Leseprobe: Der Mann aus den Highlands

Kapitel 1

Farthingloe Hall

Amy stieg aus dem Auto und atmete tief durch. Die salzige Luft kitzelte sie in der Nase und das Kreischen der Möwen hallte in ihren Ohren. Genüsslich ließ sie den Blick über den Horizont und das Meer schweifen. Es war schön, wieder in Farthingloe Hall zu sein. Ach was, es war herrlich!

Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete Amy das verwitterte Holztor. Es schwang mit einem filmreifen Quietschen auf und gab den Weg zum Haus ihrer Großtante Margaret frei. Fast zeitgleich ging die Haustür des verwunschenen edwardianischen Anwesens auf, und eine kleine, alte Frau mit grauem Dutt und dicker Hornbrille kam auf Amy zugeeilt.

»Das Ding funktioniert besser als jeder Wachhund«, begrüßte Margaret sie und schielte grinsend zu der knarzenden Gartenpforte. »Aber jetzt lass dich erst mal drücken, Schätzchen. Schön, dass du hier bist!« Die zierliche Frau stellte sich auf die Zehenspitzen und nahm ihre Großnichte fest in die Arme.

Amy sog den vertrauten, würzigen Duft ein, den ihre Großtante zu jeder Tages- und Nachtzeit verströmte. Eine Mischung aus Holz, Polierpaste, Kräutern, Farben und Meer. Sie liebte diesen Geruch, er bedeutete Heimat für sie.

Und Geborgenheit.

Ein Gefühl, das sie nur allzu oft vermisste und eigentlich ausschließlich auf Farthingloe Hall erlebte, dem weitläufigen Anwesen ihrer Großtante an der Südostküste Englands. Sie sollte London viel öfter den Rücken kehren und hier herauskommen. An den Ort, an dem sie aufgewachsen war.

»Ich freue mich auch riesig, hier zu sein, Tantchen«, sagte Amy, griff nach ihrer Reisetasche und hakte sich bei Margaret unter. Arm in Arm schlenderten sie zum Haus. Dabei wanderte Amys Blick durch den gepflegt-verwilderten Garten des stattlichen Landhauses, den sie so sehr liebte.

Als Kind verbrachte sie hier viele magische Stunden und fand Zuflucht vor einer Welt, die ihr nach dem Unfalltod ihrer Eltern nur noch feindlich und düster vorkam. Doch die herzliche Fürsorge von Margaret und die Ruhe des friedlichen Anwesens gaben ihr nach und nach den Lebensmut zurück und machten sie zu einer starken und unabhängigen Frau. Ein bisschen zu unabhängig vielleicht …

»Und, was macht die Liebe?«, fragte ihre Großtante just in diesem Moment und grinste sie verschmitzt an.

»Das Übliche«, stöhnte Amy. »Den passenden Mann werde ich mir wohl schnitzen müssen.«

»Du kommst einfach ganz nach mir.« Margarets Blick verdüsterte sich. »Weißt du, ich frage mich oft, ob es richtig war, dich so alleine hier draußen großzuziehen. Manchmal mache ich mir Vorwürfe und denke, ich habe dir damit keinen Gefallen getan.«

Amy blieb ruckartig stehen und packte ihre Großtante sanft an den Schultern. »Sag so etwas nie wieder! Hörst du? Nie wieder!« Sie schaute Margaret eindringlich an. »Du bist das Beste, was mir im Leben passiert ist und ich fühle mich nirgendwo auf der Welt so glücklich wie hier.«

Amy drückte ihrer Großtante einen Kuss auf die Stirn und folgte ihr dann in die kleine Empfangshalle des verwinkelten Bauwerks. Die erste Diele nach der Haustür gab beim Betreten ihr typisches »Klock« von sich und Amy fühlte sich sofort zu Hause. Jedes Mal, wenn sie das alte Gebäude betrat, schien es ihr, als würde sie ein magisches Tor passieren und in einer ganz eigenen Zauberwelt landen, einem Ort, der eigentlich gar nicht existierte.

»Heißt das, du nimmst mein Angebot an?«, fragte Margaret und neigte ihren Kopf schief, was ihr ein wenig das Aussehen einer neugierigen Schleiereule verlieh.

»Du hast Apfelkuchen gebacken!«, schwärmte Amy und wechselte damit schnell das Thema. Sie wollte ihre Großtante nicht gleich zu Beginn des Besuches enttäuschen. »Er riecht einfach wunderbar.« Mit in die Luft gestreckter Nase schnupperte Amy den unnachahmlichen Duft, der verführerisch durchs Haus zog.

