Leseprobe: Karlas Kilos

1. Du bist, was du isst

»Wie immer, Karla?«

»Wie immer, Fritz.«

Karla beobachtete gedankenverloren, wie eine akkurat geschnittene Currywurst in ein weißes Pappschälchen mit gewellten Ecken wanderte, eine Schaufel Pommes dazu flog und schließlich alles unter einem Schwall orangeroter Soße verschwand.

»Was guckst du denn heute so bedröppelt, Mädchen?« Fritz schüttete einen Berg Röstzwiebeln auf die Wurst. Seine Spezialität. Also nicht die Zwiebeln an sich. Die füllte er heimlich aus einem riesigen Eimer vom Großmarkt in das schnieke Schraubglas mit dem Aufkleber »Omas Röstzwiebeln – Geheimrezept«. Aber die Kombination Currywurst mit Röstzwiebeln war einzigartig in der Stadt und verhalf seiner Imbissbude »Fritten Fritz« zu lokaler Berühmtheit.

»Ernährungsberatung.«

»Häh?«

»Ich soll zur Ernährungsberatung. Statt zur Kur. Mein Chef meint, wenn ich ein paar Kilo abnehme, sei mein Erschöpfungszustand wie weggeblasen.«

»Wo willst du denn abnehmen? Bist doch nur Haut und Knochen, du zartes Vögelchen, du.« Fritz lachte sein gluckerndes Lachen und sein beachtlicher Bauch schwappte dabei hin und her wie ein Fischkutter in Seenot. »Noch ’ne Schippe Zwiebeln?«, fragte er und reichte Karla die Currywurst. »Oder ein kleines Schnäpschen?«

»Nee du, danke, lass mal.« Karla spießte ein Stückchen Wurst auf. Himmlisch! Schon alleine der Gedanke, dass sie auf dieses Wunderwerk der Küche in Zukunft verzichten sollte, verursachte eine regelrechte Heißhungerattacke darauf. Das lag sicherlich in den Genen verankert, der menschliche Körper war schließlich schlau und sorgte vor für die Not.

»Dein Chef hat sie doch nicht mehr alle. Der olle Porno Paule.«

»Meine Worte. Also nicht zu ihm direkt, natürlich. Aber was bleibt mir übrig?«, fragte Karla kauend. »Ich muss die Schulden vom Hundsgemeinundverlogen zurückzahlen und deine Wurst ist auch nicht umsonst.« Sie zog entschuldigend die Schultern nach oben und schob sich drei Pommes auf einmal in den Mund.

»Weißte was, die geht heute aufs Haus. Wegen mir sollst du nicht in dem Irrenhaus schaffen müssen, gell. Und zu deinem Ex sag ich jetzt mal lieber gar nichts. Nur so viel: Wenn ich den HGV in die Finger kriege, dann war der Pferdefleischskandal ’ne Kleinigkeit.« Karla musste schlucken und starrte auf die restlichen Wurststückchen. Fritz plapperte munter weiter. »Mein Angebot gilt übrigens noch: Ich könnte einen Teilhaber brauchen.« Er grinste sie mit seinem freundlichen rotwangigen Gesicht an.

»Ach Fritz, das ist so lieb von dir. Aber ich bekomm‘ doch nicht mal ein Spiegelei ordentlich hin. Du, ich muss los. Wir sehen uns.«

Mit mulmigem Gefühl stieg Karla auf ihr altersschwaches Fahrrad. Ernährungsberatung, so ein Schwachsinn! Okay, ein paar Pfund weniger wären schon ganz nett, aber viel wichtiger war es doch, erst einmal ihre Seele zu heilen. Sie musste die Dämonen der Vergangenheit vertreiben, bevor sie sich auf ihren Körper konzentrieren konnte.

»Unsinn, Unsinn, Frau König, genau andersherum ist es. Erst der Körper, dann die Seele. Altes Indianersprichwort, glauben Sie einem weit gereisten Mann wie mir«, hatte stattdessen Karlas Chef gesagt, als sie ihm vor einiger Zeit von ihren Kur-Plänen erzählte. Dabei hatte er ihr unverhohlen in den Ausschnitt gestarrt, während seine linke Hand wie zufällig mit ihrem befristeten Arbeitsvertrag spielte. Miese Ratte! Die Finger seiner rechten Hand waren über seinen hauchdünnen Oberlippenbart gestrichen, immer auf und ab, fast ein bisschen manisch. Das schabende »Ratschratschratsch« hatte Karla einen Schauer über den Rücken gejagt. Nachdem sie einen Blick in Porno Paules lüsterne Augen geworfen hatte, schnappte sie sich die Visitenkarte der Wunderernährungsberaterin und verließ hastig das Büro vom PP. Der Alte hatte doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!

Schweißüberströmt blieb Karla stehen. Sie hatte sich in Rage geradelt und wäre beinahe an der alten Villa vorbeigedüst. Nobel, nobel, dachte sie. Mit dem Fett anderer Leute ließ sich anscheinend mächtig Kohle machen. Sie straffte ihre Schultern, zog den Bauch ein und klingelte. Sofort ertönte der Summer und sie trat durch die schwere Tür aus verwittertem Eichenholz.

»Sie müssen Karla König sein, nicht wahr? Mimi Freudenstein, schön, Sie kennenzulernen.« Eine Frau, die eine Aura von Gesundheit verströmte wie Fritten Fritz seinen Imbissbudengeruch, drückte Karla energisch die Hand. Aber auf eine angenehme, bestimmte Weise und nicht in diesem Knochenbrechermodus, den viele Ratgeber als »selbstbewusst« propagierten.

Mimi Freudenstein hatte es gar nicht nötig, durch ihr Verhalten Eindruck zu schinden. Sie tat es alleine durch ihre Präsenz. Strahlender Teint, glänzendes, volles Haar, perfekte Zähne und eine Hammerfigur. Bereits eine dieser Tatsachen würde normalerweise ausreichen, um die Frau kritisch zu beäugen und nach Schwachstellen abzuscannen. Doch Mimi verbreitete eine solche Liebenswürdigkeit und Lebenslust, dass man sie einfach mögen musste.

Insgeheim nannte Karla diesen Typ von Frau »Göttin«. Sie versinnbildlichten über alles erhabene Lichtgestalten, die regelrecht von innen heraus zu leuchten schienen, als hätten sie einen Tausend-Watt-Baustellenstrahler verschluckt.

