Leseprobe: Bad Boss Nights – Kein Chef für eine Nacht

Kapitel 1 Harlem Nights

Es regnete in Strömen, aber ich hatte keine Lust, noch länger in meinem Loch von Wohnung zu sitzen. Das sollte jetzt nicht trübsinnig klingen, ich war froh, in der kurzen Zeit überhaupt eine bezahlbare Bleibe in New York City gefunden zu haben. Und im Grunde war es mir auch egal, dass es durch die Fenster zog wie durch einen alten Kamin, der Vormieter etwas mit den Wänden angestellt hatte, das sich mit Farbe nicht übertünchen ließ und das Bad so winzig war, dass man unmöglich die Tür schließen konnte, ohne auf der Stelle klaustrophobische Anfälle zu bekommen.

Das alles war nicht von Belang, denn ich würde mich in Zukunft einzig und allein auf meine Karriere konzentrieren. Ich würde die Finger von meinen Vorgesetzten lassen, dem Alkohol abschwören und meine Abende mit Fortbildungen anstatt mit Partys verbringen. Aber wie gesagt: In Zukunft – und diese begann morgen. Heute würde ich noch einmal Spaß haben und den Ernst des Lebens ignorieren.

Im Laufschritt trabte ich durch den Regen, die Kapuze meiner Jacke tief ins Gesicht gezogen. Ich kannte mich in New York City nicht besonders gut aus, war nur ein paar Mal mit Freundinnen zum Sightseeing hier gewesen, aber tja, meine Wohnung befand sich nicht gerade an der Fifth Avenue. Dunkle Ecken wie Harlem hatten wir gemieden, ich konnte ja nicht ahnen, dass ich, das Landei aus New Jersey, einmal hier wohnen würde. Wobei, so gefährlich, wie Harlem immer dargestellt wurde, war es heute gar nicht mehr. Die Gegend, die ich bewohnte, galt als sicher. Und besaß einige nette Bars.

Ich drückte die Tür des Harlem Nights auf und atmete eine Wolke stickiger, warmer Luft ein. Das Licht war gedämpft, die Musik angenehm, der Laden nicht zu voll. Hinter der Bar stand ein großgewachsener Afroamerikaner, der geschickt mit einem Cocktailshaker hantierte. Als er mich eintreten sah, grinste er mir zu und nickte. Ich erwiderte sein Lächeln und setzte mich auf einen der freien Barhocker.

Viele Leute, vor allem Frauen, gingen nicht gerne allein in Bars. Ich konnte gar nicht verstehen, warum. Auf diese Art lernte man oft fantastische Menschen kennen. Nicht nur Männer, aber ja, auch solche. Und genau darauf hatte ich heute Lust. Ich wollte einen Mann kennenlernen, ein paar Drinks mit ihm kippen und dann geilen Sex haben. Klang oberflächlich? Das war es vielleicht. Aber gleichzeitig war es auch aufregend und ein bisschen verrucht. Ich hatte so etwas noch nie gemacht – und würde es höchstwahrscheinlich auch nie wieder tun, weil ich ab morgen mein Leben als eine Art Businessnonne verbringen würde. Denn Ärger hatte ich in meinem letzten Job wahrlich genug gehabt.

Ich bestellte einen Gin Tonic und ließ meinen Blick über die anwesenden Gäste gleiten. An den meisten Tischen saßen kleine Grüppchen, die sich angeregt unterhielten. Nichts für mich. Auch, wenn der ein oder andere Typ dabei war, der durchaus einen zweiten Blick verdiente, so hatte ich doch keine Lust, in eine Gemeinschaft hineinzuplatzen. Nein, ich brauchte einen einsamen, hungrigen Wolf, der das Gleiche suchte wie ich.

Mein Blick wanderte an der Bar entlang. Zwei Hocker neben mir saß ein übergewichtiger Mittvierziger, der trübsinnig in sein Bier starrte. Definitiv nicht mein Fall. Etwas weiter zwei albern kichernde Friseurinnen, die mit weit abgespreizten kleinen Fingern affektiert ihre Proseccogläser zusammenstießen. Okay, vielleicht waren sie gar keine Friseurinnen. Aber sie könnten welche sein. Daneben ein gar nicht so übler Typ. Wahrscheinlich deshalb das gekünstelte Verhalten der beiden Tussen. Sie wollten ihn auf sich aufmerksam machen. Da ich nicht lebensmüde war, würde ich einen Teufel tun, und mich in ihr Jagdrevier begeben. Die künstlichen Fingernägel der beiden sahen aus, als könnten sie mir damit das Herz bei lebendigem Leib herausreißen.

