Wegesrand, die Nationalpflanze Schottlands. Caroline bildete sich ein, das salzige Meer riechen zu können, was vielleicht eine Einbildung war. Aber trotzdem, nach dem vielen Grau im Londoner Alltag war die Fahrt durch die wilde Landschaft ein wahres Feuerwerk für die Sinne.

Auch, wenn Caroline ahnte, dass sie diesem seltsamen Adligen in den nächsten Tagen des Öfteren widersprechen würde, bei einer Sache musste sie ihm zustimmen: Schottland, besonders die Highlands, waren wirklich ein Paradies auf Erden.

»Und nun – Trommelwirbel – überschreiten wir die unsichtbare Schwelle zu den Ländereien des Laird of Oldshoremore.« Douglas streckte die Arme von sich und wies in die Landschaft. »Nicht mehr lang, und ich darf Sie in meinem Zuhause begrüßen.«

Tatsächlich, nach insgesamt drei Stunden Fahrt passierte das Fahrzeug eine Hofeinfahrt, die ziemlich verlottert aussah. Das schmiedeeiserne Tor stand offen und hing schief in den Scharnieren, schließen ließ es sich wohl seit Jahren nicht mehr. Der gepflasterte Weg zum Schloss war mit Unkraut überwuchert und auch die Bäume der Allee hätten dringend einen Schnitt nötig gehabt. Man musste in dem offenen Wagen teilweise in Deckung gehen, um nicht von einem herabhängenden Ast getroffen zu werden.

Der Butler stoppte den Wagen vor einem einst sicherlich beeindruckenden Eingangsportal. Der abbröckelnde Putz und die verlotterte Fassade schmälerten den pompösen Eindruck allerdings erheblich. Eine mächtige Steintreppe aus schmutzigem Marmor führte zur stattlichen Eingangstür aus morschem Holz. Caroline hörte im Geiste bereits das filmreife Quietschen. In angelaufenen Tontöpfen fristeten halbvertrocknete Koniferen ihr trauriges Dasein. Verwilderte Rosenstöcke rankten sich ungebändigt die Hausmauer hinauf. Sie hätten dringend der geschulten Hand eines Gärtners bedurft.

Caroline seufzte. Wenn sie sich hier so umschaute, glaubte sie ehrlich gesagt nicht daran, dass es sich um momentane finanzielle Engpässe handelte. Viel eher schien es so, als wäre der Sparstrumpf des Laird schon seit längerer Zeit ähnlich löchrig wie die Damastvorhänge, die sich hinter den gesprungenen Fensterscheiben im Wind bauschten.

Kapitel 5 Douglas

»Sind Sie sicher, dass Sie sofort zu arbeiten beginnen wollen?«, fragte Douglas am nächsten Morgen. »Ich könnte Sie erst einmal herumführen, es lohnt sich, Arbuthnott Castle zu besichtigen, glauben Sie mir.«

Die Unternehmensberaterin schüttelte entschieden den Kopf. »Vielen Dank für das Angebot, aber ich würde mir gerne schnellstmöglich einen Überblick verschaffen. Zeit ist Geld – und wie es mir scheint, könnten Sie dringend welches gebrauchen.«

Douglas kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Es ist mir äußerst unangenehm, Ihnen in dieser Hinsicht zustimmen zu müssen. Aber ich bin überzeugt, dass lediglich ein Fehler in der Buchführung vorliegt. Nur hatte ich bisher keine Gelegenheit, mich darum zu kümmern, wenn Sie verstehen.«

»Nein. Verstehe ich nicht. Was gibt es Wichtigeres, als seine Finanzen in Ordnung zu halten?«

Herrje, was hatte Timothy denn da für einen Pitbull geschickt? Douglas stöhnte.

»Verständlich, dass Sie als Unternehmensberaterin das sagen. Aber ein Mann meines Standes hat zahlreiche Verpflichtungen, denen er nachkommen muss – da kann ein Brief der Bank schon mal untergehen.« Er lächelte Caroline Thomas gewinnbringend an. Das hatte bisher noch jedes Frauenherz erweicht.