Frauen wie Mimi standen um fünf Uhr morgens auf, als wäre es das Normalste der Welt. Wenn sie in den Spiegel schauten, blickte ihnen eine ungeschminkte, stets dezent gebräunte Schönheit entgegen. Sie meditierten zehn Minuten, machten Yoga und joggten schließlich mit elastischen Schritten durch den Morgentau, bevor sie nach einer eiskalten Dusche um Punkt sieben Uhr – attraktiv wie Cindy Crawford – am Frühstückstisch saßen.

Denn natürlich frühstückten Göttinnen! Aber gesund – geschrotetes, über Nacht eingeweichtes und angekeimtes Müsli, dazu einen Grünen Smoothie aus bitteren Kräutern, der die Verdauung unterstützte. Danach leiteten diese Wonderwomen ein Unternehmen, gingen Dressurreiten, steuerten wichtige Charity-Projekte – oder gaben Ernährungstipps.

»Sie sind hergeradelt, sehr gut! Bewegung ist einer der Schlüssel zu einem zufriedenen, glücklichen Leben.« Göttin Mimi strahlte sie mit ihren blitzendweißen Zähnen an.

Karla wischte sich verlegen den Schweiß von der Stirn. In Gegenwart dieses Wunderweibs fühlte sie sich noch unzulänglicher, als sie es ohnehin schon tat. Obwohl Karlas Klamotten gebügelt waren, kamen sie ihr knittrig vor, ihr gesamtes Äußeres erschien ihr plump und unbeholfen. Sie wusste nicht wieso, aber auf einmal geriet sie in eine schrecklich weinerliche Stimmung. Sie spürte die Tränen in ihre Augen schießen. Verzweifelt stotterte Karla los.

»Aber doch nur, weil ich mein Auto verkaufen musste. Damit ich einen Teil der Schulden vom Hundsgemeinundverlogen zurückzahlen konnte. Das Einzige, was er mir hinterlassen hat. Bis auf mein gebrochenes Herz, natürlich.« Karla schniefte laut und kramte hilflos in ihren Taschen.

Mimi Freudenstein reichte ihr ein Taschentuch. Der Blick der Therapeutin war mitfühlend und forschend zugleich. »Jetzt kommen Sie erst einmal mit und machen es sich gemütlich. Probleme bespricht man nicht zwischen Tür und Angel, sondern bei einer guten Tasse Tee.«

Sie führte Karla in ein großes, helles Zimmer mit bodentiefen Sprossenfenstern, die Aussicht auf einen gepflegt-verwilderten Garten gewährten. Auf einem Beistelltischchen aus glänzend poliertem Mahagoniholz wartete eine dampfende Kanne Tee und ein paar sehr gesund aussehende Kekse.

Karla ließ sich kraftlos in einen der weißen Ledersessel sinken und putzte sich geräuschvoll die Nase. Dann beobachtete sie, wie Mimi Freudenstein mit ruhigen, eleganten Bewegungen Tee einschenkte und ihr eine Tasse reichte. Einer der Öko-Kekse lag auch auf dem Unterteller.

»Ist das ein Test?«, fragte Karla skeptisch.

»Wie bitte?« Die Ernährungsberaterin schaute sie ratlos an.

»Na, das mit dem Keks. Wollen Sie jetzt überprüfen, ob ich ihn gleich hineinstopfe? Und ob ich dabei anständig kaue, mindestens dreißig Mal?«

Ein lautes Lachen perlte aus Mimi Freudensteins perfektem Mund. »Ach Frau König, wo denken Sie hin! Sie können bei mir so viele Kekse essen, wie Sie möchten – ohne, dass ich Schlüsse daraus ziehe. Ich glaube, Ihre Frage verrät mehr über Sie, als es der Verzehr eines kleinen Gebäckstückes tun würde.«

Erneut schossen Karla die Tränen in die Augen. Obwohl sie mit aller Macht dagegen ankämpfte, konnte sie nicht verhindern, dass dicke Tropfen über ihre Wangen liefen. Mimi Freudenstein rückte ihren Sessel näher an Karla heran und ergriff die Hand ihrer Klientin.

»Liebe Frau König, versuchen Sie erst gar nicht, die Tränen zurückzuhalten. Weinen Sie einfach, lassen Sie Ihren Gefühlen freien Lauf. Das ist befreiend und viel gesünder, als Dinge in sich hineinzufressen.«

»Aber ich bin keine Frustfresserin, ehrlich nicht. Sie denken sicherlich, dass ich mitten in der Nacht zum Kühlschrank pilgere und mir Mayonnaise aus der Tube direkt in den Rachen drücke. Oder tonnenweise Schokolade in mich hineinschaufele und mit Cola nachspüle.«

»Schluss jetzt. Ich denke gar nichts über Sie. Ich kenne Sie nämlich überhaupt nicht. Paul hat mir von Ihnen erzählt und mich gebeten, schnell einen Termin für Sie einzuschieben. Weil es Ihnen nicht gut gehe und er sich um Sie sorge.«

»Das hat Por…, äh, mein Chef, wirklich gesagt?«

»Ja. Hören Sie, Karla, ich kenne Paul seit dem Studium und ich sehe Ihnen an, was Sie von ihm denken.«

Karla wurde knallrot.

»Und wissen Sie was: Ich verstehe Sie. Aber glauben Sie mir, Paul hat auch sehr, sehr gute Seiten und er möchte ehrlich, dass es Ihnen bessergeht. Auch wenn Sie die Tatsache für sexistisch halten, dass er Sie zur Ernährungsberatung statt zur Kur geschickt hat. Doch er hat recht, die richtige Ernährung kann uns in einen neuen Menschen verwandeln und zu ungeahnter Energie verhelfen.«

Mimi Freudenstein lächelte optimistisch und drückte Karlas Hand. In dieser Geste lag unglaublich viel Kraft, es war, als würden unsichtbare Energieströme den Besitzer wechseln.

