Leseprobe: Frühlingskuss und Osterliebe

Kapitel 1 Frieda

Veranstaltungskonzeption und -betreuung in ländlichem Hotel mit Familienanschluss.

So lautete die Überschrift der Stellenanzeige, auf die ich mich vor einer Woche beworben hatte. Nicht unbedingt das, was ich mir nach einem Studium der Kulturwissenschaft erhofft hatte. Aber anscheinend war das Landhotel Lindner der einzige Arbeitgeber in ganz Deutschland, der Interesse an meiner Bewerbung zeigte.

Ich hatte die Autobahn verlassen und fuhr bereits seit einer guten halben Stunde durch eine ziemlich grüne Landschaft. Die Straße war mittlerweile einspurig und das letzte Haus lag bestimmt schon einen Kilometer hinter mir.

Berlin, Hamburg, meinetwegen München oder Frankfurt am Main – das hatte ich mir für meine Zukunft vorgestellt. Herzogsbrunn gehörte definitiv nicht auf diese Liste. Aber was sollte ich tun? Mein Kontostand betrug heute Morgen dreiundfünfzig Euro und einunddreißig Cent, meine Studentenbude musste ich in einer Woche räumen und mein Auto war das, was man landläufig eine Schrottkarre nannte. Einen gut verdienenden Ehemann hatte ich auch nicht an meiner Seite. Nicht einmal eine Affäre, die mir ab und zu einen Restaurantbesuch finanzierte. Ich sollte also besser nicht wählerisch sein, was den Job anging.

»Sie verlassen das erfasste Straßennetz«, klärte mich die Navi-App meines Handys auf. »Bitte wenden.«

Na toll. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Meine Tankanzeige leuchtete bereits seit zehn Minuten. Mir wurde heiß. Wie weit kam ich noch? Zwanzig Kilometer? Dreißig vielleicht? Und wo zur Hölle lag dieses verdammte Kaff Herzogsbrunn? Konnte der Arsch der Welt wirklich so weit weg sein?

Ich lenkte meinen Wagen aufs Bankett und überlegte einen Moment, ob ich den Motor ausschalten sollte. Was verbrauchte mehr Benzin? Den Motor einfach laufenzulassen oder ihn auszuschalten und neu zu starten? Ich entschied mich fürs Laufenlassen, nicht auszudenken, wenn die alte Klapperkiste nicht mehr ansprang. Um mich herum erstreckten sich nur grüne Hügel, vor mir führte die Straße in einen dunklen Wald. Wenigstens hatte ich Internetempfang. Langsam zwar, aber immerhin. Ich versuchte, Herzogsbrunn auf Google Maps zu finden, denn meiner Meinung nach befand ich mich auf dem richtigen Weg. Trotz Navi hatte ich mir die Strecke vor der Abfahrt extra angesehen, als hätte ich geahnt, dass es Komplikationen geben würde. Leider dauerte es ewig, bis die Karte lud. Ich stieg aus und streckte meinen Arm in die Luft, vielleicht war dann der Empfang besser.

Ein tiefes Brummen ließ mich aufhorchen. Was war das? Aus dem Wald kam ein schwarzer SUV herausgeschossen.

»Hallo! Halt!« Ich stellte mich auf die Straße und wedelte mit den Armen.

Der Wagen rauschte mit unveränderter Geschwindigkeit auf mich zu. Auch, als er nur noch zwanzig Meter von mir entfernt war, bremste er nicht ab. Entsetzt sprang ich auf die Seite.

»Knalltüte«, schrie ich entrüstet, aber ich war mir nicht einmal sicher, ob mich der Typ überhaupt wahrgenommen hatte. Sein Gesichtsausdruck war dermaßen grimmig gewesen, dass man annehmen könnte, er zöge in den Krieg.

Wenigstens hatte mein Handy inzwischen die Karte geladen. Ich sah mir den Straßenverlauf an – und hatte Glück. Mein Ziel Herzogsbrunn musste gleich hinter dem Wald liegen. Ich schwang mich zurück ans Lenkrad und gab Gas. Schließlich wollte ich nicht zu spät zu meinem Vorstellungsgespräch kommen.