»Lenk nicht ab, meine Liebe«, ermahnte Margaret sie mit spielerischem Ernst. »Sonst ess ich ihn ganz alleine auf.«

Nachdem Amy die Reisetasche auf ihr Zimmer gebracht und sich ein wenig frisch gemacht hatte, setzte sie sich zu ihrer Großtante auf die Terrasse. Wie immer war der Tisch liebevoll gedeckt, und Margarets Leidenschaft für schöne und kreative Dinge kam in jedem Detail zum Ausdruck: Die roséfarbene Kuchenplatte aus antikem Porzellan, die geschliffenen Kristallgläser von einem modernen Designer, die rustikale Häkeldecke vom Flohmarkt, die selbstgedrechselten Holzblumenvasen mit ihren skurrilen Formen, die quietschbunten Patchworkservietten aus dem verrückten Laden in Brighton – es war ein Fest für die Sinne, an Margarets Gestaltungsliebe Anteil zu nehmen.

Und ihren Apfelkuchen zu genießen.

Der schmeckte nämlich absolut unvergleichlich, obwohl er eher unscheinbar aussah. Doch die dicke Schicht geriebener Äpfel, die selbst gemachte Preiselbeermarmelade und der buttrig-bröselige Mürbteig machten ihn zu einem einmaligen Geschmackserlebnis. Normalerweise achtete Amy sehr auf ihre Figur, aber bei Kuchen – vor allem dem Apfelkuchen ihrer Großtante – hatte sie noch nie widerstehen können. Lächelnd lud Margaret ein zweites Stück auf ihren Teller. Am Strahlen in ihren Augen erkannte Amy, wie sehr sich die alte Frau freute, ihre Großnichte mit ihren Backkünsten zu verwöhnen.

»Ich möchte noch mal auf meine Frage von vorhin zurückkommen«, sagte Margaret schließlich, nachdem sich Amy gerade einen extragroßen Bissen Kuchen in den Mund geschoben hatte. Wahrscheinlich hoffte ihre Großtante so auf einen geringeren verbalen Widerstand. »Hast du über mein Angebot nachgedacht, Liebes?« Das hoffnungsvolle Lächeln in Margarets Gesicht versetzte Amy einen Stich mitten ins Herz.

Bedächtig legte sie ihre Kuchengabel beiseite, tupfte sich mit der Serviette den Mund ab und seufzte leise. Verdammt, warum musste ihre Großtante so hartnäckig sein – noch eine der vielen Eigenschaften, die sie von der extravaganten Frau übernommen hatte.

»Margaret, ich weiß dein Angebot wirklich sehr zu schätzen, aber …«

»Aber was, Amy? Du erzählst mir so oft, dass dich London nervt – der Lärm, der Stress, die Menschen – dass du dich nach dem weiten Grün der Landschaft und dem Rauschen des Meeres sehnst – all das hast du hier.« Margaret machte eine ausladende Handbewegung.

Genau, dachte Amy verbittert. Und Lucas. Inklusive Vorzeigeehefrau, Vorzeigekind und Vorzeigefamilie. Nein danke! Laut schnaufend stieß sie die Luft aus.

»Du denkst an Lucas, nicht wahr?«, fragte Margaret beinahe zärtlich. »Lass die Vergangenheit ruhen, Amy. Du hast damals eine Entscheidung getroffen und sie war zu dieser Zeit die einzig passende für dich. Warum solltest du sie bereuen? Es gibt noch jede Menge anderer Männer auf dieser Welt.«

»Das sagt genau die Richtige«, spottete Amy. Ihre Großtante lebte seit dem frühen Tod ihres Mannes vor über vierzig Jahren alleine. Von ein paar wilden Affären einmal abgesehen.

»Du hättest das komplette Haus für dich«, überging Margaret die kleine Stichelei. »Ich ziehe ins Gartenhaus, was soll ich mit meinen fast achtzig Jahren in dem großen Kasten mit den tausend Treppen? Da ist eine junge Familie viel besser aufgehoben.«

»Darf ich dich daran erinnern, dass ich noch nicht einmal über einen Freund verfüge, von einem potenziellen Kindsvater ganz zu schweigen? Du wirst doch wohl nicht dement werden, Aunty, oder?«, neckte Amy ihre Großtante und schüttelte lachend den Kopf.