Karla fasste sich ein Herz und schilderte ihre Situation. »Also, ähm, es ist so.«

Sie atmete noch einmal tief ein. Sie musste endlich mit jemanden Reden, der Kummer würde sie sonst auffressen. »In meinem Leben ist in letzter Zeit ziemlich viel Mist passiert und ich fühle mich total erledigt und ausgebrannt. Der HGV, also mein Ex Joachim, ein erfolgloser Architekt, hat sich bei einem Bauprojekt total verspekuliert. Dummerweise habe ich für ihn gebürgt. Als Dank hat er mich mit seiner asiatischen Praktikantin betrogen, die aussieht wie ein kleiner Junge. Tausendmal am Tag denke ich mir: Ich kann nicht mehr. Aber ich muss ja! Ich muss den Schuldenberg zurückzahlen, den Leuten in der Arbeit helfen, meinen Haushalt geregelt bekommen, eine gute Freundin und Tochter sein, meine Wäsche bügeln und den Rasen mähen. Ich muss alles alleine machen, ich muss immer perfekt sein und ich habe ständig das Gefühl: Warum, verdammt noch mal, denkt nie jemand an mich? Warum merkt keiner, wie beschissen es mir geht? Warum hilft mir keiner? Warum liebt mich niemand? Ich fühle mich wie eine ausgemergelte Zuchtstute, die auf den Abtransport zum Schlachter wartet.«

Mimi Freudenstein musterte Karla kritisch. »Erstens: Es gibt jemanden, der bemerkt hat, dass es Ihnen nicht gut geht, sonst wären Sie nicht hier. Zweitens: Der Schlüssel zu Ihren Problemen liegt in Ihrer Eigenwertschätzung. Ihre Umwelt ist wie ein Spiegel. Was Sie von sich selbst halten, wird Ihnen auch wieder entgegengebracht. Sie müssen sich selbst wertschätzen, damit auch Andere das tun. Diese Selbstachtung beginnt unter anderem bei der Ernährung.«

Karla ließ die Worte auf sich wirken, wurde aber nicht wirklich schlau aus ihnen. »Wie meinen Sie das?«

»Ganz einfach: Du bist, was du isst. Mit jedem Bissen, den Sie essen, führen Sie Ihrem Körper Energie zu. Dabei haben Sie die Wahl zwischen Nahrungsmitteln oder richtigen Lebensmitteln. Als  Nahrungsmittel bezeichne ich alles, was uns zwar am Leben hält, aber nicht mit Leben erfüllt. Zum Beispiel Fertignahrung, industriell hergestellte oder stark verarbeitete Waren, Obst und Gemüse aus Zuchtplantagen. Echte Lebensmittel haben die Sonne gesehen, den Wind gespürt und Zeit zu reifen, um echten, natürlichen Geschmack zu entwickeln.«

»Ich finde nicht, dass die Currywurst gerade eben keinen Geschmack hatte«, unterbrach Karla trotzig. »Außerdem, wie stellen Sie sich das vor, keine Fertiggerichte, nur noch Gemüse aus dem eigenen Garten? Für solche Späße habe ich gar keine Zeit.«

»Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich. Ich weiß, für viele Menschen besitzt die tägliche Ernährung keine Priorität. Sie essen hastig, nebenbei und mehr aus Gewohnheit, denn aus Appetit. Ihr Körper ist allerdings Ihr Zuhause, Karla. Möchten Sie in Ihrer Wohnung nur hässliche Möbel, Dreck und Gestank? Oder nehmen Sie sich die Zeit, um gründlich sauberzumachen, zu lüften, es sich behaglich einzurichten?« Mimi Freudenstein lächelte Karla freundlich an. Sie wirkte kein bisschen wie eine Oberlehrerin, sondern so, als würde ihr das Wohl ihrer Klienten wirklich am Herzen liegen.

»Bedeutet das, ich soll nur noch Obst und Gemüse essen?« Eine schreckliche Vorstellung! Karla fröstelte schon beim Gedanken daran.

»Aber nein! Erst einmal müssen Sie sich davon freimachen, überhaupt etwas zu sollen. Hören Sie auf, sich an den Erwartungen und Maßstäben von anderen Menschen zu orientieren. Lauschen Sie ihrer inneren Stimme. Sie wird Ihnen mitteilen, was Ihnen guttut. Kommen Sie kurz mit, ich zeige Ihnen etwas.«

Zögernd folgte Karla der Ernährungsberaterin in den hinteren Bereich des Zimmers. Vor einem großen Spiegel blieben sie stehen.

»Was sehen Sie?« Mimi Freudenstein blickte Karlas Spiegelbild direkt in die Augen.

»Hm, na ja, ich sehe eine Frau Anfang dreißig mit hellbraunem, leicht gewelltem, schulterlangem Haar, das mal wieder einen Friseurbesuch vertragen könnte. Ein rundes Gesicht, das immer dick wirkt, selbst wenn ich nur noch vierzig Kilo wiege. Große braune Augen, eine knubbelige Nase, einen herzförmigen Mund, bei dem die Unterlippe zu dick und die Oberlippe zu dünn ist. Und einen Körper, der nicht gerade Modelmaßen entspricht.«

»Was sehen Sie sonst noch?« Wieder dieser direkte Blick.

»Hm. Ich weiß nicht. Eine knittrige Bluse?« Karla musterte sich angestrengt.

»Soll ich Ihnen verraten, was ich sehe? Ich sehe eine junge Frau, die so sympathisch und interessant wirkt, dass ich spontan mit ihr in ein Café gehen und mich unterhalten möchte. Ich sehe ehrliche Augen und eine unglaublich sanfte Aura, voller Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Aber auch eine große Unsicherheit. Merken Sie einen Unterschied?«

»Sie haben einen Röntgenblick?« Karla grinste.

Auch die Ernährungsberaterin musste lachen. »Ich halte mich nicht mit Äußerlichkeiten auf. Und das sollten Sie ebenfalls nicht. Sie sind okay, genau so, wie Sie sind. Dazu müssen Sie nicht abnehmen. Abnehmen ist überhaupt der falsche Ansatz.«

»Und was ist der richtige?«, fragte Karla, während sie zurück zur Sitzgruppe gingen.

»Der einzig richtige Weg, den es gibt, ist eine Ernährungsweise zu finden, mit der Sie sich wohlfühlen. Jeden Tag. Und sagen Sie nicht, Sie hätten sie bereits gefunden. Dann wären Sie nämlich nicht hier. Verwöhnen Sie sich mit hochwertigem Essen, nehmen Sie sich Zeit, genießen Sie es. Sie werden merken, dass die Änderung einer Gewohnheit viele weitere Änderungen im Verhalten nach sich ziehen wird. Wenn Sie besser auf Ihre Ernährung achten, werden Sie gleichzeitig besser auf Ihre Seele achten.« Mimi Freudenstein nahm einen Schluck Tee. Karla überlegte, ob diese Frau nie Lust auf Pommes, Pizza und Co. hatte.

»Ich soll mir also eine Diät suchen, die ich ein Leben lang durchhalten kann, oder?« Keine leichte Sache, dachte Karla.