Seufzend nippte ich an meinem Gin Tonic. Schien so, als müsste ich weiterziehen. Hier gab es nicht das, wonach ich suchte.

Plötzlich ging die Eingangstür auf. Mehr aus Langeweile, denn aus echtem Interesse, schaute ich, wer hereinkam – und spürte sofort, wie mein Herz zu stolpern begann. Der Typ war es! Der und kein anderer.

Groß, dunkelhaarig, geheimnisvoll. Auffällig gut gekleidet, zu gut, für dieses Viertel. Hungrige Augen wie die eines Raubtiers. Gerade Körperhaltung, ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Und schöne Hände, soweit ich das auf die Entfernung erkennen konnte. Ein Volltreffer.

Unsere Blicke trafen sich.

Zielstrebig kam er auf mich zu.

»Darf ich?«, fragte er und deutete auf den Barhocker neben mich.

»Sehr gerne.« Ich mochte Männer, die nicht lange fackelten.

»Was trinken Sie?«

»Gin Tonic.«

»Gute Wahl. Barkeeper, zwei Gin Tonic, bitte.« Der schöne Fremde wandte sich wieder mir zu. »Ich heiße Adrian.«

»Loreley.«

Wir schüttelten uns die Hände und starrten uns in die Augen. Wir wollten beide das Gleiche. Ein paar Drinks und Sex. Das Leben konnte so einfach sein.

Ob der Typ wirklich Adrian hieß? Ich weiß nicht, was mich gerade geritten hatte, als ich Loreley sagte. Aber irgendwie fühlte ich mich sicherer, wenn ich meinen wahren Namen verschwieg. Auch, wenn ich den Mann nie wiedersehen würde.

»Loreley, so so. Ein seltener Name.« Er legte den Kopf leicht schief und musterte mich eindringlich.

»Adrian ist auch nicht gerade häufig.«

»Da haben Sie recht.« Der Barkeeper stellte die Drinks vor uns und wir prosteten uns zu.

»Also, Loreley, dann verraten Sie mir mal: Was macht eine Frau wie Sie in einer solchen Bar?

»Das Gleiche könnte ich Sie fragen.« Ich lächelte ihn herausfordernd an.

»Oh, ich dachte, meine Geschlechtsumwandlung wäre besser geglückt. Aber anscheinend muss ich ein ernstes Wörtchen mit dem Chirurgen reden.«

Ich musste lachen, spürte aber, wie ich dabei rot wurde. Hey, dieser Mann wirkte echt alles andere als weiblich. Vielmehr verkörperte er den Inbegriff der Männlichkeit: Breite Schultern, schmale Hüften, markantes Kinn, tiefe Stimme. Schon klar, dass er keine Frau war. Aber anscheinend handelte es sich um einen peniblen Erbsenszähler, denn es war doch sonnenklar, wie ich den Satz gemeint hatte, oder?

»Sie nehmen es wohl ganz genau«, erwiderte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. »Deshalb: Was macht ein Mann wie Sie in einer Bar wie dieser?«

»Ich habe zuerst gefragt.« Adrian grinste ironisch.

»Aber Sie sind ein Gentleman. Das erkenne ich auf den ersten Blick. Und ein Gentleman …«

»… lässt immer der Frau den Vortritt«, brachte Adrian meinen Satz in seinem Sinne zu Ende. »Also, warum sind Sie hier?« Seine Stimme klang nun eine Spur schärfer, es lag ein Hauch Gefahr darin, ich spürte, dass unter der schönen Fassade tatsächlich ein gefährliches Raubtier schlummerte. Und es machte mich an.

»Ich suche jemanden.«

»Ach ja?«

»Ja. Jemanden, der …« Ich stockte.

Sollte ich ehrlich sein und sagen, wonach mir der Sinn stand? Oder sollte ich meine Absichten mit blumigen Worten umschreiben? Ich trank einen großen Schluck, räusperte mich und nahm meinen ganzen Mut zusammen.

»Ich bin auf der Suche nach jemandem, der es mir richtig besorgt.« Mein Lächeln hatte nichts Verführerisches, es war offensiv und fordernd.