Der Wald erwies sich allerdings um einiges größer, als er auf der Karte gewirkt hatte. Ich musste das Tempo stark drosseln. Die Straße schlängelte sich in engen, schlecht überschaubaren Kurven an dicken, knorrigen Stämmen vorbei. Teilweise lag noch Schnee auf dem Boden, einmal musste ich scharf bremsen, weil zwei Rehe über die Straße sprangen. Hoffentlich fuhren hier nicht alle Leute so wie dieser Typ vorher in seinem protzigen Monsterjeep. Mit meiner kleinen roten Knutschkugel stünden meine Überlebenschancen bei einem Zusammenstoß nämlich ziemlich schlecht.

Ich lenkte den Wagen vorsichtig um eine weitere enge Kurve und musste unwillkürlich die Augen zusammenkneifen. Nach der düsteren Stimmung im Wald blendete mich nun plötzlich die Sonne. Es schien, als wollte mir Herzogsbrunn einen schönen Empfang bereiten. Das »Herzlich willkommen im Luftkurort«-Schild war mit frischen Stiefmütterchen geschmückt, neben der Straße streckten zwei Kühe neugierig den Kopf über den Zaun und eine alte Bäuerin mit Kopftuch und geblümter Kittelschürze winkte mir lächelnd zu.

Das war ja beinahe schon gespenstisch idyllisch hier. Langsam fuhr ich durch das Dorf. Der Ort war wirklich hübsch. Alte Häuser mit farbigen Fensterläden, eine kleine Kirche, ein rustikales Wirtshaus und viele, viele Blumen. Es gab kein Haus, das nicht wenigstens ein paar Töpfe Vergissmeinnicht oder Stiefmütterchen auf den Fensterbrettern stehen hatte. Am Ende der Ortschaft gabelte sich die Straße. Mein Blick fiel nach links auf ein großes, futuristisches Gebäude aus Holz und Glas. Das musste die Konkurrenz sein, das Landrefugium Jansen. Ich hatte mir die Bilder des noblen Hotels im Internet angesehen. Und konnte gut verstehen, dass das Traditionshaus Lindner, bei dem ich gleich mein Vorstellungsgespräch haben würde, nun in arger Bedrängnis war. Ich setzte den Blinker nach rechts und fuhr etwa zweihundert Meter die schmale Landstraße entlang, bis mich ein Wegweiser zum Landhotel lotste.

Eine wunderschöne Birkenallee führte zu dem alten Jagdschloss, das idyllisch auf einem parkähnlichen Grundstück lag. Das Schlösschen mit seinen Türmen und Erkern war in einem freundlichen Gelb gestrichen, die Fensterläden dunkelgrün. Die Steintreppe, die zur schweren,  mit Schnitzereien verzierten Eingangstür führte, war mit allerlei Pflanzen geschmückt. Aber nicht mit eintönigen, in geometrische Formen geschnittene Buchsbäumchen, sondern mit einem Sammelsurium aus Zinnzubern, Tontöpfen und farbenfrohen Keramikgefäßen, aus denen bunte Blumen und Hauswurzen quollen. Der Stilmix gefiel mir. Er wirkte frisch und sympathisch, ich bekam sofort Lust, die Besitzer des Hauses kennenzulernen.

Ich stellte meinen Wagen auf den gekiesten Parkplatz, kontrollierte im Spiegel der Sonnenblende noch einmal mein Aussehen und ging dann ins Hotel.

Auch innen war alles noch viel schöner als auf den Fotos der Homepage. Geölter Dielenboden, hohe Wände mit modernen und klassischen Kunstwerken und eine unglaubliche Rezeption: Sie schien aus einem riesigen Baumstamm gemacht zu sein und wirkte urig und elegant zugleich.