»Streichen Sie das Wort Diät aus Ihrem Wortschatz. Schon beim bloßen Gedanken daran bekomme ich Hunger. Wie gesagt, es geht nicht um die Gewichtsabnahme. Es geht um die Abnahme von Selbstbetrug und Selbstausbeutung. Es geht darum, der Mensch zu werden, der Sie sein wollen. Die richtige Ernährung kann Ihnen dabei helfen. Damit vermitteln Sie sich Selbstachtung. Mit jedem Kilo, dass Sie verlieren, werden Sie einen Teil ihres alten Lebens hinter sich lassen.« Mimi biss in einen Keks. Hörte sich ziemlich trocken an, das gute Stück.

»Hm, und was genau soll ich jetzt tun?«, fragte Karla hilflos. Sie hatte mit diesem esoterischem Gerede noch nie besonders viel anfangen können.

»Seien Sie einfach jeden Tag ein bisschen mehr der Mensch, der Sie eigentlich sein möchten. Wenn Sie nicht weiterwissen, wenn Sie sich fragen, was Sie tun sollen, denken Sie stets darüber nach: Was würde die Karla König, die ich gerne wäre, jetzt machen? Und dann tun Sie genau das.« Mimi Freudensteins Augen glänzten.

Die Therapeutin stand auf und kam mit einem hübsch gebundenen Büchlein wieder. »Das hier möchte ich Ihnen gerne mitgeben auf Ihre Reise zu sich selbst. Es ist ein Ernährungstagebuch. Wobei die Betonung auf Tagebuch liegt.« Sie zwinkerte Karla zu. »Trauen Sie sich. Stehen Sie zu sich. Schreiben Sie es auf. Was auf Papier steht, ist viel greifbarer, als wenn es nur durch unseren Kopf geistert.«

 

2. Ballaststoffe, Einstein und Freud

Verwirrt verließ Karla die Villa. In ihrem Kopf summte ein ganzer Schwarm aufgebrachter Gedanken. Was war das denn nun? Eine reichlich seltsame Ernährungsberatung auf jeden Fall.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie jetzt abnehmen sollte.

Und was sie überhaupt abnehmen sollte. Gewicht, schlechte Gedanken, Erwartungen?

Anscheinend bräuchte sie lediglich das Richtige zu essen, und schon würde ein besserer Mensch aus ihr werden. Vielleicht war das wie mit dem passenden Dünger für Topfpflanzen? Die blühten dann ja auch viel prächtiger, hieß es.

Karla radelte in Richtung Buchhandlung. Eine Abnehm-Anleitung musste her. Ohne Konzept und nur mit guten Schwingungen würde das bei ihr niemals klappen. Ein Blick auf ihre Terrassenbepflanzung bestätigte jedem Zweifler diese Tatsache.

»Ich suche einen Abnehmratgeber«, flüsterte Karla der nagetierähnlichen Buchhändlerin ins Ohr. Musste ja nicht gleich die ganze Stadt von ihrem Vorhaben erfahren.

»Warum flüstern Sie? Ziele erreicht man am schnellsten, wenn viele Leute davon wissen und einen dabei unterstützen.« Ein eifriger Ausdruck trat in das Mäusegesicht.

»Na ja, es geht weniger um das Abnehmen an sich, als um den Ballast. Ich will Ballast loswerden.«

»Ballaststoffe sind aber sehr wichtig bei einer gesunden Ernährung. Was essen Sie denn gerne?«

Oh Gott, diese Zähne! Beinahe hätte Karla Möhrchen gesagt. Sie räusperte sich. »Ähm, Currywurst mit Zwiebeln. Und Käsespätzle, jedoch ohne den grünen Salat, der stößt mir immer auf.«

»Besonders ausgewogen klingt das ja nicht gerade.« Die Feldmaus rückte ihre überdimensionale Hornbrille zurecht, die ihr ständig von der winzigen Stupsnase rutschte. »Ich glaube, ich könnte etwas Passendes haben. Das Konzept ist perfekt für Leute wie Sie.« Die Buchhändlerin wieselte zu einem Regal und zog zielstrebig ein Buch heraus.

»Schlank im Schlaf«, las Karla laut den Titel vor. »Das könnte zu mir passen, da haben Sie recht.«

Daheim setzte sich Karla topmotiviert auf die Couch. Sie würde sich nun in das Ernährungskonzept einarbeiten und ab morgen ihr Leben ändern. Ein Gläschen Weißwein schadete dabei bestimmt nicht. Wein war ja grundsätzlich sehr gesund, voller Antioxi-Irgendwas. Oder war das nur in jahrhundertealten Eichenfässern gereifter Rotwein?

Ach, egal.

Karla spürte bereits, wie ein regelrechter Energiestrom durch ihren Körper floss und ihre Fußsohlen zu kribbeln begannen.

Interessiert klappte sie das Buch auf, das sie über Nacht schlank machen sollte. Das Konzept basierte auf einer ausgeklügelten Kombination der Nährstoffe. Das Frühstück durfte reichlich ausfallen, dabei würde dem Stoffwechsel so richtig eingeheizt. Und zwar mit Nutellabrötchen! Kohlenhydrate, Baby! Das war wirklich die genialste Diät, die jemals erfunden worden war.

Mittags gab es wunderbare Kombinationen aus leichtem Fisch oder Fleisch mit ein paar leckeren Rosmarinkartoffeln und Gemüse. Also Mischkost. Lust auf ein Dessert sollte man allerdings nicht haben. Oder es sofort im Anschluss an das Mittagessen in den Rachen schieben. Solange die letzte Kartoffel noch gar nicht ganz gekaut war, gewissermaßen. So hielt man das Insulin einigermaßen in Schach.

Abends blieb dann der Fisch alleine auf dem Teller. Eiweiß pur, gut für den Schlaf, schlecht für das Fett!

Eigentlich alles ganz easy. Es kam lediglich darauf an, das Richtige zur richtigen Tageszeit zu essen.

Okay, und das auch nur dreimal am Tag, wegen des Insulins. Das brauchte nämlich die Zeit zwischen den Mahlzeiten, also mindesten fünf Stunden, um sich zu beruhigen.

Ansonsten – kein Problem. Die Diät war superleicht umzusetzen.

Karla trank einen Schluck Weißwein.

Kalorienhaltige Getränke, besonders Alkohol, sollten vermieden werden, stand da.

Karla kratzte sich an der Nase.

Keine Zwischenmahlzeiten. Kein Alkohol.

Eigentlich frühstückte sie nicht gerne.

Sie liebte zwar Nutella, aber abends. Vor dem Fernseher. Direkt aus dem Glas.