»Papperlapapp. Was nicht ist, kann ja noch werden. Hier in der Gegend gibt es einige flotte Kerle, die ich nicht von der Bettkante stoßen würde – wäre ich fünfzig Jahre jünger.«

»Lalalalala«, summte Amy laut und steckte sich demonstrativ die Finger in die Ohren. »Ich will das nicht hören, Margaret.«

Die alte Frau griff nach Amys Hand und wurde ernst. »Amy, bitte, komm zurück. Du bist eine begnadete Restauratorin. Die Leute würden dich mit Arbeit überschütten. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht einen Auftrag ablehne. Aber was soll ich mit meinen arthritischen Fingern und beinahe blinden Augen schon noch ausrichten? Für mich ist es an der Zeit, ans Aufhören zu denken. Doch ich habe mein ganzes Wissen an dich weitergegeben, Amy – zusammen mit deinem einzigartigen Talent könntest du weltberühmt werden. Wirf diese Gabe nicht einfach so weg. Bitte!«

»Ich bin auch ein sehr guter Locationscout«, antwortete Amy trotzig, weil sie diese Diskussion hasste. Zu oft hatte sie sie bereits geführt – immer mit dem gleichen Ergebnis: Margaret war enttäuscht und sie selbst verwirrt.

»Als Restauratorin wärst du herausragend«, erwiderte ihre Großtante beharrlich.

»Ich könnte dir und deiner Arbeit nie das Wasser reichen. Und das weißt du auch«, sagte Amy mit sanfter, aber trauriger Stimme.

Margaret war so etwas wie die Vivienne Westwood unter den Restauratoren und auf der ganzen Welt für ihre Arbeit berühmt. Sie hatte die Gabe, die wahre Schönheit der Dinge zu sehen, bevor sie ans Tageslicht traten. Sie konnte unter die Oberfläche blicken, Visionen entwickeln und sie mit diffiziler Kleinstarbeit aus Gegenständen herausarbeiten – bis sie in einem neuen Glanz erstrahlten, der ihre ursprüngliche Ästhetik oftmals sogar in den Schatten stellte.

»Das stimmt nicht, Schätzchen. Du würdest mich übertreffen. Aber dazu müsstest du dein Talent auch ausleben, ihm erlauben, sich zu entfalten. Und nicht ständig vor ihm davonlaufen.«

»Ich laufe nicht vor meinem Talent weg. Ich liebe einfach meinen Job.« Amy zog eine Schnute wie ein kleines Mädchen.

»Du weißt am besten, dass du dich gerade selbst belügst.« Margaret schenkte Amy ein mildes Lächeln. »Ich will nur, dass dir bewusst ist, dass die Türen von Farthingloe Hall immer für dich offen stehen. Und dass man die Weichen im Leben jederzeit anders stellen kann. Nichts ist für die Ewigkeit festgeschrieben.«

»Mums und Dads Tod schon«, erwiderte Amy verbittert.

»Ach, Liebes«, seufzte Margaret nur und tätschelte die Hand ihrer Großnichte.

Amy erhob sich und stellte die benutzten Teller und Tassen auf einem von den Jahren gegerbten Eichenholztablett zusammen. Dann trug sie das Geschirr schweigend ins Haus.

»Ist es okay für dich, wenn ich ein bisschen spazierengehe?«, fragte sie, als sie aus der Küche zurück auf die Terrasse trat.

»Natürlich«, versicherte Margaret, »ich habe sowieso noch an einem Schränkchen zu arbeiten. Ein Dachbodenfund, wunderbares Stück, du musst es dir nachher unbedingt ansehen.«

»Ich komme dann zu dir in die Werkstatt«, versprach Amy und verließ die Terrasse in Richtung des hinteren Gartentors. Es führte direkt zu den Klippen, die einen atemberaubenden Blick auf das Meer boten. Kurz blieb Amy stehen und genoss die sagenhafte Kulisse, bevor sie dem Wanderweg hoch über der Küste nach Süden folgte.

Es tat so gut, dem Lärm und der Hektik Londons zu entkommen. Hier, an der Küste bei Folkestone, hatte sie jedes Mal das Gefühl, sich in einer anderen Welt zu befinden. Die Ruhe, das Rauschen der Wellen und das satte Grün der Hügel hatten rein gar nichts mit der pulsierenden Geschäftigkeit Londons gemein. Dabei lag dieses Paradies keine zwei Autostunden von der Metropole entfernt.

Ja, Margaret hatte recht: Sie gehörte hierher. Aber sie war noch nicht bereit dazu. Und Amy wusste auch nicht, ob sie jemals dazu bereit sein würde.

Vorsichtig stieg sie einen felsigen Pfad zu einer kleinen Bucht hinab und setzte sich auf einen dicken Stamm Treibholz, der an den Strand gespült worden war. Versonnen starrte sie auf das Meer.