»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«, fragte mich eine ältere Dame, die aussah, wie aus einem Märchenbuch gefallen: weißes, zum Dutt gedrehtes Haar, Nickelbrille, freundliches Lächeln.

Hatte ich unbemerkt die Schwelle zu einer anderen Welt überschritten?

»Hallo, mein Name ist Frieda Blum. Ich habe ein Vorstellungsgespräch.«

»Ach, die Kulturwissenschaftlerin. Bitte folgen Sie mir.« Die Frau führte mich durch einen gemütlich eingerichteten Salon. Auch hier dominierte wieder dieser eigentümliche Stilmix, der mir bereits auf der Eingangstreppe und im Foyer begegnet war. Dunkles Leder und bunte Patchworkdecken, moderne Designerstücke und Flohmarktware. Wer auch immer dieses Hotel eingerichtet hatte, besaß ein bemerkenswertes Auge für die Gestaltung von Wohnräumen.

»So, hier wären wir.« Die Rezeptionistin öffnete die Tür zu einem sonnendurchfluteten Raum. »Das ist unser Speisezimmer. Ich habe im Wintergarten schon Tee und Kekse für Sie bereitgestellt. Herr Lindner kommt gleich. Setzen Sie sich doch.« Die Dame führte mich zu den gemütlichen Polstersesseln und schenkte mir Tee ein. Dann nickte sie mir noch einmal freundlich zu und verschwand.

Ich war verwirrt. Ging man hier mit jedem Bewerber so um, als sei er ein Ehrengast des Hotels? So ein herzlicher Empfang wurde mir bislang bei der Jobsuche noch nie zuteil. War das ein Ausgleich dafür, dass der Chef ein schrecklicher Tyrann war? Würde gleich ein tobender Choleriker hereinstürzen und mich wegen der Lücken in meinem Lebenslauf ausschimpfen?

Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich war aufgeregt und wischte mir nervös die Hände an meinem Kostüm ab. Verdammt, ich brauchte wirklich dringend einen Job. Hoffentlich war der Chef kein Arschloch. Wobei – war das hier nicht alles zu schön, um wahr zu sein? Irgendeinen Haken gab es doch immer, oder?

Ich nippte vorsichtig an dem heißen Tee. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich die Türklinke bewegte. Gespannt drehte ich meinen Kopf – und erschrak.

Kapitel 2 Leon

Eine Kulturwissenschaftlerin! Vater hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich trat aufs Gas und raste weiter die Landstraße entlang. Ein Ziel? Hatte ich nicht. Ich wollte einfach nur weg aus Herzogsbrunn, diesem verdammten Kaff, das mir die Luft zum Atmen nahm.

BWL-Studium in München, Abschluss als Jahrgangsbester, Master an der London School of Economics, Einstieg bei KPMG in Berlin als Unternehmensberater, Wechsel zu Deloitte als Senior Consultant in Frankfurt am Main – klang mein Lebenslauf, als hätte ich keine Ahnung davon, wie man einen Betrieb führt? Wohl kaum, oder?

Und trotzdem wollte mein verrückter Vater eine Kulturwissenschaftlerin einstellen, die den Charme des Hotels mit traditionellen Elementen und kreativer Folklore aufwertete.

Traditionelle Elemente und kreative Folklore? Was sollte das sein? Kuscheln im Heuschober? Leute in Trachten, die seltsame Bräuche vollführten?

Niemand wollte so etwas sehen. Niemand!

Die Menschen heutzutage legten Wert auf Luxus und Eleganz. Keiner hatte mehr Bock auf diese ländliche Gemütlichkeit mit karierten Tischdecken, Bedienungen im Dirndl und zotigen Trinksprüchen, die alte Männer am Stammtisch von sich gaben.

Nein, die Gäste sehnten sich nach einer Auszeit vom Alltag, nach einem Ort wie dem Landrefugium Jansen mit großem Wellnessbereich, raffinierter Cross-over-Küche und einer Bar mit hundert Cocktails auf der Karte.