Morgens brachte sie nichts runter. Erstens hatte sie keine Zeit, weil jede einzelne Minute im Bett zählte. Zweitens öffnete Fritten Fritz erst um 9.30 Uhr.

Karla seufzte. Das mit dem Abnehmen, das würde möglicherweise doch nicht ganz so einfach werden.

Aber vielleicht war es trotzdem einmal gut, eine andere Perspektive im Leben einzunehmen. Initiative zu zeigen. Bisher hatte sie alles eher ertragen und ausgehalten als aktiv beeinflusst. Das änderte sich nun!

Karla holte sich ein weiteres Glas Weißwein und naschte in der Küche ein Stückchen Schokolade.

Immerhin Zartbitter, so viele Kohlenhydrate konnten da gar nicht drin sein. Außerdem begann ihr neues Leben erst morgen, da durfte sie sich heute schon noch eine klitzekleine Kleinigkeit gönnen. Wahrscheinlich klappte es auf diese Weise sogar besser. Porno Paule hatte vor Jahren mit einem phänomenalen Buch zu rauchen aufgehört, bei dem man während der gesamten Lektüre weiterrauchen sollte. Er hatte nie wieder angefangen.

Die Erkenntnis traf Karla wie ein Blitz. Auch ihre Abnahme würde so funktionieren – mit essen! Ihr wurde klar, warum die Ernährungsberaterin wollte, dass sie das Wort Diät aus ihrem Vokabular strich. Damit assoziierte sie automatisch Verzicht und Entbehrung. Sie musste aber gar nicht verzichten, sie durfte essen, was sie wollte.

Okay, vielleicht nicht immer wann und wie viel sie wollte, aber das war ja nun wirklich nebensächlich.

Das Blut rauschte mit 350 km/h durch Karlas Körper.

Innerhalb kürzester Zeit würde sie schlank, zufrieden und glücklich sein. Alle anderen Frauen beneideten sie und der HGV biss sich in den Hintern, dass er sie verlassen hatte. Vielleicht verfasste sie sogar ein ähnlich erfolgreiches Buch wie das mit dem Rauchen und erlangte Reichtum und Berühmtheit. Sie würde zu einer Art Mutter Theresa des Abnehmens mutieren – all die armen, unglücklichen Menschen hingen an ihren Lippen und erfuhren durch ihre unglaubliche Weisheit Heilung. Ein tolles Gefühl!

Ungefähr so musste es für Einstein gewesen sein, als er die Relativitätstheorie erfunden hatte.

Erfand man so etwas eigentlich? Oder entdeckte man es?

Wie auch immer, Karla würde zum Einstein der Abnehmtheorien werden, das stand fest. Sie griff nach dem Ernährungstagebuch, das Mimi Freudenstein ihr geschenkt hatte. Eigentlich wollte sie erst morgen, am offiziellen Start ihrer »Diät« damit beginnen und all ihre gefutterten Speisen notieren. Doch hatte Göttin Mimi nicht gesagt, die Betonung läge auf Tagebuch? Es sprach also nichts gegen das sofortige Festhalten ihrer Gedanken, zumal sie ganz sicher weitreichende Konsequenzen für ihr weiteres Leben haben würden.

ich werde dich Freud nennen. Schließlich sollst du mir Beistand leisten, und wer könnte das besser als ein berühmter Psychoanalytiker? Sorry, du hast recht, als der berühmteste Psychoanalytiker. Wobei ich sagen muss, ganz schön geltungssüchtig, alter Mann. Da könnte ich jetzt bestimmt so einiges hineindeuten, in deine kleinliche Korrektur. Aber keine Sorge, mache ich nicht. Hier geht es nämlich nur um mich.

Genau, du hast richtig gelesen.

NUR UM MICH.

Ich habe endlich erkannt, dass ich meinem Ich mehr Raum geben muss. Also jetzt nicht unbedingt in physischer Hinsicht, sondern in psychischer. Ich denke, es handelt sich dabei um eine umgekehrte Proportionalität. Je dünner ich werde, desto dicker wird mein Ego. Seltsam, klingt schon wieder so mathematisch. Hat Abnehmen etwas mit Mathematik und Physik zu tun? Einstein war ja auch sehr schlank, oder? Bestimmt konnte er im Handumdrehen seinen täglichen Kalorienbedarf berechnen.

Aber das muss ich ja zum Glück nicht. Ich muss einfach nur ein bisschen anders essen. Also all das, was ich abends vor dem Fernseher in mich hinein futtere, zum Frühstück. Und den Nachmittagskuchen gleich nach dem Mittagessen. Dürfte nicht so schwer sein.

Und du, Freud, bist ja jetzt auch noch da. Allerdings sage ich dir gleich: Ich werde gar nicht erst anfangen, jeden verputzten Bissen hier zu notieren, anstrengende Berechnungen anzustellen und mir deine schäbigen Kommentare dazu anzuhören. Das hat nämlich gleich wieder so etwas Zwanghaftes.

Meine Ziele sind mentale Freiheit und die Verwirklichung meiner Träume. Und niemand wird Karla König davon abhalten!

Vogelfrei,

 

3. PIBEAMEA

»Frau König, bitte kommen Sie kurz in mein Büro, ja?«, flötete Karlas Chef ins Telefon. Schnell würgte sie den Rest ihres dritten Schokocroissants hinunter und spülte mit einem kräftigen Schluck Kaffee nach. Sie konnte sich an diese Frühstückerei einfach nicht gewöhnen.

»Was gibt’s, Herr Preuninger?«, fragte Karla, als sie nach einem schneidigen »Herein« zu Porno Paules Schreibtisch eilte.

»Gut sehen Sie aus, meine Liebe. Bis auf die Krümel da«, er deutete auf Karlas linke Schulter, »und da.« Er deutete auf den Spitzenbesatz ihres Ausschnittes.

Peinlich!

Verlegen wischte Karla die Croissantreste beiseite. Ihr Chef nickte zustimmend, verkniff sich aber zum Glück ein »viel besser«. Er gehörte zu der Sorte Mensch, die selbst nach einem dreimonatigen Aufenthalt im Dschungelcamp mit anschließender Wüstendurchquerung noch wie aus dem Ei gepellt im maßgeschneiderten Dreireiher glänzten. Dezent duftend, wohlgemerkt.