Die toughe Londonerin jedoch blieb hartnäckig. »Verzeihen Sie meine Direktheit, Laird, aber bereits wenige Blicke reichen aus, um mich davon zu überzeugen, dass die Bank sicherlich mehr als einen Brief geschrieben hat.« Sie zeigte auf die kahlen Stellen an der Wand, an denen einst teure Ölgemälde hingen, von deren Existenz aber nur noch dunkle Schatten zeugten.

»Ach, die Bilder! Die sind bei der Restauration.«

Caroline Thomas warf ihm einen Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, was sie von seiner Antwort hielt.

Douglas räusperte sich. »Gut, möglicherweise war es mehr als ein Schreiben, aber …«

»Bringen Sie mich einfach zu Ihren Unterlagen. Ich verschaffe mir dann selbst einen Überblick über die Lage.«

Douglas ging gemächlichen Schrittes voraus in sein Arbeitszimmer. Auf dem Weg dahin ließ er es sich nicht nehmen, immer wieder auf besondere Details von Arbuthnott Castle hinzuweisen.

»Diese Holzvertäfelung hier stammt aus Afrika. Mein Urgroßvater Laird Lachlan Logan Douglas Llewellyn Arbuthnott of Oldshoremore fuhr zur See, müssen Sie wissen.« Begeistert glitten seine Hände über die mit feinen Intarsien versehene Schnitzarbeit. »Eine Vertäfelung dieser Art ist einzigartig in ganz Schottland. Sie müssen sich die Elefanten einmal genauer ansehen, unglaublich, diese Liebe zum Detail, nicht wahr?«

Die Unternehmensberaterin warf einen kurzen Blick darauf. »Wirklich beeindruckend. Aber nun bringen Sie mich bitte zu Ihren Bilanzen, ich denke, es wartet jede Menge Arbeit auf mich.«

Douglas stöhnte. Der Untergang des Abendlandes war abzusehen, wenn die Leute aufhörten, sich für Kunst und Kultur zu interessieren. Alles was zählte, war Geld. Doch warum? Geld erfreute vielleicht den Geist, aber niemals das Herz. Obwohl er zugeben musste, dass ihn seine gegenwärtige Situation auch nicht gerade Luftsprünge vollführen ließ.

»Hier herein, bitte.« Er öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer und genoss den verblüfften Gesichtsausdruck der Unternehmensberaterin.

Douglas kannte die Reaktion nur zu gut – der Raum war atemberaubend. Vielmehr eine Bibliothek als ein Büro, erstreckte er sich über zwei Stockwerke. Dunkle Edelholzregale bedeckten die hohen Wände, tausende Buchrücken reihten sich darin aneinander. Bodentiefe Sprossenfenster gaben den Blick auf den, zugegebenermaßen etwas verwilderten, Park und die anschließende Küste frei.

Douglas mochte diesen Raum von allen Räumen des Schlosses am meisten. Wie all seine Vorfahren verband ihn eine tiefe Liebe zu Büchern. Obwohl er mittlerweile eine ganze Menge des Schlossinterieurs zu Geld gemacht hatte – niemals würde er einen der wertvollen Bände verhökern. Das käme ihm wie Frevelei, wie ein Pakt mit dem Teufel, wie Gotteslästerung, vor.

Auch Caroline Thomas schien der Magie der Bibliothek sofort zu verfallen. Zielstrebig steuerte sie das Regal mit den Erstausgaben an.

»Oh mein Gott! Dickens, Shakespeare, Wolf, Orwell, Austen, Tolkien …« Ungläubig starrte sie Douglas an. »Sie wissen, dass hier ein Vermögen steht?«

»Ja, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Allerdings möchte ich betonen, dass ich den immateriellen Wert der Bücher als grenzenlos einstufe. Wie es um meine Finanzen auch immer stehen mag – denken Sie gar nicht daran, auch nur eines dieser Bücher zu verkaufen.«

»Eher helfe ich Ihnen, diesen Schatz beiseitezuschaffen«, sagte die Unternehmensberaterin und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

Ein Ruck ging durch Douglas’ Körper. Er hatte die junge Frau bis jetzt noch gar nicht bewusst angesehen, warum auch, als mögliche Partnerin kam sie aufgrund ihrer Herkunft sowieso nicht in Frage. Und alle anderen Menschen sollte man nicht nach ihrem Äußeren beurteilen. Doch das Strahlen in ihren Augen ließ ihn einen zweiten Blick investieren.