Vater hatte das Erfolgskonzept eines modernen Hotels doch jeden Tag direkt vor Augen. Warum zur Hölle kapierte er dann nicht, dass er dabei war, den komplett falschen Weg einzuschlagen?

Ginge es nach mir, stünde der Plan fest: Raus mit den ganzen alten Möbeln, diesem eigenartigen Sammelsurium, das Mutter so toll gefunden hatte. Dann einmal mit einem anständigen Innenarchitekten durchs Haus, der ein distanziert-kühles Design umsetzte. Weg mit Oma von der Rezeption. Also, nichts gegen meine Großmutter, ich liebe sie abgöttisch. Aber in ein modernes Hotel gehörten junge, hübsche Rezeptionistinnen mit Fremdsprachenkentnissen. Für Omi war Hochdeutsch schon eine Herausforderung. Es hatte geschlagene zwanzig Jahre gedauert, um ihr »Guten Tag« an Stelle von »Grüß Gott« beizubringen.

»Die Leute fahren aufs Land, nicht in die Provinz«, predigte ich Vater immer.

Damit meinte ich Folgendes: Gestresste Städter wollten hinaus in die Natur, aber dabei keinesfalls auf den Komfort der Stadt verzichten. Dazu gehörten anständige Straßen, eine umfangreiche Speisekarte, ein Frühstücksbuffet mit glutenfreiem Brot und Avocados, schnelles Internet und Hotelangestellte, deren Dialekt nicht klang wie die Sprache eines Ureinwohners.

Jenna Jansen vom Landrefugium hatte all das erkannt. Genau deswegen rannten ihr die Leute die Bude ein. Und das Hotel Lindner versauerte mit ein paar Stammgästen vor sich hin, die noch immer die gleichen Preise zahlten wie vor zwanzig Jahren. Weil mein Vater einfach viel zu gutherzig war. Und weil er sie nicht verlieren wollte.

»Papa, manchmal muss man alte Dinge loslassen, damit etwas Neues beginnen kann«, erklärte ich ihm jeden Tag. Ich meine, was wollte er mit tattrigen Gästen, die keinen Umsatz brachten?

Aber Vater zeigte kein Einsehen.

Das Hotel Lindner war ein Traditionshaus. Und dabei würde es bleiben. Der Ort Herzogsbrunn verdiente nicht noch ein zweites, seelenloses Ungeheuer wie das Landrefugium Jansen. Seine Worte, nicht meine.

Ich trat abrupt auf die Bremse und lenkte meinen Porsche Cayenne auf den grasbewachsenen Seitenstreifen. Ganz großer Mist war das alles! Ich schlug gegen das Lenkrad und sprang aus dem Auto.

Was machte ich hier? Hügel, Wälder, Hügel. Mehr gab es hier nicht. Ich wollte mein Leben zurück. Meine Karriere.

Ich dachte an Valerie. An das triumphierende Lächeln auf ihren Lippen und ihre kalten blauen Augen, als mein Chef mir die fristlose Kündigung in die Hand drückte. Verfluchtes Miststück! Sie hatte mich nur ausgenutzt, von Anfang an einen perfiden Plan verfolgt. Und ich war so dumm gewesen, um darauf hereinzufallen.

Resigniert lehnte ich mich gegen die Motorhaube und zündete mir eine Zigarette an. Ich hatte eigentlich schon lange mit dem Rauchen aufgehört – aber in letzter Zeit schlich sich diese schlechte Gewohnheit immer wieder zurück in mein Leben. Gierig nahm ich einen tiefen Zug und starrte in die Landschaft. Und da kam mir eine Idee. Was Valerie konnte, konnte ich schon lange!

So weit ich wusste, war Jenna Jansen Single. Ein Workaholic, wie er im Buche stand. Die Frau lebte einzig und allein für die Arbeit – und diesen seltsamen weißen Pudel, den sie dreimal am Tag spazieren führte. Es wäre doch gelacht, wenn ein Mann wie ich sie nicht zu einer Tasse Kaffee überreden konnte. Und dann würden die Dinge ihren Lauf nehmen.