»Ich merke, das Treffen mit der Ernährungsberaterin hat Ihnen gutgetan. Sie strotzen förmlich vor Energie, nicht wahr? Ach, Mimi ist einfach eine tolle Frau.« Der Blick ihres Chefs glitt verträumt in die Ferne. Karla mochte sich nicht vorstellen, was genau er dort sah. »Auf jeden Fall, jetzt, wo es Ihnen so viel besser geht, hätte ich eine aufregende Herausforderung für Sie. Denn seien wir mal ehrlich, mit den alten Jungs sind Sie doch unterfordert, da bleiben Sie weit hinter ihren eigenen Fähigkeiten zurück.«

»Sie wollen mir meine »BUBÄN« wegnehmen?« Karlas Hals wurde ganz trocken.

»Wegnehmen ist ein hartes Wort, Frau König. Sagen wir so, ich befördere Sie. Das klingt doch gleich viel netter.« Paul Preuninger grinste begeistert.

»Bekomme ich dann auch mehr Gehalt?«, fragte Karla sarkastisch.

»Ach, Frau König, Geld ist überschätzt. Der Wert Ihrer Leistung lässt sich damit doch gar nicht ausdrücken.« Ihr Chef erhob sich und klopfte Karla aufmunternd auf die Schulter. Dann drückte er ihr ein ungefähr hundertseitiges, lose gebundenes Heft in die Hand. »Lesen Sie sich das durch, da steht alles drin. Bis morgen, bitte. Danke.«

Perplex verließ Karla das Büro ihres Vorgesetzten. Nach einigen Monaten hatte sie endlich das Vertrauen der »BUBÄN«-Maßnahmemitglieder gewonnen, und nun sollte sie die Kerle jemand anderem überlassen. Schweinerei! Sie stürzte ins Büro von Fanny, ihre Kollegin und mittlerweile beste Freundin. Die lustige Österreicherin arbeitete bereits seit gefühlten hundert Jahren als Jobcoach und Bewerbungstrainerin bei Preuningers Perspektive, dem größten Bildungsträger der Stadt.

»Ich muss meine Silberschätzchen abgeben«, moserte Karla beleidigt.

»Oh nein, warum das denn?« Aus rotgefassten Brillengläsern blickten sie gütige Augen fragend an.

»Weil ich das hier übernehmen soll.« Karla schleuderte das Heft genervt auf Fannys Schreibtisch. Die warf einen kurzen Blick darauf.

»Herrje, jetzt hat es dich aber erwischt! Schöner Mist.«

»Du weißt, was ›PIBEAMEA‹ ist?«

»Persönliche Intensivbetreuung einzelner Arbeitsloser mit erhöhtem Aktivierungsbedarf.« Fanny konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Wer sich nur immer diese Bezeichnungen ausdachte …

»Mein Gott, bitte sag, dass das nicht heißt, was ich vermute.« Karla stöhnte laut auf und sank langsam auf den Besucherstuhl.

»Ich glaube, da muss ich dich enttäuschen.« Fanny tätschelte beruhigend Karlas Arm, doch die Geste zeigte keinerlei besänftigende Wirkung.

»Hast du noch diese unglaublich leckeren Mozartkugeln hier?«, fragte Karla mit leicht aggressivem Unterton in der Stimme.

»Keine Zwischenmahlzeiten.« Fanny zog mit gespieltem Ernst die Brauen nach oben, begann aber bereits, in der Schublade zu kramen.

»Zwei Stück. Jetzt. Sofort. Zählen quasi noch zum Frühstück.«

Kauend trat Karla in ihr Büro. Vor ihrem Schreibtisch saß eine junge Frau, die unverzüglich aufsprang, als sich die Tür öffnete.

»Hallo, ich bin Jessica, die neue Praktikantin. Herr Preuninger meinte, Sie wären meine Ansprechpartnerin. Ich soll Sie bei dem Projekt ›BUBÄN‹ unterstützen.« Die junge Frau, bestimmt Studentin der Sozialpädagogik, wirkte sympathisch. Lange blonde Haare, blaue Strahleaugen und ein nettes Lächeln. Außerdem eine angenehm zurückhaltende Art. Trotzdem, sie wollte an Karlas »BUBÄN« und das war alles andere als in Ordnung.

»So, hat Herr Preuninger das gesagt. Und was sagt er sonst noch so?« Ungeniert stopfte sich Karla die zweite Mozartkugel in den Mund.

»Dass Sie sein bestes Pfe…, ähm, seine beste Mitarbeiterin, seien und ich eine Menge von Ihnen lernen könnte.« Jessica wurde rot.

»Er hat Pferd im Stall gesagt, geben Sie’s zu.«

»Ich glaube, er hat es als Kompliment gemeint«, versuchte das junge Ding, den Chef zu verteidigen.

»Hat er das, glauben Sie? Na ja, immerhin bezeichnete er mich nicht als Stute. Wie lange dauert Ihr Praktikum?«

»Sechs Monate.«

»Gut, dann haben Sie ja genügend Zeit, sich eine umfassende Meinung über Herrn Preuningers Komplimentkompetenz zu bilden. Und nun folgen Sie mir bitte – eine anständige Praktikantin muss schließlich wissen, wo sich die Kaffeeküche befindet.«

Jessica tappte wie ein zurechtgewiesener Hundewelpe hinter ihrer neuen Chefin her.

Mit einer enthusiastischen Vorstellung des ultramodernen Kaffeevollautomaten versuchte Karla, ihre gerade zur Schau gestellte Ruppigkeit wieder gut zu machen.

»Einfach Knöpfchen drücken und fertig. Sehen Sie – kinderleicht!« Stolz präsentierte Karla zwei Kaffeetassen und reichte Jessica eine davon.

»Geben Sie nicht Milch und Zucker rein?«

»Milch und Zucker sind Nahrungsmittel. Ein einfacher Kaffee wird dadurch zur Zwischenmahlzeit. Zwischenmahlzeiten sind verboten, sie fördern die Insulinausschüttung und hemmen die Fettverbrennung.« Karla bemerkte, wie Jessica einen Schritt zurückwich und sie verstört anschaute. Hm, vielleicht hatte sie ihr Wissen etwas zu vehement vorgetragen.

»Ich mache gerade eine …, also ich beschäftige mich mit Ernährung. Ist so ein kleines Hobby von mir.« Karla versuchte, eine Extraportion Herzlichkeit in ihr Lächeln zu legen. Wenn sie schon als verrückt abgestempelt würde, dann wenigstens als liebenswert verrückt.

»Aber Mozartkugeln sind okay?«, fragte die Praktikantin. Allerdings in einem so unschuldigen Ton und mit so einem ehrlichen Fragezeichen in den Augen, dass keine böse Absicht dahinter stecken konnte.