Redete sie sich wirklich nur ein, dass sie ihren Job als Locationscout liebte?

Nein, ganz bestimmt nicht. Sie hatte tatsächlich ein sicheres Händchen dafür. Trotzdem war Amy im Grunde ihres Herzens kein Stadtmensch. Sie verabscheute die Oberflächlichkeit der Bindungen, die Anonymität der Menschen und die immerwährende Rastlosigkeit, die einen selbst nie zur Ruhe kommen ließ. Sie hatte das Gefühl, dass die Geschwindigkeit des städtischen Lebens auch auf die Menschen dort abfärbte und sie bis in die letzte Pore durchtränkte. Alles und jeder war immer im Stress – wenn dieser nicht beruflicher Natur war, dann hetzte man in der Freizeit von Ereignis zu Ereignis, um nur ja nichts zu verpassen. Wie Marionetten auf Ecstasy, dachte sie oft, wenn sie morgens vom winzigen Balkon ihrer Küche das bereits fieberhafte Treiben auf der Straße beobachtete und dabei müde in ihren heißen Kaffee pustete.

YOLO – you only live once, lautete das Motto der jungen Generation. Es gehörte zum guten Ton, alles mitzunehmen, was ging. Amy fragte sich manchmal, ob das Hasten von Erlebnis zu Erlebnis das Leben wirklich reicher machte – oder einfach nur oberflächlicher. Oft schien es ihr, als würden die Menschen von Moment zu Moment eilen, bloß um ein hübsches Foto zu schießen, das sie auf Facebook oder Instagram posten konnten. Seht her, wie toll mein Leben ist!

»Amy?«

Amy zuckte zusammen, als sie von der tiefen Stimme aus den Gedanken gerissen wurde.

Von der tiefen, unverwechselbaren Stimme.

»Lucas«, erwiderte sie matt und drehte sich um, ohne ein Lächeln im Gesicht. Das änderte sich schlagartig, als Buster, Lucas unförmige Promenadenmischung, die aussah wie eine Kreuzung aus Dackel und Hyäne, hinter einem Felsen hervorkam und auf sie zugaloppierte. Ungeachtet seiner sandigen Pfoten sprang der Hund auf ihren Schoß und schleckte ihr mit Hingabe übers Gesicht.

»Bah, Buster, du bist noch immer so widerlich wie eh und je«, stöhnte sie grinsend, bugsierte den Hund zurück auf den Boden und kraulte ihm den Bauch, was er grunzend genoss.

»Buster müsste man sein«, seufzte Lucas und setzte sich neben sie.

Sofort verdüsterte sich Amys Miene und sie rückte ein Stück von ihm ab.

»Was machst du hier?«, fragte sie genervt.

»Ich gehe mit meinem Hund spazieren«, antwortete Lucas schulterzuckend.

»Genau hier?« Ihre Stimme klang verächtlich.

»Entschuldige, aber ich wohne hier. Ich kann ja nicht wissen, dass sich gerade heute Ihre Hoheit auf Heimatbesuch befindet und Ihren edlen Blick über das Meer schweifen lässt. Aber du hast natürlich recht, ich werde in Zukunft diese Bucht nie wieder aufsuchen, weil es ja sein könnte, dass du hier bist«, spottete er.

Amy senkte den Kopf und schaute betreten auf ihre Schuhspitzen. Sie hatte gar nicht so biestig sein wollen, aber Lucas schaffte es noch immer, sie aus dem Konzept zu bringen. Zwischen ihnen lag eine Spannung, die die Luft zum Knistern brachte. Auf jeden Fall nahm sie es so wahr.

Doch das durfte nicht sein. Lucas war jetzt ein verheirateter Mann und mittlerweile sogar Vater einer einjährigen Tochter.

Sie räusperte sich. »Sorry, ich habe überreagiert. Wie geht es dir?«

»Danke, mir geht es bestens. Aber du siehst mitgenommen aus. London tut dir nicht gut.« Lucas musterte sie kritisch.

Diese Augen! Diese unglaublich blauen Augen! Amy biss sich auf die Lippen.

»Nicht jeder findet in der Provinz sein Glück«, sagte sie eine Spur zu schnippisch.

»Stimmt. Manche erkennen es nicht und laufen davor weg.« Lucas Stimme klang ganz ruhig, möglicherweise ein bisschen wehmütig, aber das konnte sie sich auch einbilden.