»Oh, da kann ich Ihnen leider nicht behilflich sein. Ich bin nur hier, weil ich einem Kollegen ein paar Informationen weitergeben muss«, sagte Adrian ungerührt. Sein Gesichtsausdruck wirkte belustigt, als er seinen Gin Tonic mit einem Schluck hinunterkippte.

Verdammt! Meine Wangen brannten. Ich war mir so sicher gewesen, dass dieser Typ das Gleiche wollte wie ich. Hastig flüchtete auch ich mich in den Alkohol. Was hatte ich bloß getan? Wie war ich nur auf die Idee gekommen, heute Abend die Femme fatale von Harlem zu mimen? Ich musste verrückt geworden sein. Erdboden, bitte tu dich auf und verschlinge mich!

Plötzlich beugte sich Adrian zu mir, seine Lippen kitzelten mein Ohr. »Das war nur ein Scherz«, flüsterte er.

Dann knallte er fünfzig Dollar auf den Tresen, nickte dem Barkeeper zu und nahm meine Hand.

Verwirrt folgte ich ihm. Der Kerl besaß definitiv einen etwas seltsamen Sinn für Humor. Aber was soll’s. Wir wollten uns ja auch keine Witze erzählen.

Kaum traten wir aus der Bar, fuhr eine schwarze Limousine mit verdunkelten Scheiben vor. Adrian hielt mir galant die hintere Wagentür auf und setzte sich dann neben mich.

»Ich erlaube mir, uns in meine Wohnung zu entführen. Ich hoffe, das ist in Ordnung für Sie.«

»Ist es. Ich nehme nie einen Mann in der ersten Nacht mit nach Hause«, erwiderte ich süffisant.

Adrian lachte auf. »Eine sehr löbliche Einstellung.«

Dann neigte er sich über mich und seine Lippen gaben mir einen Vorgeschmack dessen, was mich gleich erwarten würde. Volltreffer, konnte ich da nur sagen!

Kapitel 2 Einfach nur Sex

Als wir aus dem Auto stiegen, konnte ich nicht einmal sagen, wo sich Adrians Wohnung befand. Wir hatten die ganze Fahrt über wild herumgeknutscht und standen jetzt im Aufzug einer Tiefgarage, in den Adrian einen Schlüssel steckte, damit er uns in das Penthouse des Gebäudes brachte. Nach kurzer Fahrt, die wir schweigend, aber in prickelnder Anspannung verbrachten, öffneten sich die Türen mit einem »Pling« und entließen uns in ein luxuriöses Appartement. Schon der Eingangsbereich war viel größer als meine ganze Wohnung.

Adrian verschwendete jedoch keine Zeit für Höflichkeiten und Wohnungsbesichtigungen, sondern führte mich sofort ins Schlafzimmer.

Es war ganz in Weiß gehalten, bis auf die farbenfrohen Bilder an der Wand. Expressionisten, soweit ich das richtig erkannte. Aber Kunst gehörte nicht unbedingt zu meinen Steckenpferden. Auf dem Boden flauschige Teppiche, die sich bestimmt wunderbar anfühlten, wenn man barfuß darüber tappte. In der Mitte des Raums ein riesiges Boxspringbett mit einer Unzahl an Kissen. Es lud förmlich dazu ein, unanständige Sachen darin zu treiben.

»Zieh dich aus«, forderte Adrian. In seiner Stimme lag kein Zögern, kein Bitten. Seine Aufforderung war unweigerlich ein Befehl.

Ich zögerte kurz, doch dann gehorchte ich und schälte mich langsam aus meiner Kleidung. Adrien beobachtete mich mit Argusaugen. Ich fühlte mich benutzt und mächtig zugleich. Eine seltsame, aber betörende Mischung. Als ich lediglich in Unterwäsche vor ihm stand, machte ich einen Schritt auf ihn zu. Ich wollte endlich sehen, was er mir zu bieten hatte.

»Bleib stehen«, wies er mich harsch zurecht. »Und zieh dich aus. Ganz.«

Ich zuckte zusammen. Sein Ton war für mich doch etwas gewöhnungsbedürftig. Ich war eine selbstbestimmte Frau und es nicht gewohnt, mich dermaßen herumkommandieren zu lassen. Andererseits erregte es mich, wenn Adrian so selbstverständlich die Führung übernahm.