»Ich sehe, Sie sind nicht auf den Kopf gefallen. Das ist gut. Meine ›BUBÄN‹ mögen smarte Mädels. Und nun kommen Sie mit, dann erkläre ich Ihnen, um was es geht.«

 

4. Wie immer. Ohne Pommes.

Asche auf mein Haupt. Wir haben nun bereits Ende Januar und ich habe dir weder meine bisher verspeisten Kalorien noch meine Gedanken und Gefühle mitgeteilt. Außerdem war ich noch immer nicht auf der Waage.

Ich gebe zu, es ist kontraproduktiv, einen Gewichtsverlust anzustreben, wenn man nicht einmal sein Ausgangsgewicht kennt. Wobei ich zu meiner Verteidigung sagen muss, dass sehr viele Diätgurus darauf schwören, keine unpersönliche Zahl, sondern das eigene Spiegelbild als Maßstab zu nehmen. Denn der Körper kann schlanker werden und schlanker aussehen, obwohl man rein faktisch nicht abgenommen hat.

Meistens geschieht das allerdings durch den Aufbau von Muskelmasse infolge eines regelmäßig absolvierten Sportprogramms, was ich in meiner momentanen Situation leider ausschließen muss. Oder gelten Träume, in denen man vor seinem Chef davonläuft, als Sport? Du verstehst sicherlich, dass ich daher zur Zeit eine Konfrontation sowohl mit Zahlen als auch mit Bildern scheue.

Gut, aber ich wollte mein Ernährungstagebuch – respektive dich – ja auch nicht mit so profanen Dingen wie Abnehmstrategien und verspeisten Kalorien belasten. Nicht mein (hoffentlich bald) schwindendes Gewicht, sondern mein wachsendes Selbstbewusstsein und meine positiv transformierten Gedanken sollen Gegenstand meiner Betrachtungen sein.

Tja, was gibt es zu erzählen.

Ähm.

Also.

Grübelnd,

 

Karla legte den Stift beiseite. Warum war es eigentlich so viel einfacher, sich auf seine negativen Seiten zu besinnen, als auf seine positiven? Im Job schaffte sie es doch auch, den Menschen ihre Stärken aufzuzeigen. Meistens jedenfalls.

Sie schaute auf die Uhr. Schon nach sieben. Sie hatte noch nicht zu Abend gegessen, verspürte allerdings wenig Lust, sich einen Salat zuzubereiten oder zum dritten Mal in dieser Woche ein Fischfilet aus der Familienpackung in der Mikrowelle aufzutauen. Sie würde Fritten Fritz einen Besuch abstatten, eine Ausnahme müsste schließlich mal erlaubt sein.

Als Zugeständnis an ihre Diät könnte sie ja einfach die Pommes weglassen.

»Wie immer, Karla?«

»Wie immer, Fritz. Aber ohne Pommes.«

Fritz hielt in seinem automatisierten Bewegungsablauf inne und glotzte seine Stammkundin ungläubig an. »Wie, ohne Pommes? Kaufst du auch ein Auto ohne Reifen oder springst in einen Pool ohne Wasser?«

»Wenn’s schlank macht.« Karla blies hörbar die Luft durch die Nasenlöcher und zog entschuldigend die Schultern nach oben.

»Bist du jetzt immer noch auf dem Trip?« Fritz schüttelte verständnislos den Kopf. »Schau mich an, ich bin so ziemlich das Gegenteil von dem, was uns von den ganzen Medienfuzzis als Schönheitsideal verkauft wird und ich erfreue mich bester Gesundheit. Über mangelndes Interesse des weiblichen Geschlechts kann ich auch nicht klagen. Nicht nur an meiner Currywurst, wohlgemerkt!«

»Friiiiitz.« Karla kreischte seinen Namen beinahe. Normalerweise gehörte sie nicht zu den Frauen, die schrill wurden und bei jeder Kleinigkeit in Hysterie verfielen, aber es gab Grenzen. Das Sexleben des walförmigen Imbissbudenbesitzers zählte definitiv dazu. Obwohl es eine Ungerechtigkeit seinesgleichen darstellte, dass der rotwangige Pommesbuddha über eines verfügte und sie nicht.

Unweigerlich musste Karla an den Hundsgemeinundverlogen und seine asiatische Kinderbraut denken. An ihre dürren Waden, die zwischen all den größenwahnsinnigen Plänen auf seinem Schreibtisch hervorragten. An Joachims rhythmisch wackelndes Hinterteil. Und an ihre eigene Fassungslosigkeit, Zeugin dieses grauenvollen Akts zu werden.

Wahrscheinlich hatte einfach jeder Sex, nur sie nicht.

»Also mit Pommes?«, riss Fritz sie aus ihren düsteren Gedanken.

»Mit einem Pommes«, gestand Karla ihm gnädig zu.

Zufrieden packte Fritz drei Pommes und extra viele Zwiebeln auf das Papptellerchen zur Currywurst und stellte einen Korn daneben.

»Wird schon wieder, Mädchen, wird schon wieder.«

Erst jetzt bemerkte Karla, dass ihr eine Träne übers Gesicht lief.

 

5. Extra viele Kohlenhydrate mit Nussnougattopping

»Was ist das?« Karla starrte fassungslos auf das riesige Herz aus rosaroten Post-its an ihrer Bürowand und den Kuchen auf ihrem Schreibtisch.

»Ein kleiner Gruß von den ›BUBÄN‹ und mir. Sie wollen sich damit bei Ihnen für die liebe Betreuung bedanken – und ich mich für die nette Aufnahme hier.« Jessica lächelte Karla unsicher an. Die Praktikantin konnte ihre Chefin noch immer nicht so recht einschätzen.

»Wie haben Sie die alten Jungs dazu gebracht? Haben Sie sie verhext?« Karla wusste, wie sehr sie am Anfang mit den Teilnehmern der Maßnahme »Beratung und Betreuung älterer Nichtarbeitender« gekämpft hatte. Viele Male war sie schluchzend und heulend aufs Klo geflüchtet. Fanny hatte sie nur mit einer großzügigen Portion Mozartkugeln wieder aus der geschlossenen Kabine locken können.

»Jetzt mal ehrlich Frau König, Sie haben so gute Vorarbeit geleistet! Die Silbermähnen waren am Boden zerstört, dass Sie nun einen anderen Kurs leiten müssen.« Jessica sagte das nicht, um sich einzuschleimen. Ihre Worte klangen aufrichtig.

Gerührt trat Karla näher an das Herz heran und las einige der »Liebesbotschaften« ihrer ehemaligen Teilnehmer.