»Hör zu, Lucas, ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten. Ich wollte einfach nur das Meer genießen und ein wenig von der Hektik Londons entspannen. Sonntagabend reise ich wieder ab – vielleicht können wir uns bis dahin aus dem Weg gehen.« Amy wirkte äußerlich cool, als sie die Sätze sagte, aber innerlich kochten sämtliche Emotionen in ihr hoch, die sie jemals für Lucas empfunden hatte.

Liebe, Wut, Trauer, Sehnsucht, Lust – ihre Gefühle tobten sich bei einer turbulenten Achterbahnfahrt aus, die Amy schwindelig werden ließ, obwohl sie noch immer ganz ruhig auf dem Baumstamm saß.

Lucas stand auf.

»Buster, komm, wir sind hier nicht erwünscht.«

Ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen, verließ er die kleine Bucht über den Pfad, auf dem er gekommen war. Buster streifte an Amys Beinen entlang und schleckte kurz über ihre Hand, bevor er seinem Herrchen folgte.

Kapitel 2

London, Lexington Street

»Was machst du denn schon hier? Wolltest du nicht bis Sonntagabend auf Farthingloe Hall bleiben?« Rose, Amys Mitbewohnerin in London, stemmte die Arme in die Hüften und neigte ihren Kopf schief. »Oh Gott, ein Mann, oder?«, deutete sie treffend Amys gequälten Gesichtsausdruck.

Amy stieß ein prustendes Geräusch aus, schmiss achtlos ihre Tasche auf den Boden und stapfte in die Küche, um sich ein Glas Wein einzuschenken. Wortlos hielt Rose ihr Glas neben die Flasche und gab Amy mit einem Nicken zu verstehen, dass sie ihr bitte auch einschenken möge.

»Musst du morgen nicht fliegen?«, fragte Amy und goss Weißwein in beide Gläser. Rose war als Stewardess genauso viel unterwegs wie sie als Locationscout, bloß dass sie noch häufiger zu absoluten Unzeiten in aller Herrgottsfrüh das Haus verlassen musste.

»Nope, wurde gecancelt. Das heißt, wir zwei Hübschen können uns morgen endlich einmal einen schönen Sonntag machen. Wie lange ist es her, dass wir gemeinsam auf dem Camden Lock Market waren und eine Portion von Hank’s Loaded Fries verputzt haben?« Rose verdrehte beim Gedanken daran genüsslich die Augen.

»Oder diese unglaublich leckeren veganen Wraps von Club Mexicana?«

»Oh ja«, stöhnte Rose. »Und danach zu Miss Poppy Cakes.«

»Oder zu Marley’s Cupcakes«, warf Amy ein.

»Egal«, entschied Rose. »Das wird der Hammer. Ich freu mich schon.« Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und grinste breit.

Amys Gesichtsausdruck verdunkelte sich. »Wobei, ich glaube, daraus wird nichts. Ich denke, es ist besser, wenn ich morgen in der Früh gleich nach Schottland aufbreche. Am Sonntag ist viel weniger Verkehr als montags und …« Amy konnte den Satz nicht beenden, weil ihr Rose mit erhobenem Zeigefinger ins Wort fiel.

»Erstens: Du läufst schon wieder weg. Zweitens: Du hast mir noch immer nicht erzählt, was bei deiner Großante Margaret eigentlich vorgefallen ist. Drittens: Du willst tatsächlich die knapp tausend Kilometer mit deiner Rostlaube fahren? Warum fliegst du nicht?« Rose baute sich vor Amy auf und musterte sie mit strengem Blick.

Amy musste unwillkürlich grinsen, auch wenn Rose sie mit ihren 1,80 Metern eindeutig um einen ganzen Kopf überragte. Aber die Leidenschaft ihrer Mitbewohnerin für quietschbunte Tuniken, knallenge Leggins und hippiehafte Flechtfrisuren raubten ihr einiges von ihrer Autorität. Und dann diese freakige Nerdbrille, die sie neuerdings dazu trug!

»Lach du nicht über mein Outfit!«, forderte Rose, die Amys Grinsen sofort zu deuten wusste. »Es ist ein Statement gegen die Kostümpflicht in meinem Beruf, wodurch an jedem Arbeitstag meine wahre Persönlichkeit unterdrückt wird. Und jetzt beantworte mal schön brav Muttis Fragen.«

»Du bist gerade mal drei Monate älter als ich. Es wäre eine biologische Sensation, wenn du meine Mutter wärst.«

Rose ignorierte den Einwand. »Ausweichen verboten. Los jetzt, raus mit der Sprache. Deine schlechte Laune hat doch bestimmt wieder mit diesem ominösen Lucas zu tun. Du hast mir die Geschichte noch nie richtig erzählt.«

»Weil es da nichts zu erzählen gibt«, erwiderte Amy und hockte sich frustriert auf ihren Stammplatz auf der Eckbank. Ein ziemlich cooles Teil, das sie eigenhändig zusammengezimmert hatte. Aus alten Paletten und jeder Menge Schaumstoff, den sie mit hippen und ausgeflippten Stoffen bezogen hatte, wurde ein Unikat, um das sie jeder Besucher der kleinen Küche beneidete.