Mit zitternden Fingern öffnete ich den Verschluss meines BHs und streifte mein knappes Spitzenhöschen von den Hüften. Auf dem roten Stoff war deutlich ein feuchter Fleck zu erkennen. Verdammt, ja, ich war geil. So what?

»Schön. Sehr schön«, gurrte Adrian, dem der Fleck auf meinem Höschen ebenfalls nicht entgangen war.

Er trat auf mich zu und schaute mir intensiv in die Augen. Die Luft zwischen uns knisterte, ich genoss jede Sekunde davon. Mein Körper sehnte sich danach, berührt zu werden, doch mein Kopf liebte das Spiel der Vorstellung. Was würde Adrian mit mir anstellen? Wie würden sich seine Hände auf meiner Haut anfühlen? Was für ein Liebhaber war er? Wild? Ungestüm? Gierig? Oder ein sanfter Genießer?

Er strich mir zärtlich durch die Haare, bevor er überraschend fest hineingriff und meinen Kopf nach hinten zog. Seine sinnlichen Lippen landeten auf meinem Hals, wanderten weiter zu meiner Brustwarze. Mein Unterleib, ach was, mein ganzer Körper, pulsierte.

Plötzlich hob Adrian mich hoch und trug mich zum Bett. Nackt und schutzlos lag ich vor ihm, aber ich fühlte mich keine Sekunde lang ausgeliefert. Viel eher dankte ich dem Himmel, ein Teil dieses erotischen Schauspiels sein zu dürfen.

»Erzähl mir deine geheimsten Fantasien«, forderte Adrian von mir.

Seine Stimme klang rau und unheimlich sexy, sein Blick war noch immer so hungrig wie beim Betreten der Bar. Hungrig und voller Leidenschaft.

»Das Ausschlaggebende an geheimen Fantasien ist doch, dass sie geheim sind«, raunte ich und versuchte, Adrian zu mir herabzuziehen.

Mühelos befreite er sich aus meinem Griff und gab mir damit wortlos zu verstehen, dass ich gar nicht erst zu versuchen brauchte, die Zügel in die Hand zu nehmen. Er zog sein Hemd aus und offenbarte einen beeindruckenden Oberkörper. Der Mann musste sehr viel Zeit beim Sport verbringen. Bei so einem Anblick wanderte mein Blick automatisch zu seinen Schritt. Es würde mich brennend interessieren, wie ein Adonis seines Kalibers ausgestattet war. Doch Adrian, der meinen Blick bemerkt hatte, schüttelte nur süffisant grinsend den Kopf.

»Erst deine geheimen Fantasien.«

Fieberhaft begann ich zu überlegen.

Sollte ich sie ihm erzählen? Nachgeben, Schwäche eingestehen?

Oder sollte ich Adrian zeigen, dass das Spiel nur nach meinen Regeln funktionierte? Tough sein, aufstehen, mich anziehen und gehen?

Aber ich hatte solche Lust auf Sex mit diesem Mann, wollte ihn spüren und nicht unbefriedigt in mein tristes Appartement zurückkehren.

Ich sah Adrian direkt in die Augen. Ein stiller Machtkampf spielte sich zwischen unseren Blicken ab. Es ging schon lange nicht mehr nur darum, ob wir es stürmisch von hinten oder gediegen in der Missionarsstellung treiben würden. Es ging darum, wer der Stärkere von uns beiden war. Zugegeben, rein physisch war das Adrian. Aber man sollte niemals die Waffen einer Frau unterschätzen.

Langsam ließ ich meine Hand über seinen Oberkörper gleiten, wanderte weiter zu seinem Rücken, grub meine Nägel leicht in seine Muskeln.

»Du willst meine geheimsten Fantasien wissen?«, flüsterte ich in sein Ohr.

Er nickte.

Meine Hände glitten bedächtig nach unten, bis sie den Saum seiner Shorts auf den Hüften erreichten. In Zeitlupe schoben sich meine Finger darunter, bewegten sich mit quälender Ruhe Millimeter für Millimeter weiter hinab in Richtung seines besten Stücks. Ich spürte, wie Adrian seine Muskeln anspannte, wie er mehr wollte, wie auch er schön langsam der Spielchen überdrüssig wurde.

Auch ich konnte meine Begierde kaum mehr zurückhalten. Das Pulsieren in meinem Unterleib, das ich vorher noch als anregend empfunden hatte, war mittlerweile nur noch unangenehm.