Noch nie hatte er eine Frau getroffen, die beim Anblick seines Bücherregals in Begeisterungsstürme ausgebrochen war. Er trat einen Schritt auf sie zu und sah ihr direkt in die Augen. Sie waren von einem seltenen Schiefergrau und leicht schräg gestellt, wodurch sie geheimnisvoll wie die einer Katze wirkten. Ein schräger Pony versteckte ihre hohe Stirn, die analytischen Verstand versprach. Und dann diese Lippen! Sünde pur, fast so, als hätte die Natur für einen Ausgleich gesorgt und der strengen intellektuellen Gesinnung eine gehörige Portion Sinnlichkeit verpasst. Wie gerne würde er wissen, wie sie sich anfühlten, wie es war, ihre pralle Weichheit auf …

Douglas räusperte sich und streckte der Unternehmensberaterin förmlich die Hand entgegen. »Wir sind Verbündete. Das spüre ich. Nennen Sie mich Douglas.«

Ein spöttisches Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, als sie nach seiner Hand griff. »Caroline. Aber verstoßen wir damit nicht gegen sämtliche Sitten und Gebräuche des Adelsstandes?«

»Sei unbesorgt: Das nehme ich voll und ganz auf meine Kappe«, antwortete Douglas wie aus der Pistole geschossen. Caroline bekam einen Lachkrampf.

»Du nimmst diesen Adelskram wirklich ernst, oder?«

»Wie meinst du das?«, fragte er ehrlich entrüstet.

Caroline lachte noch lauter, ihr liefen schon die Tränen über die Wangen.

»Na, das sind ja Manieren«, kommentierte Douglas das ungehörige Benehmen und schüttelte unwillig den Kopf.

Traditionen waren nichts, worüber man sich lustig machte. Sie hielten die Gesellschaft zusammen, sorgten für Struktur und Ordnung. Ein Fehlen von Traditionen konnte die Menschheit in tiefe Sinnkrisen stürzen, eine Erscheinung, die jeder aufmerksame Zeitungsleser mitverfolgen konnte.

Aber gut, was erwartete er auch von einer Karrierefrau, die den Sinn ihres Lebens darin sah, das Geld anderer Menschen zu verwalten, zu sortieren oder zu vermehren. Wer in der Finanzwelt agierte, hatte selten einen Sinn für humanistische Ideale. Selbst, wenn diese Person allen Anschein nach Literatur liebte und die sinnlichsten Lippen dieses Planeten besaß.

»Bitte entschuldige«, sagte Caroline, nachdem sie sich beruhigt hatte. »Aber du wirkst, als wärst du aus der Zeit gefallen.«

»Und du bist sehr direkt – eine eher ungewöhnliche Eigenart für eine Unternehmensberaterin, wie ich annehme? Von Timothy bin ich solches Verhalten jedenfalls nicht gewohnt. Er kennt die Etikette wie seine Westentasche.« Douglas funkelte Caroline wütend an.

Seine Rüge hörte sich zwar an wie die eines beleidigten Schulmädchens, aber trotzdem schien sie Wirkung zu zeigen. Beim Namen ihres Bosses zuckte Caroline sichtlich zusammen.

»Natürlich, wie unpassend von mir. Bitte entschuldigen Sie. Am besten, Sie bringen mich jetzt einfach zu Ihren Unterlagen.« Caroline warf ihm mit leicht gesenktem Kopf einen versöhnlichen Blick zu, eine feine Röte zierte ihre Wangen.

Er griff nach Carolines Hand und sah ihr fest in die Augen. »Wir bleiben beim Du. Das Wort eines Arbuthnott hält weit größeren Wirbelstürmen stand.«

Die sinnlichsten Lippen des Planeten verzogen sich zu einem breiten Grinsen, was unglaublich sexy aussah. Douglas wandte schnell den Blick ab und ging voran zu seinem Schreibtisch. Jetzt war ganz sicher nicht die richtige Zeit für einen Flirt. Diese unangenehme Finanzangelegenheit musste endlich aus der Welt geschafft werden.