»Okay, dann fangen wir mit einer einfacheren Frage an: Warum fliegst du nicht und nimmst dir vor Ort einen Leihwagen? Dann könnten wir morgen gemeinsam zum Market und du würdest trotzdem noch nach Schottland kommen.«

»Aus der Luft sehe ich nichts. So ist bereits der Weg das Ziel. Was meinst du, wie viele Locations ich zufällig gefunden habe – zum Beispiel, weil ich mich verfahren oder absichtlich kleine Umwege über Nebenstrecken eingebaut habe. Nein, fliegen kommt für mich nicht in Frage. Außerdem ist mein Auto keine Rostlaube, sondern ein sehr zuverlässiger Volvo Kombi, in dem ich zur Not auch schlafen kann.«

»Wenn dir dabei nicht versehentlich der Kofferraum durchrostet und du dich auf dem Erdboden wiederfindest.« Rose stieß ein glucksendes Lachen aus, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und stellte ihn schräg daneben. So hatte sie Platz für ihre drei Meter langen Beine.

»Sehr witzig.« Amy zog die Nase kraus. Sie konnte Scherze über ihr Auto nicht leiden. Es hatte ihren Eltern gehört und sie verehrte es wie ein Heiligtum. Niemals würde sie es hergeben, selbst, wenn sie einen neuen Motor einbauen oder höchstpersönlich die Kofferraumklappe anschweißen müsste.

»Also gut, bleiben wir beim Thema. Das Beantworten der Fragen klappt doch schon ganz gut. Wir steigern jetzt die Schwierigkeit ein wenig: Was ist in der Pampa vorgefallen, das dich so schnell zurück in die böse Stadt getrieben hat?« Rose betonte das Wort »böse« übertrieben und malte mit ihren Fingern sogar Anführungszeichen in die Luft. Im Gegensatz zu Amy liebte sie das Stadtleben und konnte nicht verstehen, wie jemand auch nur auf die Idee kommen konnte, eine Metropole freiwillig gegen ein Kuhkaff einzutauschen.

»Nichts ist vorgefallen. Es war nur so, dass Lucas …«

»Hah, wusst ich’s doch!« Rose haute mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich sag dir jetzt was: Bevor du mir nicht die ganze Geschichte von diesem Typen erzählt hast, werde ich diese Küche nicht verlassen – und du auch nicht.«

»Wie gesagt, da gibt es nichts zu erzählen. Wir waren mal zusammen – und jetzt sind wir es nicht mehr.« Amy nahm einen Schluck Wein, um den Kloß in ihrem Hals hinunterzuwürgen. Sie hasste es, dass sie noch immer Heulen musste, wenn sie seinen Namen aussprach. Sie war doch kein kleines Mädchen!

»Pah, ich glaube dir kein Wort. Ich war ungefähr mit hundert Kerlen zusammen und bin es jetzt nicht mehr – aber kein einziger davon treibt mir heute noch die Tränen ins Gesicht.« Rose schaute Amy direkt in die Augen.

»Okay, okay, ich erzähle dir die Geschichte. Aber erst schenkst du mir bitte noch ein Glas Wein ein.« Amy schob ihr Glas zu Rose, die aufstand, zum Kühlschrank ging und mit der Flasche Weißwein wiederkam.

Nachdem Amy einen Schluck getrunken hatte, begann sie zu erzählen.

»Lucas war meine erste große Liebe. Er hatte damals eine Stelle als Volontär beim Folkstone Herald und kam nach Farthingloe Hall, um einen Artikel über Margaret zu schreiben. Ich war auf den ersten Blick hin und weg von ihm.«

»Weil er aussah wie ein junger Gott, oder warum?«, fragte Rose neugierig. Sie hielt eher weniger vom Konzept der ewigen Liebe und genoss ihr Single-Leben mit wechselnden Männern in vollen Zügen. Den Traummann in der hinterletzten Pampa zu finden, erschien ihr mehr als kurios.