Selbstbewusst versenkte ich meine Hand ganz in seinem Schritt, doch Adrian packte mich sofort bei meinen Handgelenken.

»Beantworte erst meine Frage«, forderte er streng.

Ich schaute in seine Augen und erkannte an seinem unerbittlichen Blick, dass er nicht nachgeben würde. Niemals.

Ach, was soll’s, dachte ich.

Was hatte ich schon zu verlieren, wenn ich ihm ein paar Unanständigkeiten ins Ohr flüsterte? Ich würde den Typen nie mehr wiedersehen. Warum sollte ich mich in der Rolle der verführerischen Rebellin abquälen, ich wollte doch einfach nur Sex.

Und zwar jetzt.

Sofort.

Wieder beugte ich mich zu Adrian und raunte etwas in sein Ohr. 

Er biss sich auf die Lippen, dann stahl sich ein geheimnisvolles Lächeln auf sein Gesicht, bevor er mich leidenschaftlich küsste.

Als er sich endlich die restliche Kleidung vom Leib streifte, konnte ich mir eine Bemerkung nicht verkneifen.

»Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass du mir im Gegenzug deine Fantasien nicht verraten wirst, oder?«

»Nein, in der Tat, das werde ich nicht«, sagte er ernst. Aber ich werde dich dafür sehr, sehr glücklich machen.«

Adrian sollte recht behalten.

Kapitel 3 Der erste Tag im neuen Job

Das Weckerklingeln in meinen Ohren hatte etwas Unwirkliches. Der Eindruck verstärkte sich noch, als ich die Augen aufschlug und mich in meiner jämmerlichen Bleibe umsah. Gerade hatte ich noch von Adrian geträumt und mich in seinem luxuriösen Penthouse befunden, und plötzlich schlug ohne Vorwarnung die Realität mit dem Vorschlaghammer auf mich ein. Seufzend rappelte ich mich hoch und lehnte mich gegen das Kopfteil meines schmalen Bettes.

Adrians Fahrer hatte mich gegen ein Uhr in der Nacht nach Hause gebracht. Nun war es halb sieben. Trotz des wenigen und unruhigen Schlafs fühlte ich mich seltsam erholt und voller Energie. Ein breites Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, als ich an Adrian dachte. Fast ein bisschen schade, dass ich ihn nicht wiedersehen würde. Aber gut, heute begann mein neues Leben. Ich würde mich auf meine Karriere konzentrieren und Mr. Winter die beste Assistentin sein, die er sich vorstellen konnte.

Beschwingt sprang ich aus dem Bett, warf die Kaffeemaschine an und quetschte mich unter die winzige Dusche. Warmes Wasser wäre schön gewesen, aber stärkten kalte Duschen am Morgen nicht die Abwehrkräfte? Na ja, irgendeinen positiven Effekt würde es schon haben. Bibbernd wickelte ich mich in ein Badetuch und tappte in die Küche, um meine erste Dosis Koffein zu konsumieren. Danach schlüpfte ich in die Klamotten, die ich mir gestern vorsorglich zurechtgelegt hatte. Ich wusste ja nicht, in welchem Zustand ich nach Hause kommen würde und ob mir die Kleiderwahl heute Morgen noch so gut gelungen wäre. 

Diese Zeiten sind jetzt vorbei, June, sagte ich zu mir selbst, als ich mich zufrieden im Spiegel musterte. Das tailliert geschnittene schwarze Kostüm stand mir gut, die pinke Seidenbluse ließ das Outfit nicht allzu streng wirken. Noch ein bisschen Make-up, Wimperntusche und Lippenstift und mein erster Arbeitstag konnte beginnen.

Pünktlich um neun Uhr stand ich in der imposanten Empfangshalle von Winter Packaging. Die Firma vertrieb, wie der Name schon verriet, Verpackungen aller Art. Sie gehörte William Winter, einem alten, unglaublich hässlichen Mann, der es zu beträchtlichem Reichtum gebracht hatte. Ich hatte ihn bisher allerdings nicht persönlich kennengelernt, sondern sein Bild nur auf der Homepage gesehen. Beim Vorstellungsgespräch hatte ich lediglich mit zwei Mitarbeitern aus der Personalabteilung Kontakt gehabt.

»Guten Morgen, mein Name ist June Charles, ich fange heute neu hier an«, sagte ich zu der hübschen Blondine am Empfangstresen.