»Danke für das Gefühl, etwas wert zu sein«, »Verständnis statt Verachtung«, »Wahrnehmung als Mensch, nicht als Nummer«, »Ein Lächeln, dass auch am kältesten Wintermorgen warm ums Herz macht« und viele weitere Nettigkeiten standen da geschrieben.

»Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutet. In dem Job gelangt man psychisch so häufig an seine Grenzen, nicht selten fragt man sich: ›Warum mache ich das eigentlich?‹ Na ja, diese Momente werden Sie wahrscheinlich selbst noch erleben. Und was ist mit dem Kuchen da? Haben den auch die alten Männer gebacken? Dann glaube ich wirklich, dass Sie eine Hexe sind.« Karla näherte sich interessiert dem saftigen Schokogebäck. Was für ein Duft. Herrlich! Gut, dass sie gestern Abend auf die Pommes verzichtet hatte.

»Extra viele Kohlenhydrate mit Nussnougattopping. Ich hoffe, Sie haben noch nicht gefrühstückt.«

»Karla«, sie streckte Jessica ihre Hand entgegen, überlegte es sich dann aber kurzerhand anders und nahm die Praktikantin in den Arm, »ich denke, wir sollten du zueinander sagen.«

»Kommt der PP auch?«, fragte Fanny, während sie drei große Stücke von dem Kuchen schnitt.

»Nein, der hat einen Auswärtstermin«, antwortete Karla und stellte Geschirr und Besteck auf den Tisch.

»Gut, ich muss dir nämlich was erzählen. Ich habe den HGV gesehen. Mit seinem asiatischen Jüngling. Haben nicht gerade besonders glücklich ausgesehen, die zwei.«

Jessica stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. »PP, HGV? Wovon redet ihr eigentlich?«

Fanny und Karla warfen sich einen vielsagenden Blick zu. »Ganz einfach«, ergriff Fanny das Wort, nicht ohne sich vorher ein riesiges Stück Kuchen in den Mund zu stopfen und genießerisch zu kauen, »die Marotte der Maßnahmen-Abkürzungen ist auf uns übergegangen – PP ist unser lieber Chef, Por-, ähm, Paul Preuninger und der HGV ist der hundsgemeinundverlogene Ex von Karla. Dein Kuchen ist übrigens OML.«

»Obermegalecker?« Jessica blickte fragend in die Runde.

Fanny nickte begeistert.

»Ich hab’ dir doch gesagt, dass sie ein schlaues Köpfchen ist«, bestätigte Karla die Begeisterung ihrer Kollegin und lächelte Jessica anerkennend zu. »Aber nun weiter im Text. Wo hast du den HGV gesehen? Wie hat er ausgesehen? Und was hat sie angehabt?«

»Sie waren im Möbelhaus. Stell dir das mal vor – der größte Architekt aller Zeiten in einem gewöhnlichen Mitnahme-Möbelmarkt.«

Karla fuchtelte ungeduldig mit den Händen, damit ihre Freundin endlich weitererzählte. Die wirklich wichtigen Dinge erzählte.

»Sie waren in der Küchenabteilung. Die Miene vom HGV war schmerzverzerrt, während sie wie verrückt auf ihn einredete und auf eine Angebotsküche deutete. In scheußlichem Bordeauxrot.«

»Für was braucht die überhaupt eine Küche? Die isst doch sowieso nur rohen Fisch.« Karla schnaubte verächtlich. »Was hat sie angehabt?«

»Eine Latzhose und darunter ein geringeltes T-Shirt. Hätte gut ausgesehen, wenn sie ein zwölfjähriger Junge wäre.«

Karla wusste, dass es auch so gut ausgesehen hatte. Aber ihre Freundin hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als das vor ihr zuzugeben.

»Noch ein Stück?«, fragte Jessica mitfühlend und deutete auf den Kuchen.

»Nein, danke«, winkte Karla ab. Sie würde jetzt endlich abnehmen! Es wäre doch gelacht, wenn sie vor einer streitsüchtigen, flachbrüstigen, hinternlosen Latzhosenträgerin klein beigeben würde.

 

Mimi Freudenstein hatte recht. Durch die Änderung meiner Ernährung passieren ganz wundersame Dinge mit mir.

Nein, ich habe (noch) nicht abgenommen, falls du das fragen wolltest. Genauer gesagt, ich weiß nicht, ob ich abgenommen habe. Ich war weder auf der Waage, noch habe ich mein Spiegelbild einer intensiven Betrachtung unterzogen.

Es ist etwas viel (Ge-)Wichtigeres passiert. Ich bin mir selbst ein Stück näher gekommen. Als Fanny heute den HGV erwähnte, spürte ich einen richtigen Stich in meinem Herzen. Hörst du, ich habe etwas gespürt! Die Taubheit ist verflogen, meine Lähmung schwindet. Ich bin in der Lage, Wut, Trauer und Eifersucht zu empfinden. Das ist unglaublich befreiend! Die Wut ist wie ein reinigendes Gewitter durch meinen Körper gezogen und hat sämtliche von Selbstmitleid verklebte Synapsen gesäubert. Mein Denken ist nun unheimlich klar.

Nicht ich bin schuld, dass mich der Mistkerl für diese flacharschige Geisha verlassen hat. Und noch wichtiger: Auch mein dicker Hintern ist es nicht! Sondern seine Ruhelosigkeit, seine Suche nach dem immer Besseren. Er ist ein bemitleidenswertes Opfer unserer modernen Gesellschaft, die denkt, dass jedem jederzeit alle (Hosen)Türen offenstehen.

Da sich heute kein einziger meiner neuen Teilnehmer blicken ließ (der erhöhte Aktivierungsbedarf scheint tatsächlich gegeben zu sein), nutzte ich die Zeit für ausführliche Internetrecherchen. Dabei wurde mir einiges klar.

1. Es ist leichter, die Fehler des anderen zu erkennen, als seine eigenen.

2. Joachim steckt in der Midlife-Crisis.

3. Joachim besitzt charakterliche Defizite, die ihm höchstwahrscheinlich auch in der jetzigen Beziehung zum Verhängnis werden.

4. Joachim versucht, die eigene Unsicherheit hinter Statussymbolen und großspurigem Auftreten zu verstecken.

5. Wenn ich wieder glücklich werden will, muss ich mich auf mich selbst und meine Ziele und nicht auf Joachim konzentrieren.

Oh, es klingelt. Das ist bestimmt der Pizzaservice …

Mit besten Vorsätzen,