»Hm«, überlegte Amy und ließ den Wein im Glas kreisen. »Nein, nicht wegen seines Aussehens. Also, ich fand ihn schon sehr attraktiv, aber es war vor allem seine Eloquenz, die mich beeindruckte. Und sein Lachen. Ich schien ihm auch zu gefallen, denn als das Interview mit Margaret vorbei war und wir ihn zu seinem Wagen begleiteten, fragte er mich geradeheraus, ob ich Lust hätte, mich mit ihm auf einen Drink zu treffen. Das musst du dir vorstellen, das fragte er mich einfach so vor meiner Großtante, ohne Scheu! Das hat mich damals total beeindruckt.«

Rose grinste mitleidig. »Da warst du aber leicht zu beeindrucken.«

Amy ließ sich vom ironischen Ton ihrer Mitbewohnerin nicht aus der Fassung bringen. »Ja, vielleicht war ich das«, gab sie schulterzuckend zurück. »Aber ich empfand eben so. Doch bevor ich dich jetzt mit noch mehr Details langweile: Aus Lucas und mir wurde ein Paar und wir verbrachten fünf wunderbare, kitschige Jahre miteinander auf einer ziemlich rosaroten Wolke 7. Und dann …«

»Wurdest du schwanger und er wollte das Kind nicht? Oder er hat festgestellt, dass er schwul ist?«, fiel ihr Rose mal wieder ins Wort. Sie war schrecklich ungeduldig und es kostete sie beinahe übermenschliche Kräfte, andere Menschen ausreden zu lassen.

»Nein«, antwortete Amy lapidar, »dann bin ich nach London gegangen.«

»Ja, und?«, fragte Rose mit großen Augen.

»Nichts und. Ich bin einfach gegangen. Weil ich dachte, dass ich fortmuss von diesem Ort, weil ich sonst etwas verpasse.«

»Dabei handelte es sich bestimmt nicht um deine schlechteste Entscheidung«, neckte Rose sie. »Sonst wärst du jetzt wahrscheinlich eine rotwangige Hausfrau, hättest drei nervige Kinder an der Backe und dein jährliches Highlight wäre die Wahl des hübschesten Vorgartens zwischen Folkestone und Dover.«

»Ich sagte ja, dass es nichts zu erzählen gibt«, presste Amy aus zusammengekniffenen Lippen hervor.

Rose trank einen Schluck Wein und fixierte Amy durch ihre riesigen Brillengläser. »Und warum schaust du dann so, als hättest du seit drei Wochen Verstopfung?«

Amy schwieg, aber ihre Lippen bebten.

»Aaaaammyyy, rede mit mir«, forderte Rose.

»Lucas hat eine andere Frau kennengelernt. Und geheiratet. Und ein Kind mit ihr. Und ein Haus. Und …«

»Warte, Liebes, nur, damit ich dich richtig verstehe: Du hast Lucas verlassen – weil du in einem deiner wenigen lichten Momente dem Provinzkaff entfliehen wolltest – und dein überaus beeindruckender Freund hat dich einfach so ziehen lassen, ohne auch nur daran zu denken, mit dir nach London zu kommen. Wahrscheinlich war er mittlerweile Redakteur beim Folkostone Dingsbums Käseblatt, was ganz sicher der Traum eines jeden ambitionierten Journalisten ist. Deswegen konnte er dich selbstverständlich nicht begleiten. Also hat er sich kurzerhand das nächste Dorfmädel geschnappt und ihr ratzfatz ein Kind angehängt, damit sie ihn nicht auch noch sitzenlässt. Willst du meine Meinung wissen: Sei froh, dass aus euch nichts geworden ist. Hätte er dich geliebt, wäre er mit dir nach London gekommen.« Rose trank ihr Glas auf einen Zug leer und knallte es auf den Tisch.

»Nein, damit tust du ihm unrecht«, verteidigte Amy Lucas, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht verteidigen wollte, weil sie exakt unter dieser Tatsache noch immer litt: Dass er sie ohne Widerrede hatte gehenlassen.