»Ah, ja, Sie sind die Assistentin von Dr. Winter, nicht wahr? Mein Name ist Olivia Brown, aber wir duzen uns hier alle. Bis auf den Chef natürlich«, fügte sie kichernd hinzu.

Dr. Winter? Hm, der Titel musste mir entgangen sein. Aber egal. Ich lächelte Olivia an. Die junge Frau war mir auf Anhieb sympathisch.

Sie rief in der Personalabteilung an, damit ich abgeholt wurde. Keine zwei Minuten später erschien einer der Männer, mit denen ich das Vorstellungsgespräch geführt hatte.

»Hey, Paxton, ich habe June schon vorgewarnt, dass wir uns hier alle duzen«, rief sie ihm entgegen.

»Umso besser. Also, herzlich willkommen, June. Wie du gerade gehört hast, bin ich Paxton. Und immer für dich da. Scheue dich nicht, mit mir Kontakt aufzunehmen, wenn du irgendwelche Probleme hast oder nicht weiter weißt. Bei Winter Packaging pflegen wir eine offene Kommunikationskultur, das heißt, wir nennen die Dinge beim Namen und reden nicht lange um den heißen Brei herum. Das trägt zu einem äußerst entspannten Betriebsklima bei.« Er lächelte mich breit an und streckte mir seine Hand entgegen, bevor er weiterredete. »Aber ich war unhöflich. Ich wollte dich erst einmal fragen, wie es dir geht. Bist du gut in New York City angekommen, hast du dich schon ein bisschen eingelebt?«

Ich dachte an Adrian und musste grinsen. »Ja, danke der Nachfrage. Ich habe bereits ein paar nette Kontakte in der Stadt geknüpft und sogar eine bezahlbare Wohnung gefunden.«

»Aber das ist ja wunderbar!«, rief Paxton enthusiastisch, »dann steht einer erfolgreichen Zusammenarbeit nichts im Wege! Komm mit, ich zeige dir deinen Arbeitsplatz und stelle dich dann dem Team vor.«

Er führte mich zum Aufzug und drückte den Knopf für die oberste Etage. »Das ist der Vorteil, wenn man direkt für den Chef arbeitet – man kommt in den Genuss einer grandiosen Aussicht. Du kannst deinen Kaffee in Zukunft mit Blick über Manhattan trinken.«

Als sich die Türen öffneten, begrüßte uns eine lebensgroße Pappfigur Mr. Winters, über seinem Kopf eine riesige Sprechblase mit dem Claim der Firma: »Pack it easy!«

»Ah, da ist ja mein Chef«, rief ich belustigt und tat so, als würde ich dem Aufsteller meine Hand reichen.

»Fast«, berichtigte mich Paxton. »Das ist Mr. William Winter, der Gründer und Seniorchef des Hauses. Er hat sich aber mittlerweile aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und steht der Firma nur noch beratend zur Seite. Sie werden für seinen Sohn, Dr. Adrian Winter arbeiten. Aber keine Sorge – er ist genauso nett wie sein Vater.«

Dr. Adrian Winter – bei dem Namen zuckte ich unwillkürlich zusammen. Konnte es sein, dass…?

Nein, nie im Leben. Wir befanden uns hier in einer Millionenmetropole, es wäre schon ein sehr, sehr seltsamer Zufall, wenn ich bei meinem gestrigen One-Night-Stand genau meinen zukünftigen Chef aufgerissen hätte. Ich verfluchte mich, dass ich in Statistik nicht besser aufgepasst hatte. Sonst könnte ich schnell berechnen, wie wahrscheinlich es war, dass ich gleich meinem Adrian, dem unbekannten Sexgott aus dem Harlem Nights, gegenüberstehen würde. Aber so musste ich mich auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen und mir einreden, dass das einfach ganz und gar unmöglich war.

Paxton führte mich einen kurzen Flur entlang, der an einer Glastür endete.

»So, hier betreten wir jetzt dein Reich. Du sitzt im Vorzimmer des Chefs und lässt niemanden durch, bevor er nicht sein ausdrückliches Okay gegeben hat.« Der Personaler zeigte auf einen Arbeitsplatz vor einer beeindruckenden Fensterfront.