»Was genau lässt dich denn um ihn trauern?«, fragte Rose besänftigend. »Immerhin hast du ihn verlassen, es war deine freie Entscheidung. Im Übrigen eine goldrichtige Entscheidung, wenn du mich fragst.«

»Ich glaube, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte bei ihm bleiben sollen. Nie wieder habe ich einen Mann getroffen, bei dem ich mich so wohlgefühlt habe.«

»Du bist so ein Herzchen, Amy. Lass mich nachrechnen …« Rose zählte die Finger ihrer beiden Hände nach einem undurchschaubaren System rauf und runter und umklammerte schließlich den kleinen Finger ihrer rechten Hand. »Also, du warst zwanzig, als du Lucas kennengelernt hast. Mit fünfundzwanzig bist du nach London gekommen. Du bist jetzt zweiunddreißig. Also seid ihr seit sieben Jahren getrennt. SIEBEN JAHRE! War dieser Lucas ein Sexgott, oder was? Ich meine, sieben Jahre! Mensch Amy, so lange würde ich nicht einmal Ian Somerhalder nachtrauern. Und der Typ ist wirklich heiß.«

»Du bist so oberflächlich, das ist schlichtweg unfassbar«, stöhnte Amy.

»Und du bist so 19. Jahrhundert, dass es nicht auszuhalten ist. Du hast dich in deinem Leben zu viel mit alten Dingen beschäftigt – und dir dabei eine antiquierte Lebenseinstellung angeeignet. Du bist jung, du siehst gut aus, du hast einen tollen Job – so what? Genieß das Leben! Es kann viel zu schnell vorbei sein.«

»Danke, dessen bin ich mir durchaus bewusst.«

»Oh, verdammt. Sorry!« Rose biss sich auf die Lippen. »Du weißt, dass ich es nicht so gemeint habe, oder? Das mit deinen Eltern tut mir wirklich leid.«

»Ja, ja, schon gut«, wehrte Amy ab.

Es klingelte.

»Oh, das müssen Stacey und Mike sein. Wir wollen in den neuen Club im East End, du weißt schon, der versteckte Laden, von dem ich dir erzählt habe. Du kommst doch mit, oder?« Rose warf ihre einen fragenden Blick zu und sprang auf, um die Haustür zu öffnen.

Auf keinen Fall würde Amy mitkommen. Sie war schon verwirrt genug und hatte keine Lust auf einen aufreibenden Partyabend. Sie wollte sich einfach nur in ihr Bett kuscheln, schlafen, ohne von Lucas zu träumen, und morgen in aller Früh nach Schottland aufbrechen.

»Amy, kommst du?«, rief Rose aus dem Flur.

»Nein«, brummte sie unwillig zurück.

»Aaaaammmyyyyy«, riefen nun auch Stacey und Mike und kamen kichernd wie Teenager in die Küche gerannt.

Oh Gott, was hatten die denn eingeworfen? Amy hob abwehrend die Arme, als Roses Freunde sie von der Eckbank zerren wollten.

»Ich muss morgen nach Schottland, ich geh ins Bett, statt in den Club. Da könnt ihr kreischen, so viel ihr wollt«, versuchte sie, die beiden von sich fernzuhalten.

Stacey und Mike warfen sich einen verschwörerischen Blick zu und kicherten. Rose stand im Türrahmen und stimmte mit ein.

»Du bist eine wunderbare, kleine Spießerin«, stieß Mike schließlich hervor und hauchte Amy einen Kuss auf die linke Wange. Sein Atem roch nach Mojito, seine Pupillen sahen aber eher so aus, als hätte er sich ganz andere Dinge eingeschmissen.

»Ja, das bist du«, stimmte Stacey ihrem Bruder zu und drückte ihre Lippen auf Amys rechte Wange. Sie hinterließ einen deutlichen Abdruck ihres dunkelroten Lippenstifts. »Spießig und stur, deswegen ist es zwecklos, dich zum Mitkommen überreden zu wollen. Aber wir lieben dich trotzdem. Schlaf gut.« Stacey winkte ihr neckisch zu, als sie auf ihren zwölf Zentimeter hohen Stilettos aus der Küche Richtung Haustür stöckelte. Rose und Mike folgten ihr aufgeregt plappernd.

Nun musste auch Amy grinsen. Seit sie mit Rose zusammenlebte, lernte sie die schrägsten Vögel von London kennen. Sie mochte den bunten Haufen, obwohl – oder vielleicht gerade deswegen – weil die Leute total anders waren als sie.

Wahrscheinlich wäre es gar nicht so schlecht gewesen, mit ihnen um die Häuser zu ziehen und auf andere Gedanken zu kommen. Das ewige Wühlen in längst vergangenen Zeiten tat ihr nicht gut. Aber sie konnte einfach nicht anders. Die Vergangenheit blieb für immer ein sicherer Hafen, während die Zukunft ein Ort der Ungewissheit war. Und Amy hasste Ungewissheit.

Amy Yesterday Abott hatte Lucas sie manchmal mit leisem Spott in der Stimme genannt.

Und dann hatte er sie geküsst.

Ob sie jemals wieder ein Mann so küssen würde?

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