Wenn das das Büro der Assistentin war, wie sah dann erst das des Chefs aus? Beeindruckt ließ ich meinen Blick durch den mindestens vierzig Quadratmeter großen Raum schweifen. Die Einrichtung war teuer und geschmackvoll, die technische Ausstattung auf dem neuesten Stand. Auf dem Schreibtisch stand ein riesiger iMac, begleitet von einem iPad und einem iPhone.

»Das Beste hast du noch gar nicht gesehen«, prophezeite mir Paxton, der grinsend beobachtete, wie ich mich andächtig umsah.

Zielstrebig ging er zu einem bodentiefen Gemälde und betätigte einen versteckten Schalter. Das Bild schwang zur Seite und offenbarte eine topmoderne Küche, ausgestattet mit Profi-Kaffeemaschine und allerlei weiterem Schnickschnack. Der Kühlschrank hatte sogar einen Eiswürfelbereiter.

»Ich bin eine miserable Köchin«, gestand ich zerknirscht. Gleichzeitig überlegte ich, ob ich die Passage in meinem Arbeitsvertrag überlesen hatte, in der stand, dass ich auch für das leibliche Wohl meines Chefs zuständig wäre.

»Oh, keine Sorge. Du musst nur die Kaffeemaschine bedienen. Das ist kein Hexenwerk.« Paxton klopfte mir ermutigend auf die Schulter. »Ach ja, kleiner Hinweis: Dr. Winter nimmt niemals Milch im Kaffee. Niemals! So, und nun betreten wir die Heiligtümer. Bist du bereit?«

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte. Würde ich gleich Adrian gegenüberstehen? Dem Mann, dem ich gestern meine geheimsten Fantasien ins Ohr geflüstert hatte? Und dann? Wie sollte ich reagieren? Wie würde er reagieren? Würde er mich abschätzig mustern und dann hinauswerfen?

Nur mit Mühe konnte ich ein verzweifeltes Lachen unterdrücken, weil die Situation einfach absurd war. Ich hatte mir fest vorgenommen, keinen Job mehr durch ein Verhältnis mit meinem Vorgesetzten zu gefährden – und hier würde ich die Stelle vielleicht gar nicht erst antreten, weil ich meinen Boss schon gevögelt hatte, bevor er überhaupt mein Boss war.

Paxton klopfte und öffnete die Tür zu Adrian Winters Büro. Es war dermaßen riesig, dass man sich darin verlaufen konnte. Doch der Schreibtisch stand mittig im Raum – und hinter ihm ein junger Mann, der definitiv nicht Adrian war.

Erleichtert atmete ich auf. Was war ich doch auch für ein Dummerchen! Bestimmt war die Wahrscheinlichkeit höher, den Lottojackpot zu knacken, als aus Versehen seinen zukünftigen, schwerreichen Chef in einer mittelmäßigen Kneipe aufzureißen.

Ich spürte, wie all der Druck und die Sorgen von mir abfielen und sich ein strahlendes Lächeln auf mein Gesicht stahl. Zwei Sekunden lang. Denn dann redete Paxton den vermeintlichen Adrian an.

»Tom, was machst du denn hier? Geht es noch immer um die Verträge mit Stiller Logistics?«

Die Antwort drang nicht bis zu meinem Gehirn vor.

Tom.

Paxton hatte diesen Mann Tom genannt. Was bedeutete, dass er nicht mein Chef sein konnte.

»June, das ist Tom Myer, einer unserer Firmenjustiziare«, machte uns Paxton schließlich bekannt. »Er kümmert sich um all die langweiligen Vertragsdetails, die außer den Firmenanwälten der Gegenseite kein Schwein auf dieser Welt interessieren. Aber trotz seiner seltsamen Berufswahl ist er ein sehr netter Mensch. Tom, das ist June Charles, die neue Assistentin von Dr. Winter.«

Wir reichten uns die Hände und lächelten uns zu.

»Schön, dich kennenzulernen, June. Ich wünsche dir einen guten Start bei Winter Packaging. Wir werden in Zukunft bestimmt öfter miteinander zu tun haben. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.« Tom nickte mir freundlich zu und verließ mit einem Stapel Unterlagen das Büro. Irgendetwas stimmt mit dem Typen nicht, war mein erster Eindruck. Aber ich hatte keine Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, denn Paxton redete gleich weiter.

»Gut, also, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, das hier ist Dr. Winters Büro. Er müsste jede Minute eintreffen.«

Genau in diesem Moment flog die Tür auf.

Mein Herz setzte mindestens drei Schläge aus. Kalter Schweiß benetzte meine Handflächen.

Verdammt.

Beschämt senkte ich den Blick. Das durfte doch nicht wahr sein! Wie viel Pech konnte man im Leben eigentlich haben?

»Guten Morgen, Dr. Winter. Darf ich Ihnen Ihre neue Assistentin vorstellen – Ms. June Charles.« Paxton wies mit beiden Händen auf mich, als sei ich der Hauptgewinn einer Tombola.

Adrians Miene verzog sich nicht im Geringsten. Mit distanziertem, aber nicht unfreundlichem Blick, reichte er mir die Hand.

»Guten Morgen Ms. Charles. Schön, Sie an Bord zu haben. Es wartet eine Menge Arbeit auf Sie.«

Ich zwang mich zu einem gequälten Lächeln. Immerhin nannte er mich nicht Loreley.

»Die Freude ist ganz meinerseits«, presste ich gestelzt hervor und spürte, wie ich rot wurde.

Vor nicht einmal zehn Stunden hatte ich noch den Penis dieses Mannes in meinem Mund gehab. Die Situation war alles andere als angenehm für mich. Aber immerhin schien er nicht vorzuhaben, mich sofort zu feuern. Schließlich hatte er gerade etwas von »viel Arbeit« gesagt, oder?

»Paxton, danke für Ihre Hilfe. Sie können Ms. Charles morgen alles zeigen. Heute werde ich ihr selbst die vorerst wichtigsten Punkte erklären.«

Paxton nickte und verabschiedete sich. Am liebsten wäre ich ihm hinterhergelaufen.

»Setzen Sie sich doch, Ms. Charles. Oder darf ich June sagen?«

»Äh ja, natürlich.« Ich setzte mich auf den mir zugewiesenen Platz vor seinem Schreibtisch.

Spielte er mit dieser Frage auf meinen Fantasienamen Loreley an? Aber er hatte keine Miene verzogen, wirkte überhaupt nicht so, als hätte er mich jemals im Leben gesehen. Ich fühlte mich unbehaglich. Vielleicht war er ein irrer Choleriker, der jetzt gleich wie verrückt losbrüllen würde. Aber hatte mir Paxton nicht versichert, dass er ein äußerst netter Chef war?

Nie wieder One-Night-Stands, schwor ich mir. Nie wieder!

»Wie ich Ihrem Lebenslauf entnehmen konnte, hatten Sie bereits ähnliche Positionen inne. Ich sehe also kein Problem, dass Sie sich in unsere Materie einarbeiten.« Er schenkte mir einen intensiven Blick.

Ich hielt ihm stand.

»Mir ist es wichtig, dass meine persönliche Assistentin erst einmal begreift, um was es hier geht. Deswegen möchte ich, dass Sie sich unsere Unternehmensbibel zu Gemüte führen. Ausführlich zu Gemüte führen.« Adrian öffnete eine Schreibtischschublade, holte einen tausendseitigen Katalog heraus und legte ihn vor mir auf den Tisch. »Ich werde mich dann morgen über Ihren Kenntnisstand vergewissern. Alles klar?«

»Ähm, ja. Ich denke schon«, stammelte ich.

Wobei irgendwie gar nichts klar war. Sollte ich bis morgen diesen Wälzer auswendig lernen, oder was?

»Gut. Dann bis morgen.« Adrian erhob sich und machte sich auf den Weg zur Tür.

Vollkommen baff blieb ich sitzen.

Was war das denn? Hatte Adrian unsere Nacht vergessen? Verdrängt? War er vielleicht auf Drogen gewesen und wusste gar nicht mehr, wer ich war?

Nichts, keine einzige, winzige Geste, das Zucken eines Lids, ein Flackern in seinen Augen, ein unbewusstes Kratzen am Kopf, deuteten darauf hin, dass er wusste, wer vor ihm saß. Aber das konnte doch nicht sein, oder?

Als ich dachte, dass er bereits das Büro verlassen hatte, riss mich seine sonore Stimme plötzlich aus meinen Gedanken.

»Ach ja, nur falls Sie sich darüber den Kopf zerbrechen: Ich habe unsere gemeinsame Nacht nicht vergessen. Und ich habe beschlossen, dass es nicht unsere einzige bleiben wird.«

Dann drehte er sich um und verließ endgültig das Büro.